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Reden zum Deutschlandtreffen

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Begrüßung und Eröffnungsrede

bei der Politischen Kundgebung des

Deutschlandtreffens der Schlesier 2007

 

durch den

Präsidenten der Schlesischen Landesvertretung

Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Pietsch

 

   Hannover, 1. Juli 2007

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Freunde Schlesiens,

liebe Schlesierinnen und Schlesier aus nah und fern,

ich eröffne hiermit die Hauptkundgebung des Deutschlandtreffens der Schlesier im Jahr 2007. Es ist das 62. Jahr seit dem Beginn der Vertreibung aus der schlesischen Heimat. Wenn wir vor all denen Achtung haben und uns vor ihnen verneigen, die dieses schwere Schicksal durchlitten haben, soll damit zugleich aber auch das Signal ausgehen nach Deutschland, nach Europa, in die Welt:

Seht her, die Schlesier lassen sich nicht unterkriegen,

sie lieben ihre Heimat,

sie wollen sich am dringend nötigen Aufbau dieses Landes beteiligen

- jawohl:

Schlesien ist nicht Geschichte,

Schlesien lebt und hat Zukunft!

Ich freue mich mit dem Bundesvorstand und der schlesischen Landesvertretung über die Tausenden in dieser Halle. Darunter sind etliche Vertreter des öffentlichen Lebens, die uns Schlesierinnen und Schlesiern, die der schlesischen Sache ihre Referenz erweisen: 

Ich begrüße mit großer Freude die Vertreter der Kirchen:

-          Mit besonderer Herzlichkeit freue ich mich über die Anwesenheit unseres Vertriebenenbischofs, S.E. Weihbischof Gerhard Pieschl, den wir Schlesier heute für seine Zuneigung und seinen Einsatz unsere höchste Auszeichnung verleihen werden. Herzlich Willkommen!

-          Ich begrüße Geistlichkeit und Laienvertreter der Apostolischen Visitatur für die Priester und Gläubigen aus dem Erzbistum Breslau und in Vertretung S.E. des Herrn Visitators Winfried König Herrn Konsistorialrat Wolfgang Blau.

-          Für die Gemeinschaft Evangelischer Schlesier heiße ich herzlich willkommen den Vorsitzenden Herrn Pfarrer Dr. Christian-Erdmann Schott und den Präsidenten des Schlesischen Kirchentages Herrn Alt-Landespastor Dr. Hans-Ulrich Minke.

Vertreter von Parlamenten und Regierungen befinden sich unter uns. Und wenn ich aus formalen Gründen auch erst an dieser Stelle dazu komme, gehört einer davon eigentlich ganz nach vorne. Er ist nicht das erste Mal bei den Schlesiern. Er ist kein Schlesier, aber er hat in all den zurückliegenden Jahren immer zu uns gehalten, auch als eine frühere Landesregierung uns auf der Straße hat stehen lassen, im kalten Wind. Er wollte immer und hat beständig daran festgehalten, daß wir mit unserem großen Treffen dahin zurückkehren, wo so viele heimatvertriebene Schlesierinnen und Schlesier ein neues Zuhause gefunden haben. Jetzt sind wir wieder hier und er ist bei uns! Ich begrüße mit besonderer Herzlichkeit den Freund der Schlesier, ich begrüße den Ministerpräsidenten unseres Patenlandes Niedersachsen Herrn Christian Wulff!

Ich begrüße herzlich den niedersächsischen Landesbeauftragten für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Herrn Landtagsabgeordneten Rudolf Götz.

Die Organisationen unserer Landsleute in Schlesien sind ebenfalls unter uns. Ich begrüße für den Deutschen Freundschaftskreis Herrn Friedrich Schikora aus Gleiwitz. Und ich freue mich an dieser Stelle auch über unsere schlesischen Landsleute, die aus Nieder- und Oberschlesien in langer Fahrt zu uns nach Hannover gekommen sind. Seien Sie uns herzlich willkommen!

An dieser Stelle habe ich bei den vergangenen Kundgebungen immer auch einen Vertreter der Botschaft der Republik Polen bei der Bundesregierung begrüßen können. Leider wurde unsere Einladung diesmal nicht angenommen und unser Einladungsschreiben auch nicht beantwortet. Ich freue mich über jeden Dialog mit unseren Nachbarn und spreche schon jetzt eine herzliche Einladung für das nächste Schlesiertreffen aus.

Viele Vertreter von Verbänden, Vereinigungen und Stiftungen der deutschen Heimatvertriebenen sind unter uns:

-         An ihrer Spitze begrüße ich den Vizepräsidenten des Bundes der Vertriebenen, unseren niedersächsischen Landesvorsitzenden der Landsmannschaft Schlesien Helmut Sauer.

-          Für die Bundesvorstand der Landsmannschaft der Oberschlesier heiße ich unseren Freund Willibald Piesch herzlich willkommen.

-          Für die Schlesische Jugend begrüße ich den Bundesvorsitzenden Gernod Kresse. Und ich will an dieser Stelle auch ein herzliches Dankeschön sagen der Schlesischen Jugend, daß sie wieder den Einzug der Trachten- und Fahnenabordnungen vorbereitet und organisiert hat. Ihnen ist sicherlich wie auch mir wieder das Herz dabei aufgegangen! Christoph Wylezol deshalb ein herzliches Dankeschön für diese farbenfrohe Darbietung.

-          Ich begrüße Reinhard Blaschke, den Präsidenten der Stiftung Haus Schlesien – und ich betone an dieser Stelle: es soll unser aller Haus Schlesien im Westen Deutschlands sein.

 

Ich freue mich über die Anwesenheit weiterer wichtiger Vertreter kultureller, politischer und wissenschaftlicher ostdeutscher Gremien:

-          vom Schlesischen Museum zu Görlitz Herrn Dr. Bauer

-          von der Stiftung Schlesien Frau Pfützenreuter

-          von der Stiftung Kulturwerk Schlesien in Würzburg Herrn Dr. Borchert

-          von der Jury für den Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen Frau Dr. Hartmann

-          von der Zentralstelle Grafschaft Glatz Herrn Großpietsch

-          vom Schlesischen Kreis-, Städte- und Gemeindetag Frau Graeve-Wölbling

Ich begrüße die Presse: die bundesdeutsche, die ausländische – und hierbei insbesondere die polnischen Medien – sowie auch unsere schlesische Presse. Wie immer freuen wir uns über eine gute, eine umfangreiche und eine faire Berichterstattung.

Einer, den ich in der Vergangenheit immer an dieser Stelle begrüßt habe, ist nicht mehr unter uns: unser Ehrenvorsitzender Dr. Herbert Hupka. Er wollte immer, dass wir nach Hannover zurückkehren können. Heute würde deshalb auch er Genugtuung empfinden. Ich bin aber froh, die Frau unter uns willkommen heißen zu können, die so viele Jahrzehnte an seiner Seite gestanden hat, in guten, aber eben auch in schweren Zeiten. Ohne dieses Mittun wäre Dr. Herbert Hupka nicht „unser Hupka“ geworden. Wir freuen uns, liebe Frau Hupka, Sie und ihren Sohn in unserer Mitte zu haben!

Ich begrüße die Mitglieder des Bundesvorstandes unserer Landsmannschaft mit dem Bundesvorsitzenden Rudi Pawelka an der Spitze und die Mitglieder der Schlesischen Landesvertretung. Ich freue mich über die Teilnahme so vieler Vertreter der Landes-, Bezirks- und Kreisvorstände unserer Landsmannschaft.

Zuletzt begrüße ich alle bisher nicht Genannten: Alt und Jung, Schlesier und Nichtschlesier, aus der Bundesrepublik, aus Schlesien und aus dem Ausland. Ihre Treue und Zuneigung zu Schlesien sind Garantie für die Zukunft unserer Heimat. Seien Sie uns alle herzlich willkommen! 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

kein Leben währt ewig. Das wissen wir alle. Jedes einzelne ist einzigartig und wertvoll und es hat eine Bedeutung vor Gott, der Leben gibt und nimmt. Keiner ist für sich da. Wir sind Träger eines Erbes, das wir übernommen haben von denen, die schon gegangen sind, und weitergeben müssen an die, die noch kommen. Unser Heimatschriftsteller Cosmus Flam, vermisst im brennenden Breslau der letzten Kriegstage, hat über das Werden Schlesiens noch vor der Vertreibung geschrieben:

„Wir gehen auf dieser Erde und wandern im Lichte. Kurz ist der Tag und unser aller Leben wird uns am Ende dünken wie eine Stunde. Aber dass wir hier gegangen sind in einem deutschen Lande, schön und groß und weit und breit, des sind wir in der Schuld jener, die vor uns waren. Daß keiner von uns sie vergäße. Denn wer je seiner Ahnen vergäße, vergäße seiner selbst.“

Und so wollen wir es immer wieder und auch heute halten, derer zu gedenken, die vor uns da waren und uns geprägt haben. Ich darf Sie bitten, sich zu erheben.

Wir gedenken aller Landsleute,

-          deren Lebensbahn sich in guten Zeiten in der Heimat vollendet hat,

-          denen das Leben genommen wurde bei Flucht und Vertreibung,

-          die sich in Verzweiflung das Leben genommen haben, weil sie nicht mehr ein noch aus wussten, ich denke dabei besonders an die gedemütigten Frauen,

Wir gedenken der Kinder, die so hoffnungsvoll geboren wurden, deren Leben aber auf den verschneiten Straßen, durch Hunger, durch Gewalt ausgehaucht wurde.

Wir gedenken derjenigen, die in der Vertreibung verstorben sind,

und auch derjenigen, die vor zwei Jahren noch rechts oder links von uns gesessen haben.

In besonderer Zuneigung gedenken wir Dr. Herbert Hupka. Wir vermissen ihn sehr. Er hat alles für sein Schlesien gegeben, ein ganzes Leben lang. Viele von uns hat er geprägt. Wenn wir uns jetzt vor allen Verstorbenen unseres Volksstammes verneigen und ihrer schweigend gedenken, dann wollen wir auf diese Weise auch ihm unseren tiefen Dank abstatten.

Ich danke Ihnen! 

Liebe Landsleute, liebe Gäste,

es ist vielfältig schon gesagt und auch geschrieben worden, dass wir Ihnen, verehrter Herr Ministerpräsident, zu Dank verpflichtet sind. Dank nicht nur dafür, dass Sie uns – wie eingangs von mir schon gesagt – die Treue gehalten haben. Nein, Dank auch dafür, dass Sie durch vielfältige Unterstützung dieses Treffen in Hannover erst möglich gemacht haben und trotz des politischen gegenwindes zu uns gekommen sind. Sie befinden sich damit in der Tradition Ihres von uns hochgeschätzten Vorgängers Ernst Albrecht. Er hatte 1981 den Schlesiern geschrieben:

„Ich freue mich, dass wir Niedersachsen den Schlesiern durch unsere Patenschaft so eng verbunden sind. Diese Patenschaft ist für uns eine Ehrenpflicht. Wir sind glücklich, dass die Landsmannschaft Schlesien nun in unserer Landeshauptstadt Hannover ihre Deutschlandtreffen veranstaltet.“

Ernst Albrecht hatte Recht. Es ist eigentlich eine Ehrenpflicht, dass die deutschen Volksstämme in schweren Zeiten zusammenstehen und den unterstützen, der der Unterstützung bedarf. Daß andere das zeitweilig anders gesehen haben, mussten wir zur Kenntnis nehmen. Daß viele von uns dieses Verhalten als Demütigung empfunden haben, nach all dem, was man durchlitten hat, ist nur zu gut zu verstehen. Daß kein dauerhafter Schaden aus dieser Situation entstanden ist, haben wir der Besonnenheit der Verantwortlichen zu verdanken, zu denen eben auch Sie, Herr Ministerpräsident, gehören. Und dass wir in der Zwischenzeit nicht auf der Straße stehen mussten, dafür wollen wir an dieser Stelle auch einmal der bayrischen Staatsregierung und insbesondere Herrn Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber ein Dankeschön sagen!

Lassen wir die Vergangenheit ruhen und wenden wir uns der Zukunft zu. Und die hat – mit ihren Chancen – vor über 25 Jahren Ernst Albrecht ebenfalls zutreffend beschrieben. Er sagte:

„Wir Niedersachsen sind den Schlesiern eng verbunden in der Liebe zur Heimat und zu unserem Vaterland, in dem stillen Willen, ein freies und einiges Europa zu schaffen, ein Europa als ein freiheitliches Modell einer Friedensordnung, in der ganz verschiedene Völker miteinander leben, ohne Haß, ohne Grenzen, ohne Unterdrückung, ohne Unmenschlichkeit.“

Meine Damen und Herren, das klang vielleicht damals ein wenig unwirklich, vielleicht aber auch visionär. Heute wissen wir, es war realistisch. Ernst Albrecht nahm den Faden auf, der von den Heimatvertriebenen drei Jahrzehnte zuvor mit der Charta der Heimatvertriebenen begonnen wurde. Auch damals war man der Überzeugung, dass wir Ostdeutsche erst eine Chance erhalten können in einem einigen Europa. Und wenn wir ehrlich sind, so ist es auch gekommen. Manche Fragen sind weiterhin offen und bedürfen einer Antwort. Ich nenne nur die schwierige Eigentumsfrage, den Umgang mit dem Kulturgut eines anderen Volkes und das Verhalten gegenüber den Angehörigen einer Volksgruppe, die gewaltsam zur Minderheit im eigenen Land geworden ist. Solche Probleme sind nicht mit Tricks, sondern nur durch Wahrhaftigkeit zu lösen – aber von beiden Seiten. Die Chance dazu besteht – eben durch die europäische Einigung. Weil Haß, Unterdrückung und Unmenschlichkeit beendet wurden, weil die Grenze ihre Bedeutung als undurchdringbare Teilungslinie verloren hat, weil Europa das Ziel hat, dass ganz verschiedene Völker miteinander leben können, um die Worte von Ernst Albrecht aufzugreifen.

Die Heimatvertriebenen und ihre Nachfahren sind dazu bereit. Weil eben die Liebe zur Heimat die beste Triebfeder für dieses Miteinander ist. Was kann diesem Land, das unsere Ahnen in weiten Teilen der Wildnis abgerungen haben, dessen jahrhundertealte Kultur unsere Großeltern, unsere Eltern und auch uns geprägt hat, Besseres passieren, als dass die, die es lieben, ihm das zurückgeben wollen, was sie zuvor empfangen haben. Jedes Land, jede Region hat eine eigene Seele. Das spüren wir doch auch, wenn wir auf den Plätzen unserer alten Städte stehen und durch ihre Straßen wandeln – vielleicht im Winter, bei Schneefall, in der Stille des Abends, um ein Eichendorff-Motiv aufzunehmen. Im Miteinander mit den jetzigen Bewohnern – polnische europäische Mitbürger und heimatverbliebene deutsche Landsleute – wollen wir dazu beitragen, dass eine gute Entwicklung Schlesiens gelingen kann. Wir haben ein moralisches Recht dazu, weil diese Form von Miteinander Ziel des geeinten Europas ist. Wir haben dazu aber auch die Pflicht, weil wir Träger des schlesischen Erbes sind. Denn wer sollte das tun, wenn nicht wir?

Meine Damen und Herren,

es stimmt sicherlich der Satz: Regierungen kommen und gehen, die Menschen aber bleiben die gleichen. Das augenblickliche Miteinander der Regierungen ist schwierig. Das wissen inzwischen auch unsere anderen europäischen Nachbarn und auch unsere Gesprächspartner in Schlesien. Ich will Sie alle aber eindringlich bitten, darunter nicht die vielfältigen Kontakt, die wir alle zu den Menschen in der Heimat haben, leiden zu lassen. Zum Schluss waren es in der Vergangenheit immer einzelne Menschen, die sich gegenseitig in persönlicher Verantwortung Schaden zugefügt haben. Es sind deshalb vor allem die einzelnen Menschen, die zusammenkommen müssen, damit Gegenwart und Zukunft unserer Heimat gut gestaltet werden können. Wir Heimatvertrieben sind dazu bereit. Unsere ausgestreckte Hand bleibt weiterhin ausgestreckt.

Einer, der ebenfalls seine Hand ausstreckt, der Versöhnung predigt und auch praktiziert, ist unser Vertriebenenbischof. Die Landsmannschaft Schlesien hat deshalb beschlossen, in Anerkennung und Würdigung der besonderen Verdienste Herrn Weihbischof Pieschl den Schlesierschild zu verleihen. Diese Ehrung können nur wenige Persönlichkeiten erhalten. Bevor der Bundesvorsitzende Rudi Pawelka und sein Stellvertreter Peter Großpietsch diese Ehrung vornehmen, will ich noch zwei Schlesierschild-Träger unter uns begrüßen. Ich freue mich, dass Herr Dr. Schulze-Rhonhof und – aus Oberschlesien angereist – Herr Blasius Hanczuch unter uns sind.

Ich darf nun Herrn Großpietsch um seine Laudatio für Weihbischof Pieschl bitten.