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Vor mehr als 90 Jahren wurde "Tillowitz" selbstständig
Oder wie das oberschlesische Porzellan aus Tillowitz marktführend wurde

Vor mehr als 90 Jahren wurden die bekannten Porzellanerzeugnisse (besser als "Tillowitzer Porzellan" bekannt) der Porzellanfabrik Reinhold Schlegelmilch nur noch in Tillowitz, Kreis Falkenberg, Oberschlesien produziert. Ein wichtiges Datum für die "Schlegelmilch Porzellan", da das weltweit bekannte Markenprodukt der Schlegelmilchs seither ausschließlich in Tillowitz hergestellt wurde.

1869 wurde in Suhl (Thüringen) durch den späteren Seniorchef Reinhold Schlegelmilch die Porzellanfabrik Reinhold Schlegelmilch gegründet. Sein Sohn, Erhard Schlegelmilch, der die Familientradition aufrecht erhalten wollte und zugleich guter Geschäftsmann war, nützte 1889 die einmalige Gelegenheit die Gräfliche Frankenbergische Porzellanmanufaktur - seit 1858 diese Bezeichnung führend - in Tillowitz, bereits eine Erstgründung des Grafen Johann Carl Praschma (die Jahre 1800, 1804 und 1813 werden in der Literatur als Gründungsdatum dieser ersten Tonwarenfabrik in Tillowitz angegeben) zu pachten. Die durchaus günstige wirtschaftliche Lage (Anbindung an die Eisenbahnlinie, billige Arbeitskräfte und Nähe zum oberschlesischen Kohlerevier) sicherte eine rasche Entwicklung des gepachteten Betriebes. 1894 wurde eine neue Fabrik durch Eckhard Schlegelmilch mit finanzieller Unterstützung seines Vaters gebaut und als Zweigniederlassung der Stammfirma in Suhl eingetragen. 1905 kaufte Eckhard Schlegelmilch die bisher gepachtete alte Fabrik. Als neuer Inhaber verlegte er alle Abteilungen mit ihren Beschäftigten in die neue und zwischenzeitlich sehr erweiterte Fabrik, wobei die alte erst 1938 aus dem Handelsregister gestrichen wurde. Es ist anzunehmen, dass die alte Fabrik als Lager für Rohstoffe und Fertigprodukte genutzt wurde.
Bis 1916 nutzten beide Fabriken (die Stammfirma in Suhl/Thüringen und die Zweigniederlassung in Tillowitz/Oberschlesien) die gleichen Firmenzeichen (Markenzeichen), daher ist es jetzt schwer eindeutig festzustellen zu können, ob bestimmte Produkte in Suhl oder doch in Tillowitz geschaffen wurden. Deshalb kann man die Zeitspanne zwischen 1894 und 1916 als gemeinsame Geschichte eines Unternehmers betrachten. Bis 1916 bezeichnete man die in Oberschlesien liegende Fabrik, die bisweilen nur eine Niederlassung war, als Porzellanfabrik Reinhold Schlegelmilch, Zweigniederlassung Tillowitz, da der Hauptsitz bekanntlich in Suhl lag. 1916 wurde die namensgebende Stammfabrik in Suhl geschlossen. Die neue Firmenbezeichnung in Oberschlesien lautete - bis 1945 verwendet - Reinhold Schlegelmilch Porzellanfabrik Tillowitz. Die sich in Suhl befindlichen Verwaltungsgebäuden wurden aber erst 1932 nach Tillowitz verlegt.

Hergestellt wurde vor allem Gebrauchs- und auch Luxusgeschirr. Anfangs des 20. Jahrhunderts wurde bis zu 95% der laufenden Produktion jedoch exportiert. Hauptabnehmer waren die USA und Kanada, die Produkte aus Tillowitz haben sich weltweit gegen zahlreiche Konkurrenten durchgesetzt, sogar im Orient war das Tillowitzer Porzellan bekannt. Daher verwundert es nicht, dass die größte Anzahl der Sammler des Tillowitzer Porzellans sich in den USA befindet, die in Sammelvereinigungen sich zusammengeschlossen haben. Manche dieser Vereinigungen weisen gegenwärtig 500 bis 600 Mitglieder aus! In New York, zum Beginn des vergangenen Jahrhunderts, gab es sogar eine eigene Agentur (mit angeschlossenem Musterlager), so wichtig war dieser Handelspartner für die Porzellanfabrik. Doch in Nord-Amerika ist das Tillowitzer Porzellan meistens als "R.S. Prussia" bekannt, "R.S." steht für Reinhold Schlegelmilch und ist dem sehr bekannten Markenzeichen (Firmenzeichen: R.S. im Kranz mit der Halbrundschrift "Prussia") entliehen. Die so gemarkten Erzeugnisse sind nach wie vor die begehrtesten Sammelobjekte in den USA, die bis heute leidenschaftlich - als sog. "Prussia- Porzellan" - gesammelt werden.

Markenzeichen (auch Firmenzeichen genannt), die zu der Kennzeichnung des Porzellans aus Tillowitz verwendet wurden, kann man grundsätzlich in zwei bzw. drei Gruppen aufteilen:
- 1852 - 1905 Graf Frankenberg´sche Porzellanmanufaktur,
- 1894 - 1945 Porzellanfabrik von Reinhold Schlegelmilch,
- 1945 - bis heute.
Die dritte Gruppe von Markenzeichen bezieht sich jedoch nicht auf Porzellan sondern mehrheitlich auf Porzellit, da nach Kriegsende Porzellanerzeugnisse nur zwischen 1946 und 1951 produziert wurden.
Am bekanntesten sind Produkte mit dem Markenzeichen "RS", die - wie bereits erwähnt - für Reinhold Schlegelmilch stehen. Das häufigste und meist verbreitete Markenzeichen ist das Zeichen "RS" in einem Kranz, unter dem folgende Schriftzüge wie: Prussia, Germany, Tillowitz oder Silesia platziert sind. Es gibt eine Vielzahl von Farb- und Schriftzuggestaltungsmöglichkeiten dieser Art anzutreffen (ca. 500 Kombinationsbeispiele wurden erforscht!). Das RS-Zeichen wurde zwischen 1905 - 1945 weltweit sehr stark verbreitet, gleichwohl wurde es sehr flexibel verwendet.
Das relativ seltene Zeichen EPOS (Globe) wurde zwischen 1926-1945 als Einzel- oder auch als Zusatzmarkierung eingesetzt und steht für Edel Porzellan Ober Schlesien, wobei manche Quellen erst das Jahr 1928 als Einführungsjahr angeben.
Dabei sollte man nicht außer Acht lassen, dass es noch unzählige weitere Markenzeichen gegeben hat, die im Zusammenhang mit dem "RS"-Porzellan stehen und anzutreffen sind.
Auch die nach 1945 hergestellten (nun polnischen) Erzeugnisse - anfangs sehr der Vorkriegszeit ähnelnd - werden mit einem vom Original abgeänderten Markenzeichen signiert.
Interessante und zugleich eine durchweg kuriose Markierung ist die der Jahre 1947-1950, die folgenden Schriftzug führt: "Poland China / Made in (German) Poland".

Eine erwähnungswerte Einmaligkeit der Tillowitzer Porzellanproduktion sind Porzellanfiguren, die eine besondere Leistungsfähigkeit unbestritten voraussetzt. Hervorragende Schöpfer von Figuren waren:
- der Chefmodelleur Gustav Rüffler und sein Sohn Max,
- der Modelleur Wilhelm Kahlert,
- der Kunsthistoriker Dr. Kurt Bimler.
Diese wussten die schwierige Aufgabe außergewöhnlich gut zu meistern, weil es eine einmalige Symbiose der eigenen Geschicklichkeit und der richtigen Wahl der Rohstoffmasse war.
Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass die sehr selten anzutreffenden Porzellanfiguren aus Tillowitz wahre Kunstwerke waren und immer noch sind. Sie sind das Stolz jedes Sammlers; sie waren der Stolz und zugleich ein sehr begehrtes Produkt der Tillowitzer Porzellanfabrik!
Die Produktion der Figuren umfasste die Jahren 1920 - 1935, wobei sich auch hier die namhaften Experten des Porzellans aus Tillowitz uneinig sind, wenn es um die Exaktheit der Zeitspanne geht.
Der Leiter der Ostdeutschen Werkstätten in Oberschlesien mit Sitz in Neisse, der Schweizer Professor Adolf Zutt, wusste diese Einmaligkeit der Tillowitzer Präzisionsarbeit sehr gut zu schätzen. Die Aufgabe der Werkstätten war es, das Niveau der Erzeugnisse der Devotionalienkunst zu verbessern. Zwischen 1924 und 1930 entstanden auf diese Weise zahlreiche, neben diesen mit weltlichen Motiven, Figuren mit religiösen Darstellungen, die mit einem zusätzlichen Sonderzeichen der Ostdeutschen Werkstätten versehen waren.
Die Tillowitzer Porzellan-Figuren bescherten ihren Schöpfern Achtung und Ruhm, sie wurden und werden weiterhin als eine einmalige Schönheit bewundert.

Ob man nur eine einzige kleine Sammeltasse oder eine Figur oder auch eine ganze Sammlung, egal ob große oder kleine, der Porzellanfabrikate aus Tillowitz besitzt, sollte man sich der Tatsache bewusst sein, dass man im Besitz von Objekten einer vergangenen Epoche ist, einer Epoche, die gleichzeitig das Zeugnis für das Reichtum der historischen ostdeutschen Region ablegt, das zu bewahren, zu pflegen gilt und der nachwachsenden Generation als Erbe und Auftrag zu geben ist.


Damian Spielvogel

Tillowitz 1:
Obstschalen und Schüsseln aus Tillowitz
(kleine Auswahl; aus der Privatsammlung: Damian Spielvogel)

 

Tillowitz 2:
Zwei Mocca-Tassen aus Tillowitz
(aus der Privatsammlung: Damian Spielvogel)

 

Tillowitz 3:
Frühstückssätze (sog. Sammeltassen) aus Tillowitz
(kleine Auswahl; aus der Privatsammlung: Damian Spielvogel)

 

Tillowitz 4:
Deckeldosen aus Tillowitz
(aus der Privatsammlung: Damian Spielvogel)

 

Tillowitz 5:
Vasen aus Tillowitz
(kleine Auswahl; aus der Privatsammlung: Damian Spielvogel)

 

Tillowitz 6:
Absolute Rarität - Tillowitzer Figuren: Madonna mit Krone und Madonna mit Kind


(aus der Privatsammlung: Damian Spielvogel)

 

 


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