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Ökumenischer Gottesdienst
zum Deutschlandtreffen der Schlesier
Freitag, 29. Juni 2007, 17.00 Uhr
in der Marktkirche Hannover

Prediger: Landespastor em. Dr. Hans-Ulrich Minke, Oldenburg
Präsident des Schlesischen Kirchentages


Es gilt das gesprochene Wort.

Predigt

Jeremia 29, 1. 4-7

Dies ist der Wortlaut des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an die Ältesten, Priester und Propheten und das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte.

 

So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels zu den Weggeführten:

Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter…; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Sucht der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn, denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s auch euch wohl.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

vom christlichen Bürger ist heute zu reden.
‚Sucht der Stadt Bestes!’ schreibt der Prophet Jeremia in dem Schriftabschnitt, der unser Predigttext ist, den nach Babylon zwangsumgesiedelten Israeliten und fordert sie damit auf, sich für Babylon zu engagieren und dort zu Wohlergehen und Frieden beizutragen: Baut Häuser, pflanzt Gärten, sorgt für ein funktionierendes Familienleben – das sind Grundbedingungen für menschliches Zusammenleben und für Lebensqualität. Jedes Gemeinwesen braucht Bürgerinnen und Bürger, die sich so verhalten. Die Lebensqualität in einem, Land oder in einer Stadt – das wissen wir alle längst – hängt nicht nur von dem ab, was in Politik und Wirtschaft entschieden wird, sondern ganz wesentlich auch davon, wie zuverlässig die Bürger arbeiten und wie fair und menschlich sie miteinander umgehen. Darum fordert Jeremia die Deportierten in Babylon auf: ‚Sucht der Stadt Bestes!’ und Gleiches gilt selbstverständlich auch für uns, liebe Schwestern und Brüder: Gott will, dass wir der Stadt Bestes suchen und – für unser Land beten.

Das ist die Aufgabe, die Heimatvertriebene auch 60 Jahre nach Flucht und Vertreibung haben. Heute geht es deshalb um die Aufgabe, die wir jetzt haben, und um den Beitrag, den wir Christen heute leisten sollten. Darum habe ich den Brief des Jeremia an die Deportierten in Babylon für den Eröffnungsgottesdienst des Schlesiertreffens gewählt. Sie haben sich vielleicht darüber gewundert. Wir hätten ja auch Geschichte und Kultur Schlesiens beschwören oder an die  Umstände der Vertreibung und des Neuanfangs erinnern können, wo doch feststeht, dass viele aus der Erlebnisgeneration, sofern sie noch leben, die schlimmen bösen Erlebnisse nicht bewältigen konnten und Angst und bitteres Erleben immer noch mit sich tragen. Gleichzeitig könnten wir in diesem Eröffnungsgottesdienst dankbar festzustellen, dass das Schlesiertreffen wieder einmal in Hannover – beim Paten der Schlesier –  stattfindet und nicht ausschließlich im Bayerischen Nürnberg angesiedelt bleibt. Nur, liebe Gemeinde – das wissen wir –, die wir hier in diesem Eröffnungsgottesdienst sind: Der Blick in die Vergangenheit allein  reicht  nicht, wenn wir der Gegenwart gerecht werden und sie bewältigen wollen. Wir feiern Gottesdienst, und der Gott, den wir anbeten,  ist nicht ein Gott der Vergangenheit, sondern er ist gegenwärtig und bietet Zukunft. Seit Jesus Christus von den Toten auferstanden ist, ist er keine Gestalt der Vergangenheit, sondern eine Gestalt der Gegenwart und der Zukunft. Kein Mensch darf deshalb immer nur nach rückwärts sehen und Vergangenheit bewältigen oder Schuldzuweisungen akzeptieren müssen, sondern wir können mutig, mit Vernunft und Augenmaß tun, was Gott von uns heute und morgen erwartet. ‚Sucht der Stadt Bestes’, ist die Vorgabe Gottes. Vermutlich fällt dabei den Heimatvertriebenen die besondere Aufgabe zu, dass sie  die alte Heimat im Auge behalten und das neue Zuhause nicht vernachlässigen. Schlesien verpflichtet – keine Frage; die Städte und Dörfer, in denen wir jetzt leben, verpflichten auch. Was heißt das nun? Versuchen wir eine Standortbestimmung.

Zu aller erst brauchen wir den klaren Blick für das Vernünftige und Machbare, und wir sollten uns hüten vor falschen Träumen und Ideologisierungen. Davor können wir uns nur schützen, wenn wir uns an Gott orientieren und versuchen, uns und unseren Alltag mit seinen Augen zu sehen. Dieser Gottesbezug ist für christliche Bürger lebenswichtig, weil er realistisch und nüchtern macht. Dafür ist der Brief an die Israeliten in Babylon ein geradezu klassisches Dokument: Der Brief entzaubert Hoffnungen und macht vernünftig. Im Jahr 597 vor Christi Geburt hatte der babylonische König Nebukadnezar Adlige und Beamte, Kaufleute und Handwerker nach Babylonien zwangsumgesiedelt und ihnen dort einen Wohnplatz zugewiesen. Viel Phantasie braucht es nicht, um sich vorzustellen, wie sich die Deportierten gefühlt haben: Sie werden sich gefragt haben, wie es mit dem Widerstand gegen den babylonischen Aggressor weitergehen kann und wie sie sich in der multikulturellen Gesellschaft der Metropole Babylon verhalten sollten, wo doch ihr Gott im Tempel von Jerusalem zurückgeblieben war. In dieser Situation war es Zumutung und Ernüchterung zugleich, wenn sie Jeremia auffordert, ausgerechnet hier Häuser zu bauen, Gärten anzulegen und der Stadt Bestes zu suchen; keineswegs dürfen sie bei Trauer, Zorn und bei vergeblichen Hoffnungen stehen bleiben. Das war für die Deportierten ein geradezu revolutionärer Gedanke, auch wenn das, was Jeremia empfiehlt, recht hausbacken klingt. Wir können wohl ermessen, wie intensiv hier umzudenken war; denn das Schicksal der Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg gleicht in vielem dem Schicksal der Deportierten in Babylon, obwohl die Heimatverriebenen   n i c h t   in feindliche Städte kamen. Wie lange haben zum Beispiel meine Eltern und viele andere mit ihnen, die aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen gekommen waren, voller Sehnsucht nach der verlorenen Heimat auf Rückkehr gehofft – ganz und gar nicht bereit, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ihr neuer Wohnort, auch wenn er nur eine Flüchtlingsbehausung war, die Stadt sei, die Gott ihnen zugewiesen hatte. Selbstverständlich haben die Not, der Lebenswille und auch das lange Warten auf Rückkehr letzten Endes dazu geführt, Häuser zu bauen und der neuen Stadt Bestes doch zu suchen. Unbestritten haben die Heimatvertriebenen ihren Beitrag für die Erneuerung Deutschlands und die Lebendigkeit der katholischen und evangelischen Kirche geleistet. Es wäre sehr zu wünschen, dass das auch heute nicht vergessen würde, sondern im Bewusstsein bliebe. Es ist an der Zeit, die Leistungen der Vertriebenen für das neue moderne Deutschland und ihr Bemühen um Versöhnung anzuerkennen. Dann wäre die Diskussion um das Zentrum gegen Vertreibungen, um die Opfer und die Schuld entspannter und sachlicher, und ostdeutsche Kultur und Tradition wären selbstverständlicher Teil des deutschen Bewusstseins. Ich habe den Eindruck, liebe Schwestern und Brüder, als müsste ich für das Positive von Schlesien, Pommern und Ostpreußen werben und die Leistungen der Vertriebenen besonders herausstellen, denn nicht immer sind Vertriebene in der Lage, sich  an den Orten, an denen sie gelandet sind, für eine Bürgergesellschaft zu engagieren und der Stadt Bestes zu suchen. Viele Flüchtlinge in der Welt können das nicht leisten, weil die Verhältnisse gegen sie sind. Wie können z. B. Flüchtlinge in Lagern im Sudan, in denen man nur hungern und sterben kann, das Beste für ihr Land suchen?!

Was uns veranlassen sollte, uns als christliche Bürger zu engagieren, – und das ist zweitens zu sagen – ist die Überzeugung, dass die Erde, auf der wir leben, Gottes Schöpfung ist und wir dafür mitverantwortlich sind. Was Jeremia von den Israeliten in Babylonien fordert, klingt schlicht, ja fast einfältig: baut, wohnt, pflanzt, esst, heiratet, zeugt Kinder. Was Jeremia fordert, ist eine Art Fundamentalprogramm für menschliche Gemeinschaften; jede Forderung könnte man einer Analyse unserer gegenwärtigen Gesellschaft zugrunde legen. Mit statistischen Daten von Eheschließungen und -scheidungen, Geburtenziffern, Zukunfts- und Bindungsängsten und sozialer Kälte will ich hier nicht langweilen. Stattdessen weise ich darauf hin, dass Christen hier ihre Aufgabe haben. Unser Predigttext lädt uns ein, auf unser Bürgersein zu achten. Unser Bürgersein ist eine Sache persönlicher Einstellung. Wir wissen: Demokratie ist nicht nur eine Frage der geschriebenen Verfassung und der Einhaltung von Gesetzen, sondern Demokratie ist vor allem eine Frage des persönlichen Lebensstils. Das soziale Klima in unserem Land hängt auch davon ab, ob jede Bürgerin und jeder Bürger die Zuwendung zum Hilfsbedürftigen und Schwachen als eigene persönliche Aufgabe begreift. Das Helfen sollte für jeden für uns einen besonderen Stellenwert haben. Eine neue Kultur der Nächstenliebe ist notwendig, wenn unser Gemeinwesen menschlich weiter kommen, ich könnte auch sagen, wenn es nicht verkommen soll.

Liebe Schwestern und Brüder, könnte es sein, dass Schlesier und andere Heimatvertriebene  von Gott mit dieser neuen Bürgerlichkeit besonders beauftragt sind, weil sie am eigenen Leibe bei Plünderungen und Drangsalierung erfahren haben, wie vergänglich Eigentum, Besitz und Reputation sind, und wie lebenswichtig – im wahren Sinne des Wortes –  menschliches Verhalten und christliche Werte sind, die Gott uns lehrt und die Jesus Christus uns vorlebt. Solche Erfahrungen machen sensibel, und sie machen auch fähig, in unserer Gesellschaft besonders darauf zu achten. Das wäre ein Beitrag der Vertriebenen für die Humanität unserer Gesellschaft.

In diesem Zusammenhang fällt mir eine Geschichte ein: Ein junger Mann betritt im Traum einen Laden, den ein Engel betreibt. Den fragt er: ‚Was kann man denn bei Ihnen kaufen?“ Der Engel antwortet freundlich: ‚Alles, was Sie wollen.“ Da beginnt der junge Mann aufzuzählen: ‚Dann hätte ich gern das Ende aller Kriege, aller Vertreibungen, Plünderungen und Drangsalierungen, bessere Lebensbedingungen für die Randgruppen der Gesellschaft und Arbeit für alle. ... Da fällt ihm der Engel ins Wort: ‚Sie haben mich missverstanden. Wir verkaufen hier keine Früchte; wir verkaufen hier nur den Samen ….

Diesen Samen, liebe Schwestern und Brüder, haben wir durch Gott mit dem Evangelium  und mit dem Bürgerprogramm des Jeremia. Dass dieser Samen Frucht bringt, ist zum Beispiel an den vielen Heimatvertriebenen zu sehen, die sich zusammen mit Einheimischen in Nachbarschaft zu dieser Marktkirche im Niedersächsischen Landtag für das Wohl des Landes eingesetzt haben.

Das führt zum Letzten, was hier zu sagen ist: Als Bürger haben wir Christen auch die Aufgabe, die religiöse Dimension in unserem Gemeinwesen lebendig zu halten. Ohne Gott übersehen wir und andere unsere Grenzen. ‚Betet für die Stadt zum Herrn’, schreibt Jeremia nach Babylon. Er schreibt nicht nur: Sucht der Stadt Bestes. Es ist lebenswichtig für die Stadt und das Land, Gott um Weisheit und Segen zu bitten, denn ‚wenn es der Stadt wohl geht, geht es auch euch wohl’, erinnert Jeremia. Und es ist lebenswichtig, liebe Gemeinde, für die alte Heimat und das neue Zuhause um Gottes Nähe, Gerechtigkeit und  Frieden zu bitten.

Vergessen wir nicht: Christen sind immer Bürger zweier Welten. Wir haben eine doppelte Staatsbürgerschaft. Wir gehören einmal zum neuen Volk Gottes, das sich Jesus Christus aus allen Völkern dieser Erde zu seiner Kirche sammelt und das anderen Gesetzen folgt als den bürgerlichen, und wir sind immer auch Bürger unseres Landes. Sie kennen die Geschichte von der Kaisersteuer: Die Pharisäer fragten Jesus, ob man denn Steuern zahlen soll. Jesus ließ sich eine Münze bringen und fragte, wer den darauf abgebildet sei. ‚Der Kaiser’, sagten die Pharisäer wahrheitsgemäß, und Jesus antwortete: ‚Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, aber Gott, was Gottes ist!’ So muss es bei uns sein, liebe Schwestern und Brüder. Wir geben dem Staat, was er erwarten kann.  Wir sind zuverlässige Bürger unseres Landes; wir zahlen unsere Steuern und suchen der Stadt Bestes, aber wir leisten uns auch gelegentlich eine mutige kritische Distanz. Staatsfromm sind wir Christen jedenfalls nicht mehr, denn wir geben Gott, was ihm gehört. Weil wir an Gott glauben, suchen wir der Stadt Bestes; weil wir an Gott glauben, folgen wir dem Bürgerprogramm des Jeremia. Das ist unsere Christenpflicht.

Amen.