Trauer um Dr. Herbert Hupka

- Schlesien ist sein Vermächtnis -


Der plötzliche Tod unseres Ehrenvorsitzenden Dr. Herbert Hupka am 24. August 2006 erfüllt alle Mitglieder und Freunde der Landsmannschaft Schlesien mit tiefer Trauer. Die Schlesier verlieren mit ihm eine Leitfigur, die ihnen über Jahrzehnte Zuversicht und Orientierung gab. Der Philologe, Journalist und Politiker prägte als Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien in seiner 32 jährigen Amtszeit von 1968 - 2000 den Verband, war für die Öffentlichkeit und für die heimatbewussten Schlesier das Gesicht Schlesiens.

Hupka, am 15.08.1915 auf Ceylon geboren, hier waren seine Eltern während einer Seereise nach China von den Briten zu Beginn des 1. Weltkrieges in einem Lager interniert worden, musste in seinem Leben schwere Schicksalsschläge hinnehmen und wurde Kämpfer gegen das Unrecht und das Vergessen. Früh verlor er den Vater, der nach der Freilassung der Familie 1918 aus britischer Gefangenschaft in Australien bei der Fahrt nach Deutschland, geschwächt durch viele Entbehrungen, einer Influenza erlag. Seine Kinder- und Jugendjahre verbrachte Hupka in der von ihm bis heute geliebten Stadt Ratibor in Oberschlesien.

Das Unrecht an der Familie Hupka fand unter den Nationalsozialisten seine Fortsetzung. Seine Mutter, eingestuft als sogenannte Halbjüdin, litt im KZ Theresienstadt. Er selbst wurde wegen seiner Abstammung 1944 als wehrunwürdig aus der Wehrmacht entlassen und inhaftiert. Als er nach dem Krieg mit seiner Mutter nach Ratibor zurückkehrte, brachte ihm dies eine neue Inhaftierung, diesmal durch Polen und die spätere Vertreibung.

Als begnadeter Redner und brillanter Journalist faszinierte Hupka die Schlesier und gab ihnen immer wieder neue Motivation. Es waren seine klaren sowie wirkungsvollen Aussagen für die Rechte der Vertriebenen, die Gegner seiner politischen Anliegen zum Anlass nahmen für unsachliche Kritik bis hin zu Schmähungen. Für ihn, der auf seinem Lebensweg Unrecht wie kaum ein anderer hinnehmen musste, eine schmerzliche Erfahrung, die ihn aber nicht erschüttern konnte. Die Schlesier erinnern sich mit viel Respekt um den öffentlichen Streit mit Bundeskanzler Kohl um das Motto des Deutschlandtreffens 1985 "Schlesien bleibt unser", den Hupka mit großer Energie durchstand, wohlwissend dass dies auch das Ende seiner Karriere als Bundestagsabgeordneter im Jahr 1987 für die CDU einleitete.

In seinen Büchern, Aufsätzen, Buchbesprechungen und Kommentaren hat er Schlesien lebendig gehalten. Sein letztes Werk "Schlesien kennt kein Amen" ist ein Appell an uns und unsere Nachkommen, nicht von Schlesien zu lassen, sich für das Land einzubringen, es mitzugestalten. Dieser Einsatz für Schlesien war es, der ihm bei unseren Landsleuten in der Heimat hohe Anerkennung brachte. Sein Wirken für die Verständigung fand Zustimmung auch bei polnischen Stellen, die ihren Ausdruck insbesondere in der Verleihung des Titels "Verdienter Bürger der Stadt Ratibor" fand.

Herbert Hupka war bis zu seinem Todestag aktiv für die Landsmannschaft Schlesien tätig, sorgte sich um sie, gab Ratschläge und regte Initiativen an. Sein Tod reißt eine nicht zu schließende Lücke in unseren Verband. Wir nehmen in großer Trauer Abschied von einem Patrioten, der sein Leben Schlesien gewidmet hat. Die Landsmannschaft Schlesien hat Herbert Hupka mit ihrer höchsten Auszeichnung, dem Schlesierschild, geehrt, weil er sich in einzigartiger Weise um Schlesien verdient gemacht hat. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten.

Rudi Pawelka
Bundesvorsitzender

Prof. Dr. Michael Pietsch

Präsident der Bundesdelegiertenversammlung
- Schlesische Landesvertretung -

Peter Großpietsch und Christian Kuznik
stellvertr. Bundesvorsitzender

 

Meine Erinnerung an Herbert Hupka

von Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Pietsch
Präsident der Schlesischen Landesvertretung der Landsmannschaft Schlesien

 


Wenn Herbert Hupka vor meinen Augen erscheint, verdichtet sich die Erinnerung im Gedankenblitz auf zwei Dinge. Da ist einerseits die große, hagere Gestalt mit dem kantigen Gesicht und zum anderen die auch im Alter deutliche Stimme mit der immer präzisen Sprache. Ein Meister des Wortes. Sehr genau erinnere ich mich noch an unser erstes Zusammentreffen. Das war 1977, Deutschlandtreffen der Schlesier, Politische Kundgebung in der Essener Gruga-Halle. Abertausende Menschen füllen das Rund, ich - der Abiturient - mittendrin mit Cousine und Klassenkamerad, den ich für Schlesien interessieren konnte. Herbert Hupka redet, die Menschen klatschen begeistert. Dann kommt er auf eine herabwürdigende Fernsehsendung über die Landsmannschaft zu sprechen. Ich hatte den Chefredakteur empört angeschrieben und ihm eine Kopie zugeschickt. Plötzlich zitiert er aus dem Brief eines jungen Schlesiers an Radio Bremen. "Das bin ich," sage ich ganz aufgeregt zu meinen Begleitern. Nach der Veranstaltung gehe ich nach vorne - nicht leicht bei dieser Menschenmenge. Viele Landsleute stehen um ihn herum. Aber Herbert Hupka ist schon von weitem sichtbar. Er überragt die ihn bedrängenden Menschen mindestens um einen Kopf. Man kann ihn gar nicht verfehlen. Ich stelle mich kurz vor, er lobt den Einsatz für die Landsmannschaft. Eine alte Frau bittet um ein Foto von uns beiden. Sie darf knipsen. Dann gehen wir wieder unsere Wege.

Es bleibt also seine körperliche Erscheinung in Erinnerung. Herbert Hupka war ein großer Mann: aufrecht im Gang, eine bisweilen elegante Erscheinung, immer den Überblick behaltend. Ich will diese Aussage auch im übertragenen Sinn verstanden wissen. Vor über sechs Jahrzehnten begann die Vertreibung. Sie dauert trotz europäischer Einigung durch die polnischen Sonderregelungen zur Niederlassungsfreiheit an. Eine gerechte Klärung der Eigentumsfrage ist auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Und das Minderheitenrecht für unsere heimatverbliebenen Landsleute hält dem europäischen Vergleich nicht stand. Vieles ist noch zu tun - vieles wurde aber auch schon getan. Es sei nur an den Gebrauch der deutschen Sprache vor und nach der politischen Wende erinnert. Oder die zunehmende wirtschaftliche Orientierung Schlesiens nach Westen. Herbert Hupka hat jeweils die Zeichen der Zeit erkannt. Er hat gestritten für einen gerechten Lastenausgleich und die Integration der Heimatvertriebenen, als dies erforderlich war. Er hat sich gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gestemmt, solange das sinnvoll gewesen ist. Und als die Wende kam, wußte er, dass die Heimatvertriebenen nur eine Chance haben, wenn sie den jetzt in unserer Heimat lebenden Menschen offenherzig gegenübertreten. Rasch hatte er formuliert: "Die Zeit der Monologe ist vorbei - jetzt muß der Dialog gepflegt werden." Auch bei mir hat diese bis dahin ungewohnte Sichtweise zum Umdenken geführt. Herbert Hupka hat bei allem Reden und Argumentieren immer Stil bewahrt. Herabsetzung war nicht seine Art. Das hat ihm Anerkennung verschafft auf allen Seiten, sogar in Polen. Auch wenn man anderer Ansicht war: den Menschen Herbert Hupka hat man akzeptiert.

Politisches Handeln hat sich immer an einem Ziel zu orientieren. Die Mittel und Wege, dieses zu erreichen, ändern sich aber in der Zeit. Wer sich dabei ungeschickt verhält, gefährdet letztlich das Ziel. Welches Ziel hatte Herbert Hupka? Er wollte, dass Schlesien im Strom der Zeit nicht untergeht. Eines der kulturell, wissenschaftlich-technisch und ökonomisch prägenden Länder Deutschlands sollte nicht dem Vergessen anheim fallen, seine Menschen und ihre Eigenarten nicht nur noch eine Reminiszenz an bessere Zeiten sein. Und deshalb hat er geredet und geschrieben, appelliert und gestritten für sein Schlesien. Die Zahl seiner Bücher und Sammelbände, seiner Zeitungsbeiträge und Leserbriefe ist fast unübersehbar. Vielleicht das wichtigste seiner Bücher ist sein letztes. Und der vielleicht wichtigste Artikel das Schlußkapitel dieses Buches: "Schlesien kennt kein Amen". Mahnung und zugleich Gewissheit . Es ist wie eine Fügung, dass der 90jährige dieses Buch noch machen konnte - für uns noch machen konnte. In ihm kommt der wache Geist ein letztes Mal zur Geltung. Wer es liest, hört ihn reden. Immer, wenn wir seine Schriften in die Hand nehmen werden, wird uns sein Reden begegnen. Was also auch in Erinnerung bleiben wird, ist seine Stimme.

Die letzten Jahre haben zu einer Verdichtung unserer Kontakte geführt. Regelmäßige Treffen in Berlin, Görlitz, Haus Schlesien - dort haben wir uns auch das letzte Mal gesehen. Immer wieder Telefonate, Karten und Briefe. Seine letzte Zusendung: das neue Buch mit einer Widmung. Mein letztes Schreiben: ein Brief aus Breslau mit Grüßen zum 91. Geburtstag. Ich war für einige Tage mit der Familie in der Heimat. Die Kinder wollten endlich einmal sehen, wo die Großeltern gewohnt haben. Es war eine wunderbare Reise durch Niederschlesien. Zunächst schönstes Spätsommerwetter. Wälder und Felder, Schlösser und Kirchen unter blauem Himmel mit fast endlosem Blick über das Land. Am letzten Tag etwas Regen, ein Hauch von Frühherbst. Die Tage werden jetzt wieder kürzer und bald fällt der erste Schnee in den schlesischen Bergen. Der Winter wird das Land bedecken. Aber es kommt dann wieder ein Frühling und wieder ein Sommer. Dieses dauernde Werden, Vergehen und wieder Werden Schlesiens wird Herbert Hupka nicht mehr miterleben können. Seine Bahn hat sich vollendet. Am Mittwoch sind wir aus Schlesien zurückgekehrt, am Donnerstag ist er verstorben. Wir können uns über die Reise und unsere Erlebnisse in der Heimat nicht mehr austauschen. Keiner wird sich mehr mit ihm austauschen können. Was bleibt, sind unsere individuellen Erinnerungen an ihn - unseren großen Landsmann. Was wir auch ohne Herbert Hupka für Schlesien zu tun haben, ist klar: er hat es uns oft genug gesagt.



 

Kulturpreis Schlesien für Dr. Herbert Hupka

In den geschichtsträchtigen Räumen des Celler Schlosses wurde jetzt durch den Niedersächsischen Minister für Inneres und Sport, Uwe Schünemann (CDU), der Kulturpreis Schlesien 2005 verliehen. Dr. Herbert Hupka bekam einen Sonderpreis zuerkannt, die beiden anderen Preisträger waren die Historikerin Angelika Marsch und der Schriftsteller Tadeus Kijonka, Der Kulturpreis Schlesien wurde zum 28. Mal verliehen. Er wurde 1977 auf Anregung von Dr. Hupka von der damaligen Niedersächsischen Landesregierung unter Ministerpräsident Dr. Ernst Albrecht zum ersten Mal vergeben, um schlesisches Kulturgut in Erinnerung zu bringen. 1991 wurde die Vergabepraxis geändert, in dem in jedem Jahr ein deutscher und ein polnischer Schlesier ausgezeichnet werden.
"So ist aus dem ehemaligen Vertriebenenpreis ein Begegnungspreis geworden, der jedes Jahr Menschen aus Deutschland und Polen zusammenführt. Sechzig Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges sotten durch solche Begegnungen die Schatten des Krieges langsam verblassen", erklärte Minister Schünemann in seiner Begrüßungsansprache. Der Marschall der Woiwodschaft Niederschlesien, Pawel Wroblewski wies auf die Veranstaltungen des Deutsch-Polnischen Jahres hin, die zum Ziel haben, das Bild von Polen in der deutschen Gesellschaft zu verdeutlichen, die zehnjährige Zusammenarbeit zwischen Niederschlesien und Niedersachsen käme in vielen kulturellen Begegnungen zum Ausdruck. Die Verständigung von Völkern könne nicht von "Eliten" öffentlich erklärt werden, sondern müsse von ganz "normalen" Menschen praktiziert werden. Angelika Marsch erhielt den Kulturpreis Schlesien für ihre "Aufsehen erregende Entdeckung der Reisebildes des Pfalzgrafen Ottheinrichs, die sie in den Tiefen der Magazine der Würzburger Universitätsbibliothek entdeckt hatte", erklärte ihr Laudator Professor Dr. Jan Harasimocicz. Angelika Marsch wies in ihrem Dankeswort auf das viele Bildmaterial hin, das nur auf eine Zusammenarbeit der Museen wartet.
In Vertriebenenkreisen etwas kritisiert wird der zweite Preisträger Tadeus Kijonka, der sich in Oberschlesien seit vielen Jahren für diese Region engagiert. Sein Schaffen umriss sein Laudator Dr. Andreas Lawaty mit dem Zitat des Elsässers Rene Schickele: Mein Herz ist zu groß für ein Vaterland und zu klein für zwei". Die zentrale Aussage der Arbeiten von Tadeus Kijonka fasste der Laudator in der Frage zusammen, die der Schriftsteller in einem Gedicht stellt: "Wie viel muss der Mensch vergessen, um sich erinnern zu können?" Damit ging Dr. Lawaty auf die schwere Kindheit des Schriftstellers ein. Im Zwiespalt der deutsch-polnischen Kämpfe in Oberschlesien. "Wir leben in Europa jetzt ohne Grenzen und haben die Chance, neue Brücken zu schlagen nach der Gesetzmäßigkeit der Hoffnung", rief Tadeus Kijonka in seinem Dankeswort seinen Zuhörern zu. Besonders von den vertriebenen Schlesiern wurde der Sonderpreis begrüßt, der in diesem Jahr Dr. Herbert Hupka für sein Lebenswerk verliehen wurde. In ihrer Laudatio betonte Dr. Idis Hartmann den vielseitigen Einsatz Dr Hupkas für seine Heimat Schlesien, als Sprecher der Vertriebenen, als Bundestagsabgeordneter, als Schriftsteller und immer wieder als Mahner, die schlesische Kultur weiter zu tragen, "Der Preis sei eine Verbindung zwischen Deutschen und Polen" meinte Dr. Hupka, "Schlesien prägt die Menschen, gestern wie heute, Schlesien bleibt Heimat und die Vertreibung dürfe nicht das letzte Wort sein, das über Schlesien gesprochen werde". In diesem Zusammenhang wies Dr. Hupka auf sein neues Buch hin, das unter dem Titel "Schlesien kennt kein Amen" im Herbst erscheinen wird. Er wünsche sich, dass die nächste Preisverleihung des Kulturpreises Schlesien nicht in Breslau, sondern in Oppeln, Ratibor oder Kattowitz erfolgen sollte. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von den drei Preisträgern des Bundeswettbewerbes Jugend musiziert Georg Bauer, Valentin Worlizsch und Bernhard Rath, die mit ihren Cellis ihre Zuhörer begeisterten.
(Jutta Graeve)