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Reden zum Deutschlandtreffen 2009
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Deutschlandtreffen der Schlesier- Schlesien – Heimat und Zukunft-Festliche StundeRudi PawelkaBundesvorsitzender Landsmannschaft Schlesien - Nieder- und Oberschlesien –
Hannover, den 27.Juni 2009 Messezentrum,
Sperrfrist: Sonnabend, den 27. Juni 2009, 10.00 Uhr - Es gilt das gesprochene Wort – AnredeWir kommen in diesen Tagen in Hannover zusammen, um Zeugnis abzulegen von Schlesien, das Land unserer Vorfahren, das Land, das Deutschland viel gegeben hat, das aber vor allem uns Schlesiern viel bedeutet. Über Jahrhunderte haben sich schlesische Eigenart und Kultur entwickelt, den Stamm der Schlesier geformt. Hervorragende Zeugnisse deutscher Kultur belegen die Bedeutung Schlesiens im deutschen Kulturraum. Das gleiche gilt für den Beitrag zur Entwicklung von Industrie und Wirtschaft. Es sei daran erinnert, dass das oberschlesische Industriegebiet im 19. Jahrhundert zeitweilig als das modernste in Deutschland galt. Entscheidende gesellschaftliche Entwicklungen hatten in Schlesien ihren Ursprung, erinnert sei an die Weberaufstände, wohl das erste geschlossene Auftreten von Arbeitern gegen soziale Missstände. Gerhart Hauptmann hat ihnen in seinem Werk „Die Weber“ ein unvergessliches Denkmal gesetzt. Erinnert sei auch an den Breslauer Ferdinand Lassalle, der als Gründer der Allgemeinen Deutschen Arbeitervereine im Jahr 1862 der Stimme der Arbeiter Gehör verschaffte und damit auch die Sozialdemokratie begründete. Es verwundert bei dem geistigen Reichtum auch nicht, dass aus Schlesien 13 Nobelpreisträger hervorgegangen sind, wohl die größte Zahl einer deutschen Provinz. Und wenn wir auf das Brandenburger Tor in Berlin sehen, erkennen wir, dass der schlesische Baumeister Carl Gotthard Langhans durch klare, gefällige Strukturen, so wie es schlesischer Denkart entspricht, auch in der Architektur Maßstäbe gesetzt hat, ebenso wie der Breslauer Max Berg, mit dem Bau der Jahrhunderthalle in Breslau. Wir wollen dies alles in Erinnerung bewahren, es ist Teil unserer schlesischen Identität, aber auch Teil der deutschen Identität. Heute stellt sich die Frage nach dem Erhalt dieses Erbes. Wie können wir in dem verkleinerten Deutschland dazu beitragen, die bedeutende schlesische Komponente wirkungsvoll einzubringen, sie möglichst weiterentwickeln ? Es wird sicher nicht dadurch gehen, dass man die heutige Förderpraxis beibehält. Der Bund gab 2008 15.232 Millionen Euro für den gesetzlichen Auftrag aus, das Kulturgut der Vertriebenen im Bewusstsein der Deutschen, der Vertriebenen und des Auslands zu erhalten, einschließlich der Mittel für wissenschaftliche Forschung. 15,2 Millionen Euro für 15 Millionen Vertriebene, fast die gleiche Summe erhalten 50.000 Serben, die ihnen zur Selbstverwaltung zur Verfügung stehen. Man kann mit vielen Äußerungen nicht einverstanden sein, die Ex-Präsident Bush der Welt verkündet hat. Im Jahr 2000 während des amerikanischen Wahlkampfes bezeichnete er die Vertreibung der Deutschen als einen der schwersten Fälle kultureller Ausrottung. Hier hatte er Recht. Man hat bei uns den Eindruck, viele arbeiten an einer Beseitigung ostdeutscher Spuren, andere stehen diesem Erbe gleichgültig gegenüber oder erkennen nicht die Dimension, um die es geht. Die restriktive Kulturpolitik im Bereich der Vertriebenen kann die negative Ausrottung nicht aufhalten, bestenfalls etwas verzögern. Was habt Ihr aus dem kulturellen Erbe gemacht ? Warum habt Ihr es hingenommen, Deutschland auch um die kulturelle Komponente zu amputieren ? Diese Fragen werden sicherlich einmal gestellt. Rot-grüner Politik war es ein Dorn im Auge, von Vertriebenen selbstverwaltete Kulturinstitutionen weiter bestehen zu lassen. Es folgte der Entzug staatlicher Mittel als Ausdruck des Misstrauens und der Missachtung, die es bei anderen Gruppierungen nicht gibt. Staatliche kontrolliert neue Einrichtungen wurden ersatzweise gegründet. Gelenkt im Sinne einer vorgegebenen Zielsetzung, mit all den Anpassungen, die den Vertreiberstaaten genehm sind. Selbst unser Schlesisches Museum zu Görlitz, das sich im Gegensatz zu anderen Museen der Vertreibungsgebiete nicht Landesmuseum nennen darf, unterliegt diesem Zeitgeist, der da heißt: Anpassung der Geschichte an politische Wohlgefälligkeit zu Lasten historischer Wahrheit. Bundeskanzlerin Merkel hat am 18. März auf einem Vertriebenenkongress im Reichstag zur Wahrheit ermahnt bei der Darstellung der Geschichte. Für die Opfer eines Menschenrechtsverbrechens ist die Wahrheit unabdingbar mit ihrer Würde verbunden. Es ist nicht unbillig, dies einzufordern. Der bekannte Literaturkritiker und Publizist Hellmuth Karasek hat kürzlich eine Entheimatung aus der Sprache festgestellt. Er meinte damit den Zustand der Vertriebenen, die, im Gegensatz zu Nichtvertriebenen, ohne heimatliche Einfärbung ihrer Sprache auskommen müssen, ohne erkennbare Zugehörigkeit zu einer Landschaft. Man vermisst nicht nur die Klangfärbung, es fehlen sprachliche Besonderheiten einschließlich der für die Region bekannten Wortschöpfungen. Im Niederschlesischen war ein ungeschickter Mensch kein Tölpel, er war ein Plotsch oder Gamel, jemand bezog nicht Prügel, sondern es gab Schnicke, eine Fußbank war eine Ritsche, ein Brotende ein Ränftel und auf dem Eis wurde nicht geschlittert oder geglitscht, sondern gekaschelt. Für noch so manchen Heimatklänge oder Erinnerung an Eltern und Großeltern, für Gegner der Vertriebenen dagegen verwerfliche Heimatideologie, die mancherorts deshalb als nicht förderungswürdig angesehen wird. Nicht förderungswürdig wie nach Meinung des Kulturbeauftragten der Bundesregierung auch die Kulturveranstaltungen auf diesem Deutschlandtreffen wie am Freitagabend der Vortrag über die Künstlerkolonie in Schreiberhau, der Heimatabend am Sonnabend oder die schlesische Sommerakademie am heutigen Mittag. Gefördert werden dagegen mehr als fragwürdige Projekte, die mit der gesetzlichen Vorgabe, das Kulturgut der Vertreibungsgebiete im Bewusstsein zu erhalten, nun gar nichts zu tun haben. So wurden aus dem Etat für die Vertriebenenkultur bereits eine Ausstellung über Lidice oder Projekte, über den Nationalsozialismus in Breslau finanziert. Bei uns hieß es jetzt: Projekte beim Deutschlandtreffen sind nicht förderungswürdig, weil sie im Wesentlichen der Umrahmung einer verbandsinternen Zusammenkunft dienen und weniger das Ziel der Vermittlung konkreter Inhalte zur Kulturgeschichte Schlesiens an eine interessierte Öffentlichkeit haben. Dass das Deutschlandtreffen sich an alle wendet, die Teilnehmer nur zu einem kleinen Teil Mitglied der Landsmannschaft Schlesien sind, weiß jeder, der als Besucher dabei war. Die Öffentlichkeit wird gerade bei diesen öffentlichen Zusammenkünften, auch durch die Anwesenheit der Medien, in einer sonst nicht zu erreichenden Weise angesprochen. Es hat sich also kaum etwas geändert, die alten restriktiven Maßnahmen gegen Vertriebene sind geblieben. Um so mehr danken wir dem Land Niedersachsen für seine Unterstützung des Treffens. Das kulturelle Vermächtnis des deutschen Ostens wird aber nicht nur vernachlässigt, es wird auch bewusst aus dem kollektiven Gedächtnis ausgemerzt. So ist es Mode geworden, große Ostdeutsche nur für ihr Schaffen auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands zu würdigen. Von Paul Ehrlich, dem ersten schlesischen Nobelpreisträger, erfuhr ich im WDR anlässlich seines 90. Todestages, dass er in Berlin und Frankfurt gewirkt hatte, nichts aber von seiner schlesischen Verwurzelung. Noch schlechter geht es Geistesgrößen, die nur in Ostdeutschland tätig waren, sie fallen immer öfter ganz unter den Tisch. Schon vor etwa 10 Jahren brachte es die Bundeszentrale für politische Bildung fertig, in einem Kalender „Große Deutsche“ den wohl bedeutendsten deutschen Philosophen, Immanuel Kant, unerwähnt zu lassen. Genauso verfuhr jetzt der renommierte Insel Verlag in seinem großen Literaturführer. Kants Makel ist es, nie aus seiner Heimatstadt Königsberg herausgekommen zu sein. Offenbar scheut man sich deshalb heute, ihn als Deutschen zu bezeichnen. Es ist wohl einmalig auf der Welt, dass Angehörige eines Volkes daran arbeiten, Zeugnisse der eigenen Nation zuzuschütten, sie der Welt vorzuenthalten. Wie kommt ein solch merkwürdiges Verhalten zustande? Welche Kräfte gab es in der Erziehung junger Menschen, die zu dem gespaltenen Verhältnis zum eigenen Land geführt haben? Es gibt auch Eiferer bei uns, die viel daran setzen, gerettete Kulturgüter aus unserer Heimat an die Vertreiber herauszugeben. Dabei überlegen sie nicht, dass die Vertriebenen dadurch noch ärmer, ja ihre Vertreibung fortgesetzt wird. Die katholische Kirche in Deutschland hat mit der Herausgabe deutscher Kirchenbücher nach Polen nicht für die Menschen gehandelt, sondern Menschen zutiefst verletzt. Die Hansestadt Bremen überbot diesen bedauernswerten Akt noch, indem sie eine Büchersammlung mit Originalausgaben, die sie von dem aus Danzig vertriebenen Verein zur Aufbewahrung bekommen hatte, unter Bruch des Vertrages und Verletzung deutscher Gesetze rechtswidrig an Danzig übergab. Es gab auch Kräfte, die auf polnisches Verlangen hin zwei Breslauer Glocken aus der von Bundespräsident Heuß eingeweihten Vertriebenengedenkstätte Schloss Burg überstellen wollten. Glücklicherweise konnte dieser Anschlag auf unser Kulturgut, auf ein gerettetes Stück Heimat, abgewehrt werden. Wer Wohlgefälligkeit gegenüber den Vertreibern über die Gefühle der vertriebenen Opfer stellt oder wer meint, die heutigen Bewohner, die ohne Bezug zu den von Deutschen geschaffenen Kulturgütern sind, könnten diese besser verwalten oder ihnen stünden diese sogar zu, kann nur auf Unverständnis stoßen. Polen ist mit der Annexion Schlesiens und anderer ostdeutscher Provinzen unermesslich wertvoller deutscher Kunstbesitz sowie anderes Kulturgut in die Hände gefallen. Dass davon auch nur besondere Einzelstücke herausgegeben werden, ist bei der starren Haltung der Polen nicht zu erwarten, zumal es die polnische Regierung ablehnt, die aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aus Berlin ausgelagerten Exponate, 180.000 Einzelstücke mit Originalhandschriften von Beethoven und Goethe, zurückzugeben. Selbst Mahnungen des damaligen Präsidenten Klaus-Dieter Lehmann, sich wie eine Kulturnation zu verhalten, nutzten nichts. Polen verhält sich hier auch vertragswidrig und verstößt gegen den Nachbarschaftsvertrag. Selbstverständlich begrüßen wir aber, wenn in Schlesien entstandene Kulturgüter heute in Museen des Landes besichtigt werden können, vor allem, wenn es nicht mit Geschichtsklitterungen einhergeht, wie dies leider vor allem in Oberschlesien anzutreffen ist. Wir müssen im übrigen noch immer beklagen, dass in vielen Ortschroniken Geschichte verfälscht und das Schicksal der Vertriebenen ausgeklammert wird. An der Breslauer Universität will man die Tradition aus über 300 Jahren bewahren. Es ist zu loben, wenn dabei die deutschen Nobelpreisträger gezeigt werden, die an dieser Lehranstalt tätig waren. Ich würde mir auch wünschen, wenn polnische Wissenschaftler diese große Tradition durch eigene Nobelpreisträger fortsetzen könnten. Nach über 64 Jahren ist dies überfällig. Wenn man in alten Traditionen denkt, ist es allerdings wenig vertrauenswürdig, dass der historische Doppeladler, das Wappen des Habsburger Kaisers Leopold I., an der kunstvoll geschnitzten Eingangstür zur berühmten Aula Leopoldina, die seinen Namen trägt, durch einen barocken polnischen Adler ersetzt wurde. Andererseits feierte man eine 300jährige Kontinuität, bezeichnete die Lehranstalt zudem als zweitälteste Universität Polens. Bundeskanzlerin Merkel lobte im September vorigen Jahres anlässlich der ihr verliehenen Ehrendoktorwürde die Universität als hervorragenden Wissenschaftsstandort, der anknüpft an eine lange Tradition. Sie fuhr fort: „Ihre Stadt hat viele namhafte Wissenschaftler hervorgebracht. Ich nenne beispielsweise nur die Nobelpreisträger für Chemie Fritz Haber und für Physik Otto Stern sowie den Arzt und Psychiater Karl Bonhoeffer, den Vater des im KZ-Flossenburg hingerichteten Theologen Dietrich Bonhoeffer“. Als vertriebener Breslauer bin ich nach diesen Worten irritiert und hätte mir mehr Rücksicht auf die Gefühle der Vertriebenen gewünscht. Wer hat denn diese Wissenschaftler hervorgebracht ? Wuchsen sie aus den Steinen der Stadt oder kamen sie aus der Mitte der vertriebenen deutschen Bevölkerung ? Die besondere Schizophrenie des Denkens offenbart sich im übrigen in der Tatsache, dass aus Lemberg vertriebene Polen die polnischen Bestände der dortigen Universität überführen und damit in Breslau die neue polnische Hochschule aufbauen konnten, deutschen Vertriebenen blieb dies anlog dazu verwehrt. So beherbergt die Universität Breslau nunmehr die Bestände zweier Einrichtungen. Die Lemberger, weil sie zu den polnischen Vertriebenen gehören, die der alten deutschen Lehranstalt, weil sie zur Stadt gehören . Eine Denkart, die viel mit Nationalismus, aber nichts mit internationaler Zusammenarbeit unter Gelehrten oder mit Anstand oder Versöhnung zu tun hat. Ich hoffe, ich konnte darlegen, welche Probleme sich allein im kulturellen Bereich heute noch stellen. Zu sozialen oder Menschenrechtsfragen, zu Fragen der Verständigung, der deutschen Volksgruppe in der Heimat, zu Fragen der Erinnerungskultur werde ich morgen für den Verband Stellung nehmen, am Haupttag unseres Treffens. Wir werden heute noch einige interessante Veranstaltungen erleben können, nachdem wir schon gestern den ökumenischen Gottesdienst und den Kulturabend besuchen konnten. Ich wünsche Ihnen gute Begegnungen inmitten unserer Landsleute. Nehmen Sie neue Anregungen mit für die Arbeit für Schlesien, tanken Sie neu auf.
Das Deutschlandtreffen ist eröffnet. |