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Reden zum Deutschlandtreffen 2009

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Landsmannschaft

S C H L E S I E N

Nieder- und Oberschlesien

L A N D E S G R U P P E   N I E D E R S A C H S E N   E. V.  I M   B D V

Landesgeschäftsstelle Hannover,  Königsworther Str. 2, 30167 Hannover

Tel: 0511-70 15 40,  Fax: 0511-70 15 427

Laudatio

aus Anlass der

Verleihung des Schlesierschildes

der Landsmannschaft Schlesien

am Sonnabend, 27. Juni 2009, 11:00 Uhr,

Hannover, Messe

an den

Hochwürdigsten Herrn

Apostolischen Protonotar

Großdechant Prälat Franz  J u n g

Visitator für Priester und Gläubige

der Grafschaft Glatz

und der Erzdiözese Breslau

Es gilt das gesprochene Wort!

Die Landsmannschaft Schlesien ehrt mit ihrer höchsten Auszeichnung, dem Schlesierschild, wegen seiner Verdienste für Kirche, Volk und Heimat, den Visitator für Priester und Gläubige aus der Grafschaft Glatz und amtierenden Visitator für Priester und Gläubige aus dem Erzbistum Breslau, den hochwürdigsten Herrn Apostolischen Protonotar, Großdechant Prälat Franz Jung.

Geboren am 3. Dezember 1936 – dem Gedenktag des Heiligen Franz Xaver, dem Schutzpatron der katholischen Mission – in Neundorf, Kreis Habelschwerdt in der schlesischen Grafschaft Glatz wuchsen Sie ab 1937 in Gläsendorf bei Mittelwalde auf, von wo Sie 1946 – als Neunjähriger – mit Ihren acht Geschwistern und Ihren Eltern vertrieben wurden.

Ihre Familie fand Aufnahme im westfälischen Liesborn, Kreis Warendorf. Ihre Familie resignierte nicht vor dem Schicksal der Vertreibung, sondern es gelang Ihrem Vater nach Jahren harter Arbeit, 1952 einen Bauernhof in Lüdinghausen zu erwerben.

Von dort aus führte Sie Ihr Weg ab 1958 zum Studium der Theologie nach Münster und München. Etwa zur gleichen Zeit kamen Sie in Kontakt mit der katholischen Jugend der Grafschaft Glatz und Sie begannen, sich aktiv mit Ihren schlesischen Wurzeln zu beschäftigen. Dieser Kontakt sollte wegweisend für Sie sein.

Zum Priester geweiht wurden Sie am 29. Juni 1964 in Münster. Übermorgen jährt sich dieser Tag zum 45. Mal. Der 29. Juni ist auch der Festtag von Peter und Paul.

Petrus ist der Patron der Brückenbauer, Paulus beschützt die Theologen, die Seelsorger und die Presse. Ein Fingerzeig?

Nach der Priesterweihe waren Sie Kaplan in Wesel, in Moers – hier in Zusammenarbeit oft mit Prälat Rudolf Kurnoth, dem Sprecher meiner Frankensteiner Bundesheimatgruppe – und in Goch. 1976 erhielten Sie Ihre erste Pfarrei: St. Elisabeth in Duisburg-Walsum. Nach sechs Jahren wurden Sie zum Diözesanpräses der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) berufen, in der Sie bis 1989 tätig sein konnten.

Während dieser ganzen Zeit hielten Sie den Kontakt zu „Ihren“ Glatzern. Bei Ihrer ersten Fahrt in die schlesische Heimat, 1972, schmuggelten Sie - mit großer Gefahr verbunden - ein Hirschgeweih aus dem elterlichen Haus in Gläsendorf über die Grenze, um Ihrem Vater eine Freude zu machen.

Regelmäßig nahmen Sie an den Bundestreffen und Wallfahrten in und nach Werl und Telgte teil und waren so auch mit Ihren Vorgängern, den Großdechanten Prälat Leo Christoph (bis 1977) und Prälat Paul Sommer (bis 1983), verbunden.

Als Prälat Sommer 1983 verstarb, ernannte die Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda Sie zu seinem Nachfolger als Visitator für die Priester und Gläubigen aus der Grafschaft Glatz – mit dem in der katholischen Welt-Kirche einmaligen Titel „Großdechant“.

Diesen Titel, führte die preußische Regierung 1810 ein, um die Grafschaft Glatz aus der Zugehörigkeit zum Erzbistum Prag zu lösen und diese in das Erzbistum Breslau einzugliedern. Dieser und spätere Versuche scheiterten jedoch, weil das Grab des ersten Erzbischofs von Prag, Arnestus von Pardubitz († 1364), in der herrlichen Glatzer Dekanatskirche liegt, der Domkirche im Glatzer Herrgottsland. Dieser Erzbischof hatte in der im 13. Jahrhundert durch Franken und Thüringer besiedelten Grafschaft die Marienverehrung intensiv gefördert und so wollte man sein Andenken ehren. Der Titel „Großdechant“ aber blieb erhalten.

Die polnische Kirche hat jedoch durch Kardinal Hlond, der ohne Genehmigung des Heiligen Vaters die ostdeutschen Bischöfe und den Breslauer Kapitularvikar abgesetzt hatte, ebenfalls widerrechtlich Glatz in das Erzbistum Breslau einverleibt. Heute gehört Glatz – wie mein eigenes Dekanat Frankenstein – seit 2004 zum Bistum Schweidnitz.

Ihre eigene, oft gegebene Antwort auf die Frage, was denn ein Großdechant sei, lautet:

 „Es gibt einen Papst und es gibt einen Großdechanten.“

1984 ernannte Rom Sie zum Päpstlichen Ehrenprälaten. 1990 dann, nachdem Sie aus dem Dienst in der KAB ausgeschieden waren und in der Münsterer St.-Aegidii-Gemeinde Ihre zweite Pfarrei erhalten hatten, wurde Ihnen die höchste Stufe der Prälatenwürde zuteil – die eines Apostolischen Protonotars.

Zur Visitatur der Grafschaft Glatz zählten nach dem Krieg 160.000 katholische Gläubige, von denen der Großteil durch das Unrecht der Vertreibung in West- und Mitteldeutschland verstreut worden sind. Eine Minderheit blieb in der ostdeutschen Heimat, doch die Heimat wurde durch die Zwangspolonisierung oftmals zur Fremde. 

Sie, lieber Herr Großdechant, sind der Hirte jener Erlebnisgeneration, die auch heute noch vom Unheil der damaligen Zeit berichten kann – aber auch Hirte der Nachfahren, der Bekenntnisgeneration.

Als solcher leisten Sie seit 26 Jahren Tag für Tag einen schweren, anspruchsvollen und entbehrungsreichen Dienst, sind Sie quasi als „Wanderbischof“ ständig unterwegs. Dabei beschränkt sich Ihr Reisegebiet nicht nur auf Deutschland und die Heimat. Einige Grafschafter und ihre Nachfahren hat es als Missionare, als Priester und Ordensleute in die ganze Welt gezogen, und so haben Sie sich auch zu diesen aufgemacht: nach Lateinamerika, Neu-Guinea, Sibirien, Südafrika, Indonesien und auf die Philippinen.

Jahr für Jahr predigen Sie bei der Glatzer Wallfahrt nach Werl und zur Schmerzensmutter Maria in Telgte, an der im 63. Jahr ihres Bestehens – am 29. August ist es wieder so weit – immer ca. 2.000 bis 4.000 Grafschafter teilnehmen. Am Entstehen der regelmäßigen Wallfahrt in die Grafschaft Glatz, die auch die in der Heimat verbliebenen Landsleute mit einschließt, waren Sie maßgeblich beteiligt. Diese Wallfahrt gibt es jetzt seit 1992. Ein Jahr ohne Wallfahrt, wäre ein verlorenes Jahr, wie Sie es richtiger Weise deuten.

Zahllos sind Ihre Seelsorgseinsätze in der Tradition schlesischer Kirchenfeste mit Gottesdiensten und Andachten, mit heimatlichem Liedgut, wie zur Weihnachtszeit mit der Christkindl-Messe des Glatzer Ignatz Reimann.

Und immer wieder „Flagge zeigen für die Grafschaft Glatz“ und damit „Flagge zeigen für Schlesien“ – in den Gremien der Deutschen Bischofskonferenz und in Rom, gelegen oder ungelegen, auf den Katholikentagen, in der Vertriebenenseelsorge, in Seminaren, Akademien, Aussiedlerkonferenzen, Jugendseminaren, wissenschaftlichen Tagungen mit religiösen, kirchengeschichtlichen, kulturellen, historischen, völkerrechtlichen und menschenrechtlichen Themen, aber auch demonstrativ am Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen oder wie an diesem Wochenende beim Deutschlandtreffen der Schlesier, bei den Bundestreffen der Oberschlesier sowie bei vielen Bundestreffen unserer schlesischen Städte und Landkreise.

Schon früh engagierten Sie sich für die deutsch-polnische Verständigung, vermittelten den Dialog „Ihrer Grafschafter“ mit den jetzigen Bewohnern der schlesischen Heimat. So gab und gibt es fruchtbare Begegnungen im Rahmen des Pastoralrates sowie zwischen der Gemeinschaft  „Junge Grafschafter“ und der polnischen Jugend. Außerdem unterstützen Sie den 1993 in Glatz gegründeten „Deutschen Freundschaftskreis“.

Immer waren Sie und sind darum bemüht, in Ihren Predigten und Ansprachen Wege des Miteinanders zu suchen und zu gehen, ohne die eigene, heimatliche Identität aufzugeben. Sie nehmen auch heimatpolitisch Stellung, klar und deutlich, z.B. im Glatzer Boten bei unserem Landsmann Peter Großpietsch, den wir von Hannover aus herzlich grüßen.

Kurz:

Sie sind ein wahrer Brückenbauer, dessen Stützpfeiler ruhen auf Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, und den Menschenrechten, aber als Christ auch auf Verständigung und Versöhnung.

Nicht unerwähnt bleiben darf Ihr großes aktuelles Bemühen um die Seligsprechung von Kaplan Gerhard Hirschfelder – diesen unvergessenen Jugendseelsorger der Grafschaft Glatz -, den die Nazis ins Konzentrationslager Dachau sperrten und der dort am 01. August 1942 ermordet wurde.

Ihr früherer Münsteraner Bischof Dr. Reinhard Lettmann hat einmal gesagt:

„Heimat ist mehr als Boden und Territorium, Heimat  ist der Wurzelboden, aus dem man lebt.“

Was das wirklich bedeutet, zeigt eine Äußerung von Ihnen, die Sie 2001 machten, als Sie das Bundesverdienstkreuz verliehen bekamen:

Sie nahmen es mit dem Hinweis an, dass es mit Ihnen eigentlich all Ihre Grafschafter hätten erhalten müssen.

Sie sind uns allen ein echtes Stückl Heimat geworden, mit dem wir alle gerne in ernsten und frohen Stunden zusammen sein möchten.
Wir beherzigen Ihre Worte und Ihre Forderung:

„Treu sein, dem Glauben und der Heimat“

Die Kirche braucht – so sagten Sie einmal in einer Tagung – die Kirche braucht in dieser so kritischen Zeit gerade die Treue derer, die auch in ihr leiden können.“

Sie halten sich an das Wort Ihres Münsteraner Weihebischofs, dem späteren Kölner Kardinal Höffner und verbreiten seine Worte:

„Heimat als menschlicher Urwert rührt zutiefst an religiöse Fragen. Tradition heißt nicht: Asche verwahren, sondern die Flamme am Brennen erhalten. Ohne Herkunft keine Zukunft.“

So lasst uns gemeinsam als Erbe und Auftrag das erfüllen, was der unvergessene Breslauer Domherr und Reichstagsabgeordnete Prälat Carl Ulitzka, er stammte aus meiner mütterlichen Verwandtschaft, als Mahnung uns hinterließ, als er nach seiner Rettung aus dem Konzentrationslager Dachau, nach kurzer Heimkehr in Ratibor und dem endgültigen Verlassen Oberschlesiens formulierte:

„Nun bleibt uns nichts, als unser und unserer Heimat Schicksal in Gottes Hand zu legen. Und das wollen wir mit ganzem Vertrauen.“

In diesem Sinne ist es mir eine große Freude, heute Grüße aus der Heimat zu überbringen, denn ich war bereits in diesem Jahr mehrfach - 5x – zu Hause.

Lieber Herr Großdechant:

Herzliche Grüße überbringe ich Ihnen von Bischof Prof. Dr. Dec, zu dessen Bistum Schweidnitz heute Glatz gehört. Dieser hat mir als Zeichen der Versöhnung und Freundschaft am 24. Mai, also vor 4 Wochen, in meiner Taufkirche Peterwitz am Eulengebirge, nur 5 km von der Glatzer Grenze entfernt, das Duplikat seines Bischofsringes verliehen.

Er lässt Sie herzlich grüßen, freut sich auf Begegnungen und hofft sehr auf die baldige Seligsprechung von Kaplan Hirschfelder.

Ich komme zum Schluss!

Mit Dank und Anerkennung darf ich heute feststellen:

Sie, lieber Visitator für Priester und Gläubige aus der Grafschaft Glatz, Großdechant Prälat Jung – Du, lieber Franz, Du hast Dich um Schlesien, die Schlesier und um die Glatzer in hohem Maße verdient gemacht!

Weiterhin Gottes reichsten Segen, den Schutz der Gottesmutter Maria und die Fürbitte unserer schlesischen Landesmutter und Herzogin der Hl. Hedwig.