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Reden zum Deutschlandtreffen 2009

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Rede des Niedersächsischen Ministers

für Inneres, Sport und Integration

Uwe Schünemann

anlässlich der Landesdelegiertenversammlung der Landsmannschaft Schlesien

am 27. Juni 2009 in Hannover

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT!

Anrede

ich freue mich, dass ich heute hier an Ihrer Veranstaltung, dem Deutschlandtreffen der Schlesier, teilnehmen kann. Gerne bin ich zu Ihnen gekommen. Ihr Treffen hier in Hannover ist Ausdruck der fast 60jährigen Patenschaft Niedersachsens für die Landsmannschaft Schlesien. Schon 2007, nachdem die niedersächsische Landesregierung das Deutschlandtreffen der Schlesier wieder zurück in das Patenland geholt hatte, bin ich Ihrem Wunsch nach einem Grußwort gern nachgekommen.

Für gelungen halte ich das von Ihnen für 2009 gewählte Motto „Schlesien – Heimat und Zukunft“. Es soll einerseits die Heimatverbundenheit, das Bekenntnis zu Schlesien, bekunden. Andererseits soll es zum Ausdruck bringen, dass Sie sich gegenüber Schlesien und den dort lebenden Menschen verpflichtet fühlen. Die Zukunft für Ihre schlesische Heimat sieht heute gut aus. Es gibt intensive Beziehungen zwischen den Heimatvertriebenen und den heutigen Bewohnern Schlesiens. Dies fördert die niedersächsische Landesregierung, weil es ein aktiver Beitrag für ein friedliches und zusammenwachsendes Europa ist.

Ich betone: Die ganz überwiegende Mehrheit der Heimatvertriebenen setzt sich im Geiste der Charta von 1950 aktiv für die Aussöhnung mit unseren polnischen Nachbarn ein. Dafür gilt Ihnen mein Respekt, mein Dank und meine Anerkennung!

Anrede 

Mancher von Ihnen hat mich in den letzten Jahren gefragt, was ein Minister für Inneres, Sport und Integration mit den Vertriebenen zu tun hat. Ich gehöre zu der Generation, die die Vertreibung der Deutschen nur aus den Geschichtsbüchern kennt. Auch habe ich keinen familiären Bezug zu Schlesien. Und das, meine Damen und Herren, obwohl heute jeder vierte Bundesbürger selbst vertrieben wurde oder aus einer solchen Familie stammt.

Aber: Seit sechs Jahren bin ich als Niedersächsischer Innenminister für die Erhaltung des Kulturgutes im Sinne des Bundesvertriebenengesetzes zuständig. In diesen sechs Jahren habe ich viele Heimatvertriebene und ihre Schicksale kennengelernt. Sie alle verdienen unseren Respekt, unseren Dank und unsere Anerkennung für Ihre Lebensleistung.

Nach Krieg, Flucht und dem Unrecht der Vertreibung waren Sie in hohem Maße am Aufbau der Bundesrepublik Deutschland und am  „Wirtschaftswunder“ beteiligt. Es war ein mühsam erarbeitetes Wunder. Gerade deshalb gehört es zu den größten Leistungen unseres Landes. Die Heimatvertriebenen haben das Fundament von Wohlstand, Freiheit und Demokratie ganz wesentlich mit gestaltet. Ohne sie wäre die Bundesrepublik, wäre unser Gemeinwesen nicht das, was es jetzt ist. Darauf können sie stolz sein! Und das gilt es gerade anlässlich des 60jährigen Bestehens unserer Republik herauszustellen und zu würdigen.

Erinnern wir uns: Nach dem Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft und des Zweiten Weltkrieges standen die Überlebenden vor heute kaum vorstellbaren Herausforderungen. Abermillionen Tote waren zu beklagen. Es gab ungezählte Verwundete und Kriegsversehrte. In den Ländern Ost- und Mitteleuropas etablierte sich unter dem kommunistischer Regime eine neue Zwangsherrschaft. Millionen Menschen, die Flucht und Vertreibung erlitten, kamen in die zerstörten Städte, wo sie Trümmer, Obdachlosigkeit und Hunger erwarteten. Sie waren auf der Suche nach einer neuen Heimat. Es gab die Ungewissheit über den Verbleib der Angehörigen und die lange Suche nach der Familie - häufig ohne Erfolg. Es fehlte an allem, was uns heute selbstverständlich ist: Wohnung, Kleidung, Nahrung und Arbeit.

Anrede

Trotz dieser schwierigen Umstände haben alle mit dem Wiederaufbau begonnen: die einheimische Bevölkerung wie auch die Flüchtlinge und Vertriebenen aus Schlesien, Pommern, Ostpreußen und den anderen deutschen Ostgebieten. In einem ersten Schritt musste man enger zusammenrücken und dies ist wörtlich gemeint. Zwei Zahlen machen das deutlich. In Niedersachsen stieg die Bevölkerungszahl von 4,5 Millionen Menschen vor Kriegsausbruch auf 6,8 Millionen im Jahre 1950. In einigen Landkreisen erreichte der Anteil der Flüchtlinge und Vertriebenen über ein Drittel der Gesamtbevölkerung. In Anbetracht vor allem der ausgebombten Städte wird deutlich, was „zusammenrücken“ damals bedeutete. In den Dörfern, die von den Bomben weitgehend verschont geblieben waren, waren die Lebensbedingungen sehr einfach und oft sehr beengt.

Wohnungsbau hatte Priorität. Überall im Lande entstanden neue Siedlungen und neue Stadtteile, neuer Wohnraum für die Neubürger. Die „Spuren“ sind heute noch zu finden. Sie spiegeln sich in den Straßennamen wie Breslauer Straße, Königsberger Weg oder Glogauer Allee wieder. Heimatvertriebene und Flüchtlinge, die durch diese Viertel gehen, fühlen sich an ihre alte Heimat erinnert.

Anrede

Seit eineinhalb Jahre ist der Name des Niedersächsischen Innenministeriums erweitert um das Wort „Integration“. Dies soll die Aufgabe meines Hauses unterstreichen, die heutigen Zuwanderer erfolgreich in unser Gemeinwesen einzuführen. Diese Arbeit erstreckt sich auf zahlreiche Lebensbereiche wie Erwerb von Deutschkenntnissen, Bildungsabschlüssen, Arbeit, Soziales, Kultur, Religion oder Gesundheit. Integrationspolitik steht vor großen Herausforderungen. Aber – wir haben in der Geschichte der Bundesrepublik bereits eine sehr erfolgreiche Integration abgeschlossen, nämlich die der Heimatvertriebenen. Dabei diente die gemeinsame Anstrengung beim Wiederaufbau als Katalysator für diese Entwicklung. Alle halfen mit, die Alteingesessenen wie auch die Neuhinzugekommenen. Diese harte Arbeit unter schwierigsten Umständen war ein zentraler Baustein für die junge Bundesrepublik Deutschland, die Entwicklung eines demokratischen Gemeinwesens und einer starken Wirtschaft. Zugleich war es das Ergebnis der Bereitschaft aufeinander zuzugehen. Manchmal gerade am Anfang ein sehr mühsamer Prozess, im Ergebnis jedoch eine kaum zu übertreffende Erfolgsgeschichte!

Die niedersächsische Landesregierung unternimmt viel, um die Geschehnisse von Flucht und Vertreibung auch der Enkelgeneration zu vermitteln. So hat die Landesregierung 2008 das Thema verpflichtend in die Lehrpläne für das Fach Geschichte an den allgemeinbildenden Schulen in Niedersachsen verankert. Hier werden Schülerinnen und Schülern nicht nur die Fakten vermittelt. Es ist auch eine Einfühlung in die Lebensumstände der Bevölkerung des ehemaligen deutschen Ostens vorgesehen. Das Leid von Flucht und Vertreibung, die Integration und große Aufbauleistung der Heimatvertriebenen – das alles dürfen wir nicht in Vergessenheit geraten lassen. Es ist ein wichtiger Teil unserer deutschen Identität.

Der Empfehlung des Kultusministeriums, für die lebendige Behandlung dieses Themas im Unterricht Zeitzeugen einzubinden, sind wir einen gehörigen Schritt näher gekommen. Wir können bereits auf 20 Zeitzeugen zurückgreifen, die sich bereit erklärt haben, das Projekt zu unterstützen. Trotz alledem ist und bleibt die Kulturarbeit der Vertriebenen unverzichtbar. Insbesondere Ihre grenzüberschreitenden Aktivitäten, die Sie im Sinne der Verständigung durchführen, sind ein unverzichtbarer Baustein für das zusammenwachsende Europa.

Dafür stehen beispielhaft Veranstaltungen in Kreisau, wo ein wichtiger Widerstandskreis gegen die Nazi-Diktatur aktiv war, oder die Fahrten nach Hirschberg, Liegnitz und Waldenburg. Wir werden Ihre kulturellen Projekte im Rahmen der verfügbaren Haushaltsmittel auch weiterhin fördern.

Anrede

das Deutschlandtreffen der Schlesier in Hannover ist ein besonderes Ereignis. Wir unterstützen dieses Treffen, zu dem wieder 50.000 Schlesierinnen und Schlesier erwartet werden, mit einem größeren finanziellen Betrag. Die enge Bindung zwischen Niedersachsen und Schlesien ist Ausdruck dieser Verpflichtung. Sie kennen alle die langjährige Patenschaft zur Landsmannschaft der Schlesier und die Partnerschaft mit der Woiwodschaft Niederschlesien, die Niedersachsen übernommen hat.

 

Ein Zeichen der besonderen Verbundenheit Niedersachsens mit Schlesien ist auch der Kulturpreis Schlesien, der jährlich im Wechsel in Niedersachsen und in Schlesien verliehen wird. Viele Gesichter, die ich hier heute sehe, habe ich schon bei den vergangenen Preisverleihungen wahrgenommen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, sie heute für den 24. Oktober in das Staatstheater Braunschweig einzuladen. Die beiden Hauptpreisträger 2009 sind die Schriftstellerin Rotraud Schöne und der Architekturwissenschaftler Jerzy Illkosz.

Den Sonderpreis des Kulturpreises Schlesien erhält in diesem Jahr die Internationale Jugendbegegnungsstätte Kreisau zusammen mit der Freya von Moltke-Stiftung. Gerade die Jugend soll bei der diesjährigen Feierstunde im Vordergrund stehen. So ist ein Theaterprojekt geplant, das Braunschweiger Schüler in Kreisau einstudieren und anlässlich der Preisverleihung aufführen werden. Das deutsch-polnische Jugendjazzorchester wird nicht nur das musikalische Rahmenprogramm für den Festakt gestalten, sondern darüber hinaus in Braunschweig ein Konzert geben. Ich lade Sie dazu herzlich ein.

Anrede

Die Belange der Heimatvertriebenen werden in meinem Hause immer offene Ohren finden. Erst kürzlich haben wir eine Podiumsdiskussion durchgeführt, die sich mit der durchaus provokanten Frage auseinandersetzte: „Das deutsch-polnische Verhältnis - Können  Vertriebene Brücken bauen?“ Diese Frage haben alle Teilnehmer, die polnischen wie die deutschen, ohne Einschränkung bejaht. Das ist ein eindrucksvoller Beleg für den Wandel, der sich in den Beziehungen der beiden Länder vollzogen hat. Scharfmacher und Revanchisten, ob auf deutscher oder auf polnischer Seite, sind glücklicherweise eine kleine Minderheit.

Die ganz große Mehrheit der Heimatvertriebenen und der jetzt in Schlesien lebenden Menschen will die Aussöhnung und gemeinsame Brücken. Das ist gut so! Das Bild des Brückenbauens wurde bewusst gewählt. Es beschreibt eine Arbeit, die von beiden Seiten ausgeführt wird, die eine stabile Statik benötigt und die Menschen miteinander verbindet. Die Podiumsdiskussion stand auch für das Engagement Niedersachsens für die Aussöhnung und Freundschaft mit unseren polnischen Nachbarn.

Unlängst veranstaltete der Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Rudolf Götz, eine Tagung mit dem Gegenstand: „Flucht, Vertreibung und Integration der Deutschen nach 1945“. Es war eine erinnerungsgeschichtliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Referenten wiesen auf die schmerzhaften Ereignisse während der Vertreibung hin. Sie  stellten auch die schwierigen, oftmals sehr harten Ausgangsbedingungen für die Neuankömmlinge in der späteren Bundesrepublik heraus. Diese waren geprägt von Nahrungsmittelknappheit, Wohnungsmangel, oft ablehnender Haltung der alteingesessenen Bevölkerung und den Traumata, die die Heimatvertriebenen während ihrer Flucht erlitten hatten.

Gerade vor diesem Hintergrund werden die Leistungen der Vertriebenen beim Wiederaufbau unseres Landes und ihr Beitrag für das Wirtschaftswunder ganz besonders deutlich.

Anrede

Hervorheben möchte ich, dass mein Haus den Auftrag gemäß

§ 96 Bundesvertriebenengesetz erfüllt. Darin haben sich Bund und Länder gleichermaßen verpflichtet, die wissenschaftliche Forschung und Pflege des Kulturgutes der von Flucht und Vertreibung Betroffenen zu fördern. Zusammen mit dem „Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ in Oldenburg werden in dem Projekt „Dokumentation der Heimatsammlungen in Deutschland“ erstmals sämtliche, mehrere hundert Heimatsammlungen erfasst. Auf Grund dieses Projektes, das Niedersachsen fördert, konnten wir in unserem Bundesland 72 Heimatstuben und -sammlungen eindeutig feststellen und dokumentieren. Mein Wunsch ist es, Wege für die Heimatstuben und -sammlungen zu finden, die zu einem sicheren und dauerhaften Erhalt der Bestände führen.

Die Heimatstuben sind ein wichtiger Bestandteil der Erinnerungskultur in Deutschland. Hier werden vielfältige Erinnerungsgegenstände und in vielen Fällen künstlerisch oder ethnologisch wertvolles Museumsgut und Archivalien aus den Vertreibungsgebieten - zum Teil Unikate - aufbewahrt. Manche dieser Materialien wurden bereits auf der Flucht mitgeführt. Viele wurden später durch Ankäufe in den früheren Wohnorten erworben, so dass im Laufe der Jahrzehnte umfangreiche Sammlungen entstanden. Das Kulturgut der Vertriebenen, das in diesen Sammlungen präsent ist, ist Teil unserer deutschen Geschichte und Kultur. Dieses für die Enkelgeneration zu sichern, ist eine unverzichtbare Aufgabe.

Anrede

Wir können Zukunft nur gestalten, wenn wir wissen wo wir herkommen, wo unsere Wurzeln sind. Erinnerung ist notwendige Voraussetzung für die Gestaltung einer gemeinsamen friedlichen Zukunft. Deshalb wünsche ich der Arbeit der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ viel Erfolg. Auch hier beteiligt sich Niedersachsen mit einem ansehnlichen Betrag.

Ich bin mir sicher, dass die vorgesehene Ausstellung- und Dokumentationsstelle einen bleibenden und würdigen Erinnerungsort für Flucht, Vertreibung und Versöhnung in Berlin schaffen wird. Die junge Generation erhält die Möglichkeit, sich über das Jahrhundert der Vertreibungen zu informieren.

Die Stiftung wird so mit dazu beitragen, das Bewusstsein für die Erlebnisse der Betroffenen lebendig zu erhalten.

Die Vertriebenen haben sich sehr früh für die Versöhnung eingesetzt. Sie haben sich bereits 1950, ungeachtet des ihnen zugefügten Leids, in Ihrer Charta feierlich zum Verzicht auf Rache und Vergeltung und damit zur Versöhnung bekannt. Sie haben eine grundlegende Voraussetzung für ein gemeinsames Europa geschaffen. In der Charta heißt es – ich zitiere: „Wir werden jedes Beginnen mit allen Kräften unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können."

Heute, mit der Erweiterung der Europäischen Union um die mittelosteuropäischen Staaten sind wir der Vision von einem geeinten Europa sehr nahe gekommen. Wir leben in Frieden mit unseren Nachbarn. Diese Entwicklung müssen wir weiter festigen und unumkehrbach machen.

Sie, die Heimatvertriebenen aus Schlesien, leisten in vielerlei Hinsicht einen unverzichtbaren Beitrag zur Stärkung eines geeinten Europa: Besuche in der alten Heimat sind für viele von Ihnen schon lange zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Verbundenheit der Heimatvertriebenen zu ihren Heimatorten hat zu vielfältigen Kontakten geführt. Daraus haben sich zahlreiche Schul- und Städtepartnerschaften entwickelt. Kontakte und Begegnungen, die auch die jüngeren Generationen beider Seiten mit einbeziehen.

In dieser Tradition fühlen Sie sich ihrer alten Heimat verbunden und verpflichtet. Gemeinsam mit den heute dort lebenden Menschen bewahren sie die vielschichtige und bedeutende Geschichte und Kultur im Herzen Europas für unsere nachfolgenden Generationen. Dafür danke ich Ihnen!