Deutschlandtreffen
der Schlesier
- Heimat Schlesien in Europa -
Festliche Stunde
Rudi Pawelka
Bundesvorsitzender
Landsmannschaft Schlesien
- Nieder- und Oberschlesien -
Nürnberg, den 02. Juli 2005
Messezentrum, Saal Brüssel
Sperrfrist: Sonnabend, den 02. Juli 2005, 10.00 Uhr
- Es gilt das gesprochene Wort -
Anrede
Wenn wir 60 Jahre nach Kriegsende in Nürnberg zusammengekommen sind, so ist dies ein denkwürdiges Deutschlandtreffen. Erst vor einigen Wochen erlebten wir die Jubiläumsfeierlichkeiten zu diesem Jahrestag und wir hörten insbesondere aus Moskau eine Deutung der jüngsten Geschichte, die nicht nur uns Vertriebene zutiefst verletzen musste.
Niemand will etwas von der Schuld des nationalsozialistischen Regimes verdrängen oder etwas relativieren. Wir mahnen nur an, bei allen Betrachtungen das Schicksal von Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Dieses Schicksal ist unteilbar. Dabei kann nicht unterschieden werden, welcher Nationalität ein Opfer ist, denn alle Menschen, die ungerechtfertigte Gewalt traf, verdienen es, in gleicher Weise gewürdigt zu werden. Ungerechtfertigte Gewalt traf auch viele Millionen Deutsche während und nach dem Krieg. Auch wenn über Deutschland, anders als in Japan, keine Atombomben abgeworfen wurden, mörderische Flächenbombardements gegen die Zivilbevölkerung waren ebenso ein Verstoß gegen das Kriegs- und Völkerrecht. Man stelle sich vor, welch ein Aufschrei heute im Zeitalter der Medien durch die Welt ginge, wenn ein solches Verbrechen jetzt begangen würde. Bei Angriffen auf Flüchtlingstrecks durch Flugzeuge, übrigens auch durch die Westmächte, wäre dies genau so.
In besonderer Weise zu verurteilen ist vor allem die Gewalt, die noch nach dem 08. Mai 1945 einsetzte und die Millionen Deutschen den Tod brachte: In der Kriegsgefangenschaft, bei der Vertreibung, bei den zur Zwangsarbeit verschleppten Zivilpersonen oder in den vielen Konzentrationslagern, die von den sowjetischen Besatzern in Mitteldeutschland oder von Polen in Ostdeutschland oder von Tschechen in ihrem Machtbereich für die deutsche Zivilbevölkerung eingerichtet wurden. Selbst ein Staat wie Dänemark ließ deutsche Vertriebene über Jahre in KZ-ähnlichen Lagern dahinvegetieren, kärglich versorgt und ohne ärztliche Hilfe. Gerade jetzt entdeckte eine dänische Journalistin die Gräber von 7.000 deutschen Kindern, die unter diesen Bedingungen ums Leben kamen. Der weltbekannte Fußballtrainer Udo Lattek, als achtjähriger aus Ostpreußen geflüchtet, berichtete wiederholt in Talkshows des Fernsehens von seiner dreieinhalbjährigen Haft in einem dänischen KZ.
Wir können Bundespräsident Köhler danken, dass wenigstens er auf die Leiden der Deutschen aufmerksam machte. Hätte man heute mehr Bildmaterial über dieses Geschehen, so wäre die Meinung in der Welt sicher eine andere. Bilder aus Bosnien, aus dem Kosovo, nicht zuletzt von der Erschießung von Männern aus Srebenica haben dies gezeigt.
Die Vertriebenen haben schon seit langem den Eindruck, sie sind ein ungeliebtes Kind, zu Feudalzeiten sagte man dazu Kegel.
Zum ungeliebten Kind wurden wir nicht, weil wir durch besondere Unart auffielen, andere Opfergruppen verhalten sich viel aggressiver, sondern weil unsere bloße Existenz lästig ist, denn man wird durch uns an offene Fragen erinnert, die man lieber nicht anpackt. Das ungeliebte Kind wird möglichst versteckt, ist eigentlich gar nicht mehr da. Das Zauberwort Integration liefert die Grundlage hierfür. Gleichzeitig tut man alles, um Erinnerungen auszulöschen:
Ostdeutschland ist jetzt die Bezeichnung für Mitteldeutschland, obwohl es dort immer noch Firmen, Zeitungen und ein Rundfunkhaus gibt, die das Wort "mitteldeutsch" im Namen führen. Man spricht hochstaplerisch von Wiedervereinigung, obwohl Deutschland in der heutigen Form nie bestanden hat und verdrängt so die geschlagene Wunde. Man sagt, die Deutschen haben die Einheit und Freiheit Deutschlands vollendet und das Grundgesetz gelte damit für das gesamte deutsche Volk, so die Präambel des Grundgesetzes, und verdrängt damit die deutsche Volksgruppe in den Vertreibungsgebieten aus dem Bewusstsein. Solidarität unter Deutschen ist wenig gefragt, schon eher mit Ausländern.
Nationale Kulturtraditionen unterliegen der Beliebigkeit, die ostdeutsche Komponente, die Beiträge der Schlesier, Ostpreußen, Westpreußen und Pommern genießen einen geringen Stellenwert.
Es wird also vieles unternommen, um Ostdeutschland und die Vertriebenen vergessen zu machen, ihre Vertreter an den Rand zu drängen. Diese Taktik haben wir durchschaut, einschüchtern lassen wir uns nicht.
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Unsere Deutschlandtreffen sind Begegnungen, sind ein Wiedersehen von Schlesiern
und ein Quell dafür, schlesische Atmosphäre zu atmen, um mit neuer
Motivation im Alltagskampf für unsere Ziele zu arbeiten. Die Schlesier
zeichnen sich aber vor allem dadurch aus, dass sie ihren Standpunkt zu aktuellen
Fragen und Anliegen immer offen bekundet haben. Dies wollen wir auch auf diesem
Deutschlandtreffen so halten.
Es gibt starke politische Kräfte in unserem Land, die unter die offenen Fragen aus der Vergangenheit einen Schlussstrich ziehen möchten. Manche sind große Ostpolitiker geworden, weil sie sich über die Rechte der Vertriebenen und über das Schicksal von Menschen hinweggesetzt haben. Diese Schlussstrichpolitik gilt für sie allerdings nicht für nationalsozialistisches Handeln. Dieses Unrecht wird nur zu gern instrumentalisiert, um gegen unsere Anliegen Stimmung zu machen.
Bundeskanzler Schröder hat deutsche Vermögensansprüche gegenüber Polen oder Tschechien als rechtsgrundlos bezeichnet und die gemeinsame Haltung aller Vorgängerregierungen, Vertreibung und Enteignung seien völkerrechtswidrig, verlassen, im übrigen auch die bis Mitte 2004 geltenden Aussagen seiner Regierung. Professor Eckart Klein bezeichnet in seinem gerade veröffentlichten Gutachten, das er im Auftrag des Deutschen Bundestages erstellt hat, Schröders Äußerungen zu den Ansprüchen von Vertriebenen als ermessensfehlerhaft und die Verweigerung diplomatischen Schutzes als verfassungswidrig.
Die Geschichte wird nicht durch Ansprüche Vertriebener auf den Kopf gestellt, wie Schröder in Warschau meinte, sondern nach Professor Klein dadurch, dass Tatsachen nicht zur Kenntnis genommen und aus ihnen keine Konsequenzen gezogen werden. Auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit muss das Recht eine Antwort finden, so Klein weiter. Nach seiner Meinung zeigt sich die Leistungsfähigkeit des Völkerrechts nicht nur bei der Verhinderung, sondern mindestens so sehr bei der Wiedergutmachung von Unrecht. Eine Schlussstrichmentalität stärkt das Völkerrecht nicht, sondern ist ihm abträglich. Mit einer solchen Haltung wird Unrecht nicht wiedergutgemacht, sondern verdrängt. Es ist kurzsichtig, sich davon Befreiung und Versöhnung zu erhoffen. Die Wiedergutmachung des Vertreibungsunrechts, inbegriffen die Konfiskationen, verlangt nach einer gemeinsamen Anstrengung. Will Deutschland Polen wirksam aus seiner völkerrechtlichen Verpflichtung entlassen, wird es die polnische Wiedergutmachungspflicht durch eigene angemessene Entschädigungsregelungen zu substituieren haben, mit diesen Bemerkungen schließt Professor Klein sein Gutachten.
Die Aufforderung zu einer Entschädigungsregelung für die Vertriebenen durch Deutschland selbst ist auch eine Forderung, die aus Polen kommt. Offenbar weiß man dort trotz aller gegenteiliger Beteuerungen, wie die Rechtslage wirklich ist. Wir wären pflichtvergessen, wenn wir unsere Rechte nicht vertreten würden. Was wir bei uns brauchen, ist Solidarität unter Deutschen. Wir brauchen keine Tricksereien beim Umgang mit dem Recht, kein Ausmanövrieren von Bevölkerungsgruppen, schon gar keine Beschimpfungen. Die Polen haben es durch ihre geschlossene Haltung in nationalen Fragen immer wieder verstanden, sich gegenüber deutschen Regierungen durchzusetzen, während man von der deutschen Politik nur zu gern gegen ausgemachte "Störenfriede" vorging, die eine Vertretung deutscher Interessen anmahnten.
Es gibt eine Reihe offener Fragen aus der Vertreibung, zu nennen sind insbesondere die vorenthaltenen deutschen Kulturgüter, die Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter, die Rechte der deutschen Volksgruppe in Schlesien sowie die Aufarbeitung der Vertreibung. Auch die Erinnerungskultur, wie sie sich in einem Zentrum gegen Vertreibungen manifestieren soll, ist sicher ein wichtiges Anliegen, das allerdings nicht als Ersatz für die Lösung offener Fragen gesehen werden darf. Ich warne ausdrücklich davor, das Zentrum gegen Vertreibungen als Podium gegen unsere Satzungsanliegen zu missbrauchen, wie einige Unterstützer, die außerhalb unserer Verbände stehen, dies versuchen.
Über viele Jahre sind die Vertriebenen als Botschafter der Verständigung tätig. Vor Ort hat sich meist gutes Einvernehmen entwickelt, Vertrauen wurde aufgebaut. Allerdings zeigt sich, dass es auch eine polnische Staatsdoktrin gibt, die mögliche Lösungen auf unterer Ebene einfach nicht zulässt. Ein solches Verhalten ist nicht geprägt von europäischem Geist, sondern von polnischem Nationalismus. Ihnen sind auch Aussagen aus Warschau im letzten Jahr bekannt, die zudem aus altem kommunistischen Sprachgebrauch stammen. Da war wieder von wiedergewonnenen Gebieten Ostdeutschland betreffend die Rede oder von Umsiedlern, wenn man die Vertriebenen meinte. Dies kam nicht von irgendwem, sondern stand in einer Entschließung des polnischen Parlaments und findet sich auch in Schreiben des Staatspräsidenten wieder.
Es muss unter einem europäischen Dach, innerhalb der europäischen Rechtsgemeinschaft möglich sein, auch schwierige Fragen zu besprechen und zu lösen. Polen und andere neue Mitgliedsstaaten sind mit schwerem Ballast aus der Geschichte in die Europäische Union aufgenommen worden, ohne dass sie Bemühungen unternehmen, diesen Ballast abzuwerfen. Über die Erfüllung der Beitrittskriterien ist man großzügig hinweggegangen. Wenn man heute der Türkei sagt, sie müsse im Fall des Genozids gegen die Armenier die Wahrheit bekennen, weil sei sonst nicht dem europäischen Geist entspreche, so ist die unterschiedliche Behandlung Polens und Tschechiens nicht nachvollziehbar. Wie will man der Europaverdrossenheit begegnen, wenn man mit zweierlei Maß misst ?
Trotz der seit über einem Jahr eingetretenen Verstimmung im Verhältnis zwischen Deutschland und Polen wollen wir uns nicht entmutigen lassen. Schon einmal haben wir ein Ziel nie aus den Augen verloren, obwohl es schon von vielen aufgegeben war, nämlich das Ziel der deutschen Einheit. Freiheit, Menschenrechte und Demokratie waren am Ende stärker. Heute geht es um das Schicksal von Menschen, die immer noch unter dem Unrecht der Nachkriegszeit leiden müssen, in der Heimat oder bei uns. Ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen, die mit Füßen getretene Menschenwürde wieder herzustellen, ist eine Verpflichtung, zu der wir uns bekennen. Wir sind auf einem schwierigen Weg. Gerade weil dies so ist, sollten wir uns nicht auseinanderdividieren lassen. Lassen wir es aber auch nicht zu, dass unsere Ziele verändert oder relativiert werden. Es ist für mich unfassbar, wie Menschen sich wandeln, ihr Fähnlein in den Wind hängen. Was gestern mit Vehemenz vertreten wurde, gilt bei manchem schon morgen nicht mehr und man streitet plötzlich für das Gegenteil. Plötzlich werden dann die angegriffen, die diese Kehrtwende nicht mitmachen. So sollten wir nicht miteinander, aber schon gar nicht mit unseren Anliegen umgehen.
Häufig hören wir, weil es deutsche Verbrechen gab, dürfen wir nicht über Verbrechen an Deutschen, geschweige von Wiedergutmachung reden. Alles, was über die Deutschen hereingebrochen sei, habe seine Ursache oder sei sogar verständlich durch die von Deutschen begangenen Untaten. Die Deutschen haben sich selbst zerstört, so die Meinung von Außenminister Fischer. Diese Aussagen sind nicht nur infam, sondern ebenso geschichtslos und lassen zudem das geltende Völkerrecht außen vor. Lassen wir uns auf keinen Fall von denen beeindrucken, die mit der Keule des NS-Unrechts unsere Rechte zerschlagen wollen.
Wie ist eigentlich Frankreich bestraft worden für die Eroberungsfeldzüge und Verwüstungen, die durch Napoleon über Europa gebracht wurden ?
Bei dem Versuch, fremde Schuld zu relativieren, scheut man kaum vor abwegigen Begründungen zurück. Die nationalsozialistischen Machthaber haben eine Evakuierung der deutschen Einwohner im Osten vor der Sowjetarmee zu spät angeordnet, so dass dadurch viele Menschen der Gewalt einer zügellosen Soldateska ausgesetzt waren. Also nicht die Täter sind die eigentlichen Schuldigen, sondern die Deutschen selbst. Warum gab es eigentlich im Westen keine Evakuierungen ? Warum im Westen keine Vertreibungen ?
Wer die Geschichte aufarbeiten will, um die Zukunft zu gewinnen, der muss dies auf der Grundlage der Wahrheit und des Völkerrechts beginnen. Die Missachtung dieser Voraussetzung führt nur zu Verwerfungen in der Zukunft.
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Die Landsmannschaft Schlesien ist die Heimat vieler Schlesier geworden. Sie wird auch weiter Garant dafür sein, dass Schlesien weiterlebt. Helfen Sie alle mit, helfen Sie nicht nur durch Beifall, sondern auch durch tätige Hilfe, auch was die Finanzierung dieses Deutschlandtreffens betrifft. Gewinnen wir neue Freunde und überzeugen wir durch klare Argumente. Wie Umfragen zeigen, sind wir auf dem Weg, auf immer mehr Verständnis und Zustimmung in der Bevölkerung zu stoßen.
Wir danken der Bayerischen Landesregierung für ihre ideelle und materielle Unterstützung für dieses Treffen. Diese Zuwendung hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Schlesier sich in Bayern wohlfühlen.
Wir danken auch der Stadt Nürnberg für die Grußworte und Beachtung, die wir hier finden.
Ihnen allen wünsche ich noch zwei interessante Tage der Begegnung, verbunden mit dem Dank für Ihr Kommen und die damit verbundenen Mühen, die Sie auf sich genommen haben.
Das Deutschlandtreffen der Schlesier im Jahr 2005 ist eröffnet.
Schlesien Glückauf !