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Reden zum Deutschlandtreffen 2009
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Presseexemplar Rede des Niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff anlässlich des Deutschlandtreffens der Schlesier am 28. Juni 2009, 11.30 Uhr, Messegelände, Hannover (Es gilt das gesprochene Wort!) Anrede, herzlich willkommen in Niedersachsen! Herzlich willkommen im Herzen Ihres Patenlandes – in Hannover! Ich freue mich sehr, Sie alle in Hannover begrüßen zu dürfen. Niedersachsen fühlt sich Ihnen und Ihrer Heimat seit sechs Jahrzehnten eng verbunden. Ihr Treffen in unserer Landeshauptstadt ist mir und meiner Landesregierung ein ganz besonderes Anliegen. Deshalb habe ich mich persönlich dafür eingesetzt, dass das diesjährige Treffen wieder bei uns in Niedersachsen stattfinden kann. Ihr Zusammenkommen hier bestätigt auch eindrucksvoll die Patenschaft Niedersachsens mit der Landsmannschaft Schlesien. Anrede, ihr diesjähriges Schlesiertreffen fällt in ein Jahr, in dem wir auf zwei für Deutschland bedeutende Ereignisse zurückblicken. Wir feiern in diesem Jahr den 20. Jahrestag des Mauerfalls und parallel den 60. Geburtstag des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Schon in der alten Präambel des Grundgesetzes wurde das gesamte deutsche Volk aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden. Beide Ereignisse stehen in einem inneren Zusammenhang. Sie bilden die Grundlage für die Grundrechte seiner Bürger, Demokratie, staatliche Einheit und enge Freundschaft zu seinen Nachbarländern. All dies bildet das Fundament der heutigen Bundesrepublik. Wir alle erlebten aber eben auch die Zeit des Kalten Krieges und des geteilten Deutschlands. Denn: der Eiserne Vorhang trennte unerbittlich Ost und West. Es gab keine Reisefreiheit und unsere Landsleute in der DDR lebten in einem Unrechtsstaat, der seine Bürger bespitzelte, unterdrückte und einsperrte. In der DDR wurde das Thema Flucht und Vertreibung mit Rücksicht auf die „Bruderstaaten“ nicht thematisiert. Die Vertriebenen wurden dort als „Umsiedler“ und später nur noch als „Neubürger“ bezeichnet. Umso erstaunlicher, dass wir nach der Wiedervereinigung feststellen konnten, dass sich trotzdem kulturelle Inseln der Vertriebenen gebildet hatten. Anrede,die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, und auch ganz konkret die Geschichte Niedersachsens, lässt sich nicht ohne das Verständnis für das Leid und die Leistung von Ihnen, den Heimatvertriebenen, schreiben. Ihr Schicksal, das war von unermesslichem Leid begleitet. 15 Millionen Deutsche verloren durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat, zwei Millionen von ihnen, vor allem Alte, Frauen und Kinder, überlebten den Marsch nach Westen nicht. Sie erfroren, sie ertranken, sie verhungerten, sie starben an Seuchen. Tausende wurden ermordet. Zahllose Frauen vergewaltigt. Massenhaft begingen die Menschen Selbstmord, weil sie nicht fertig wurden mit den Bildern, die sie gesehen hatten, mit den Verlusten, die ihnen zugefügt wurden, mit dem Leid, das ihnen angetan worden war. Viele quälen sich mit den Schrecken dieser Zeit bis heute. Viele Jahre schien es, als dürfe man sich nicht erinnern. Das Leid der Vertriebenen wurde jahrzehntelang verschwiegen. Es durfte keine Opfer geben. Viele Tränen sind geflossen und nur untereinander konnte man über das sprechen, was man verloren hatte. Anrede, im Frühjahr dieses Jahres veranstaltete der Beauftragte der Niedersächsischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Herr Rudolf Götz, eine Tagung mit dem Titel „Flucht, Vertreibung und Integration der Deutschen nach 1945 – ein aktuelles Thema“. Hier erfolgte eine erinnerungsgeschichtliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Referenten, darunter der Historiker Andreas Kossert, ein ausgewiesener Kenner des östlichen Mitteleuropa, wiesen hierbei auf die dramatischen Ereignisse während der Vertreibungen hin und stellten dabei auch die Ausgangsbedingungen für die Neuankömmlinge in der späteren Bundesrepublik heraus. Diese waren geprägt von Nahrungsmittelknappheit, Wohnungsmangel und den Traumata, die die Heimatvertriebenen während ihrer Flucht erlitten hatten. In einigen Fällen stießen sie auch auf Vorbehalte der alteingesessenen Bevölkerung. Andreas Kossert hat in seinem Buch „Kalte Heimat“ das Leid der Heimatvertriebenen und ihre schwierige Aufnahme im Westen in den Mittelpunkt gestellt. Während die Vertriebenen alles verloren hatten, fühlten sich Teile der westdeutschen Bevölkerung von den Ankömmlingen überrannt. Dass die Heimatvertriebenen in dieser Situation nicht aufgaben, sondern ihr Schicksal meisterten, bleibt eine der ganz großen Leistungen der Nachkriegsgeschichte. Sie mussten sich in ein Deutschland integrieren, das selbst vom Krieg völlig zerstört war. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich die Heimatvertriebenen in den allermeisten Fällen gut in ihre neue Umgebung integrierten. Gerade Niedersachsen ist für viele Schlesier im Laufe der Zeit zu einer zweiten Heimat geworden. Ihr Mut, Ihr Wille und Ihre Leitungsbereitschaft haben überall in Deutschland zu dem beigetragen, was wir heute das Wirtschaftswunder nennen. Die Vertriebenen reichten als Erste die Hand zur Versöhnung. In ihrer Charta vom August 1950 versprachen sie ihre Unterstützung bei der Schaffung eines geeinten Europas und beim Wiederaufbau Deutschlands. Das Versprechen wurde gehalten. Dies ist eine der ganz großen, stolzen Leistungen der Deutschen nach dem 2. Weltkrieg. Eine enorme Wiederaufbauleistung wurde vollbracht. Gerade vor diesem Hintergrund muss die Leistung, die die Vertriebenen beim Wiederaufbau unseres Landes vollbracht haben und ihr Beitrag für das Wirtschaftswunder noch deutlicher herausgestellt werden. Ohne Sie wäre die Bundesrepublik nicht das, was sie heute ist. Heute ist etwa jeder vierte Bundesbürger Vertriebener oder Abkömmling von Vertriebenen. So ist das wachsende Interesse der jungen Menschen zu erklären, mehr über die Wurzeln ihrer Familien zu erfahren. Viele Dokumentationen und Spielfilme handeln vom damaligen Geschehen. Die Vergangenheit wird aufgearbeitet. Anrede, das wir uns heute, nach über 60 Jahren, offen mit dem Thema Flucht und Vertreibung auseinandersetzen können, ist einer positiven Entwicklung über Jahre geschuldet, die ich sehr begrüße. Es gibt inzwischen viele Dokumentationen, wie den Zweiteiler „Die Flucht“, die von Millionen Menschen verfolgt werden. In Buchhandlungen finden wir Bücher mit den sehr persönlichen, erschütternden Aufzeichnungen und Lebensberichten von Vertriebenen. Es scheint, als sei erst jetzt die Zeit gekommen, die Geschichte der deutschen Heimatvertriebenen wirklich zu betrachten und ihr Leid wahrzunehmen. Das Interesse der jungen Menschen ist da. Man muss es vielleicht manchmal wecken. Aber ich weiß aus Erzählungen, dass es die Enkel sind, die mit ihren Großeltern deren alte Heimat bereisen und sehen wollen, wo die familiären Wurzeln liegen. Denn auch für die Familien ist Erinnerung an Vergangenes wichtig. Vergangenheit endet nicht. Sie ist die Wurzel unserer Gegenwart und bestimmt unsere Zukunft mit. Erinnerung bleibt nicht beschränkt auf die Zeitzeugen, auf die, die es erlebt und erlitten haben. Die Vermittlung von Geschichte, so sehe ich es jedenfalls, liegt nicht in dem stumpfen Lernen von Zahlen und Fakten, sondern in dem Erkenntnisgewinn für die Gegenwart und Zukunft. Das aber setzt Erinnerung voraus. Es setzt den Raum voraus, sich erinnern zu dürfen und das Bewusstsein, dass es eine Selbstverständlichkeit ist, sich seiner Heimat zu erinnern. Das ist wichtig für die Zukunft unserer Gesellschaft. Anrede, lassen Sie es mich in aller Deutlichkeit sagen: Sie haben das Recht, sich der Heimat zu erinnern! Denn Erinnerung ist die Voraussetzung für Vertrauen, Verständigung und Versöhnung. Das kulturelle Erbe Deutschlands besteht eben auch aus der Kulturgeschichte des ehemaligen deutschen Ostens, auch wenn dieser nicht mehr geografischer Teil Deutschlands ist. Aber: Gerhardt Hauptmann gehört dazu. So wie auch Johann Gottfried Herder, Andreas Gryphius, ein deutscher Dichter und Dramatiker des Barock, Joseph von Eichendorff, E.T.A. Hoffmann und der Widerstandskämpfer Helmuth James Graf von Moltke dazu gehören. Und die wunderbaren Burgen und Schlösser im Hirschberger Tal, das prachtvolle Rathaus in Breslau, die Friedenskirchen in Schweidnitz und Jauer und viel anderes ebenso. Anrede, Schlesien blickt zurück auf eine 1000jährige stolze Geschichte und ist die Heimat sehr verschiedener Schicksale. Es gehörte im Laufe der Jahrhunderte zu mehreren Staaten Europas. Heute ist Schlesien zum größten Teil polnisch. Nur ein kleiner Teil westlich der Neiße liegt heute noch in Deutschland, im Bundesland Sachsen. Ich habe deshalb auch gut den Unmut vieler Schlesier verstanden, als die Sächsische Landesregierung anlässlich ihrer Kreisreform, den Niederschlesischen Oberlausitzkreis auflöste. Viele von Ihnen haben mich angeschrieben. Ich habe Ihren Briefen entnehmen können, wie emotional getroffen Sie sich gefühlt haben, dass der Name Niederschlesien plötzlich wegfallen sollte. Für viele von Ihnen war dieser geografische Teil Deutschlands ein wichtiges Bindeglied. Aber Heimat endet nicht damit, dass Schlesien unwiderruflich nicht mehr Teil unseres Landes ist. Heimat ist der Ausdruck für die eigene Verwurzelung. Für die Verbindung mit dem Land der Mütter und Väter, mit dessen Natur und seinen Menschen, mit seiner Kultur und den eigenen Kindheits- und Jugenderinnerungen. Gerüche, Geräusche, der Geschmack von Mohnklößen und Streuselkuchen. Dialekte, Musik, Riten und Traditionen und noch viel viel mehr. Heimat bedeutet Identifikation. Heimat bedeutet emotionale Bindung, und Gefühle lassen sich nicht einfach abstellen. Für Sie alle hier bedeutet Heimat aber auch Erinnerung an eine schwere Zeit. Erinnerung an das, was verloren ist. Erinnerung ist kein Aufrechnen! Es geht nicht darum, Tote und Verletzte, Gräueltaten, Schuld und Leid gegeneinander aufzurechnen. Ein Verbrechen bleibt ein Verbrechen, egal, von wem es begangen wurde. Auch Deutsche und Polen müssen Schlesien gemeinsam in seiner gesellschaftlichen und geschichtlichen Ganzheit betrachten. Dazu gehört, dass man Rücksicht aufeinander nimmt, respektvoll miteinander umgeht und man mit festem Willen dafür einsteht, die Zukunft gemeinsam zu gestalten. Aber diese dringend notwendige Aufarbeitung der Geschichte wird nicht funktionieren, ohne die Betroffenen daran zu beteiligen. Wenn man sich mit der Historie eines bestimmten Teiles seines Volkes auseinandersetzen will, muss man ihn auch einbinden. Alles andere wäre zum Scheitern verurteilt. Deutschland kann seine Geschichte nicht verstehen, ohne über die Geschichte der Vertriebenen zu sprechen. Ohne über Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, zu sprechen. Lässt man einen Teil der eigenen Vergangenheit aus, verliert die Diskussion ihre Legitimität. Man offenbart, dass das volle Ausmaß der eigenen Geschichte nicht begriffen worden ist, dass man es nicht begreifen will. Die schrecklichen Erlebnisse der Heimatvertriebenen müssen zu einem selbstverständlichen Teil der Bundesrepublik werden. Deshalb war die Schaffung eines „Sichtbaren Zeichens“ in Berlin für die Opfer von Flucht und Vertreibung in Deutschland und Europa überfällig. Mit der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ wurde die Grundlage für eine Ausstellung- und Dokumentationsstätte in unserer Hauptstadt Berlin gelegt. Dort wird Ihre Geschichte, die Geschichte der deutschen Heimatvertriebenen, endlich dokumentiert. Durch die wissenschaftliche Auswertung der Vertreibungsereignisse in Europa und der Welt werden wir einen Beitrag dazu leisten, dass Vertreibungen sich nicht wiederholen. Ohne das große Engagement der Vertriebenen und vor allem des Bundes der Vertriebenen hätte sich dieses Projekt nicht verwirklichen lassen. Wie stark und ehrlich das Engagement des BdV für Versöhnung ist, lässt sich nicht zuletzt daran erkennen, dass Frau Steinbach auf ihren Sitz im Stiftungsrat der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung verzichtet hat. Ohne die bereits im Jahr 2000 gegründete Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ wäre die Dokumentationsstätte in Berlin heute sicher nicht denkbar. Ich habe mich persönlich dafür eingesetzt, dass die Wanderausstellung Erzwungene Wege. Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts des Bundes der Vertriebenen in Zusammenarbeit mit dem Zentrum gegen Vertreibungen im November hier in Hannover im Rathaus gezeigt wird. Bei diesem Termin wird Frau Steinbach dem Land Niedersachsen auch die Urkunde für die Übernahme der Patenschaft für die „Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen“ überreichen, die wir im letzten Jahr sehr gerne übernommen haben. Ich freue mich schon darauf. Und ich hoffe, dass viele Schülerinnen und Schüler diese Ausstellung besuchen werden. Denn ich halte es für unabdingbar, dass die nachfolgenden Generationen sich mit dem Thema und den Ereignissen im Geiste der Aussöhnung auseinandersetzen. Anrede, viele junge Menschen in Niedersachsen können noch mit ihren Großeltern über diese Zeit sprechen, aber wir haben in der Vergangenheit leider immer auch wieder feststellen müssen, dass Schülerinnen und Schüler geringe Kenntnisse über die Nachkriegszeit und das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen haben. Deshalb hat die Niedersächsische Landesregierung das Thema Flucht und Vertreibung zum Pflichtthema in den Lehrplänen aller allgemeinbildenden Schulen gemacht. Den Schülern werden so die Folgen des Krieges, gerade auch für die Zivilbevölkerung, verdeutlicht. Wir stellen den Schulen auch die DVD „Die große Flucht“ zur Verfügung. Mit dieser DVD werden Schülerinnen und Schüler durch umfangreiches Filmmaterial und Aussagen von Zeitzeugen in die Themen Flucht und Vertreibung eingeführt. Und wir haben allen Schulen die Broschüre „Umsiedelung, Flucht und Vertreibung der Deutschen als internationales Problem“ zur Verfügung gestellt. In Niedersachsen, meine Damen und Herren, stellen wir sicher, dass alle Schülerinnen und Schüler sich in ihrer Schulzeit mit der Geschichte der deutschen Heimatvertriebenen auseinandersetzen. Und wir sorgen in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesinstitut für Kultur und Geschichte auch dafür, dass die mehr als 70 heimatgeschichtlichen Sammlungen – die meisten von ihnen mit schlesischem Bezug - wissenschaftlich untersucht werden. Wir wollen die in den Heimatstuben erhaltenen Kulturgüter erfassen und sichern. In ihnen werden Erinnerungsgegenstände unterschiedlicher Art ebenso wie historisch, künstlerisch oder volkskundlich wertvolle Objekte sowie Bücher und Archivalien, häufig Unikate aufbewahrt und liebevoll gepflegt. Diese Kulturgüter sind sehr wichtig für die nachfolgenden Generationen, geben sie doch vielfach einen gegenständlichen Eindruck vom Leben der Vorfahren. Sofern die Betreuung und der Bestand einer Heimatstube gefährdet sind, soll diese nach Möglichkeit vor Ort zum Beispiel von einem städtischen Museum übernommen werden, damit die Exponate auch weiterhin von einer interessierten Öffentlichkeit wahrgenommen werden können. Ich freue mich sehr, dass auch in mehreren anderen Bundesländern diesem Thema inzwischen Aufmerksamkeit geschenkt wird. Anrede, wir leben heute, bedingt durch das Ende des Kalten Krieges und durch die deutsche Wiedervereinigung, in Frieden und Freundschaft mit unseren Nachbarn. Die europäische Einigung ist Realität. Eine Politik, die Frieden und Versöhnung als ihre Ziele definiert und Menschen, die dafür einstehen, haben dies erreicht. Durch den Beitritt Polens zur Europäischen Union und die damit verbundene Freizügigkeit ist es Ihnen heute möglich, Ihre alte Heimat, wann immer sie können und mögen zu besuchen. Auch die junge Generation hat, das können wir immer wieder feststellen, steigendes Interesse an unseren osteuropäischen Nachbarn. Freizügigkeit und freier Reiseverkehr sind für diese Generation selbstverständlich. Und die Möglichkeiten werden in beide Richtungen genutzt. Die Angebote des deutsch-polnischen Jugendwerkes beispielsweise wurden in den letzten 15 Jahren von knapp zwei Millionen Jugendlichen aus Deutschland und Polen genutzt. In Niedersachsen haben wir allein 165 Schulpartnerschaften zwischen niedersächsischen Schulen und Niederschlesien. Damit liegen wir im Ländervergleich an der Spitze. Das darf als ein beeindruckender Ausdruck des Wunsches nach Versöhnung und gemeinsamer Zukunft gewertet werden und als ein großartiger Erfolg! Viele junge Menschen reisen mit ihren Großeltern in deren alte Heimat oder nehmen an Jugendbegegnungen mit polnischen Jugendlichen teil. Viele niedersächsische Studentinnen und Studenten absolvieren Semester in Polen und umgekehrt kommen Studentinnen und Studenten aus Schlesien an unsere Universitäten. Und Sie alle sind Wegbereiter und Gestalter der vielen Städtepartnerschaften, die es heute so zahlreich in Niedersachsen und bundesweit gibt. Sie sind Brückenbauer zwischen Schlesien und Deutschland. Und daran zeigt sich auch: Auf die Menschen kommt es an. Auf Sie kommt es an! Beide Seiten, sowohl die Vertriebenen und ihre Nachkommen als auch die Menschen in Schlesien haben Interesse, die Entwicklung Schlesiens zu begleiten und voranzubringen. Ihre guten Kontakte und Ihr Engagement für Schlesien tragen dazu bei, das kulturelle Erbe in Schlesien zu erhalten und leisten damit einen Beitrag zur Verständigung und Versöhnung zwischen unseren Völkern. Diese Erkenntnis ist – so denke ich – heute Allgemeingut, in Polen wie in Deutschland. Kürzlich fand bei uns eine Podiumsdiskussion des Niedersächsischen Innenministeriums statt. Es diskutierten unter anderem der Generalkonsul der Republik Polen Andrzej Osiak, der Journalist und Buchautor Adam Krzeminski aus Warschau, der Bundestagsabgeordnete Reinhard Grindel, der Herausgeber der Zeitschrift "Schlesien Heute" Alfred Theisen aus Görlitz und unser Landesbeauftragter für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Rudolf Götz. Sie setzten sich mit der für Außenstehende durchaus provokanten Frage auseinander: „Das deutsch-polnische Verhältnis - Können Vertriebene Brücken bauen?“ Diese Frage wurde von allen Teilnehmern, von polnischen wie von deutschen, eindeutig bejaht. Dies ist ein sichtbares Zeichen für den beeindruckenden Wandel, der sich in den Beziehungen der beiden Länder vollzogen hat. Die Podiumsdiskussion war ein voller Erfolg und weiterer Baustein des Engagements Niedersachsens für die Aussöhnung und Freundschaft mit Polen. Anrede, Niedersachsen hat 1993, als eines der ersten Länder der Bundesrepublik Deutschland, Partnerschaftsvereinbarungen mit den damaligen Woiwodschaften Breslau und Posen abgeschlossen. Nach der polnischen Verwaltungs- und Gebietsreform wurde die Partnerschaft mit den Woiwodschaften Niederschlesien und Großpolen erneuert. Über die Patenschaft Schlesien und den Kulturpreis Schlesien haben sich zwischen Niedersachsen und Schlesien, insbesondere nach Niederschlesien, intensive und gute Kontakte entwickelt. Wir haben heute eine lebendige Partnerschaft zwischen Niedersachsen und der Woiwodschaft Niederschlesien auf vielen Ebenen. Ich nenne nur einige Beispiele: 1. Es bestehen inzwischen 14 Hochschulkooperationen zwischen Niedersachsen und Niederschlesien. Wir tauschen Wissenschaftler und Studenten aus und planen gemeinsame Exkursionen. 2. Niedersächsische Vertragslehrer sind in Niederschlesien zur Unterstützung des Deutschunterrichtes tätig. Sie helfen, den Deutschunterricht vor Ort zu verbessern, indem sie mit Multiplikatoren zusammenarbeiten und bei Bedarf auch Schulen bei der Vorbereitung und Durchführung des deutschen Sprachdiploms unterstützen. 3. Auch das Oberlandesgericht und die Generalstaatsanwaltschaft in Braunschweig haben seit Jahren enge Kontakte nach Breslau, und zwar in Form von gemeinsamen Fachkonferenzen und Diskussionen oder auch durch wechselseitigen Expertenaustausch. 4. Und es bestehen zahlreiche Kontakte zwischen niedersächsischen Städten und Gemeinden und Niederschlesien, die auf die Städtepartnerschaften zurückzuführen sind. Im kulturellen Bereich engagiert sich – mit Unterstützung des Landes - auch besonders der Landesmusikrat Niedersachsen e. V., sodass gegenseitige Gastkonzerte, zum Beispiel des Landesjugendjazzorchesters aus Niedersachsen oder polnischer jugendlicher Jazzmusiker regelmäßig stattfinden. Beide Regionen haben im Laufe dieser Jahre zahlreiche Erfahrungen miteinander gesammelt und die historische Entwicklung mit ihren dramatischen Veränderungen seit dem Fall des Europa teilenden Eisernen Vorhangs als Partner miterlebt. Die Zusammenarbeit zwischen Niedersachsen und Niederschlesien erfreut sich einer langen Tradition. Sie ist geprägt von einem partnerschaftlichen und offenen Austausch auf vielfältigen Gebieten. Anrede,Niedersachsen ist aktiv beim ausgleichenden und aussöhnenden Brückenbau zwischen den Heimatvertriebenen und Polen. Die gemeinsame Verantwortung für Schlesien und seine Kultur wird seit mehr als 30 Jahren durch die Verleihung des Kulturpreises Schlesien unterstrichen. Er ist sowohl für die niedersächsische als auch die schlesische Seite eine Geste der Aussöhnung und des partnerschaftlichen Miteinanders. Die Verleihung des Kulturpreises Schlesien 2009 in Braunschweig wird auch in diesem Jahr wieder Deutsche und Polen zusammenführen. Dabei steht in diesem Jahr besonders die Jugend im Vordergrund. In diesem Jahr erhält die Internationale Jugendbegegnungsstätte Kreisau den Sonderpreis des Niedersächsischen Kulturpreises Schlesien. Sie wird damit als eine Institution honoriert, die den zukünftigen Dialog zwischen Ost und West führen wird. Eine Jugendgruppe aus Braunschweig wird in Kürze nach Kreisau fahren, um Projekte zu erarbeiten, die auf der diesjährigen Preisverleihung des Kulturpreises im September vorgestellt werden. Als Gründungsmitglied der Freya von Moltke Stiftung für das neue Kreisau und Mitglied des Stiftungskuratoriums liegt mir die Arbeit der Jugendbegegnungsstätte sehr am Herzen. Kreisau ist Symbol für einen Ort der Verständigung und des Dialogs. Es ist mir eine Freude zu sehen, wie junge Menschen aus ganz Deutschland vor Ort die Geschichte ihrer Vorfahren kennenlernen und so mithelfen, den Herausforderungen Europas im 21. Jahrhundert zu begegnen. Anrede, Niedersachsen fühlt sich mit den Menschen aus Schlesien in inniger Freundschaft verbunden und verpflichtet! Sie können sich sicher sein: Wir werden weiterhin alles tun, um das Schicksal der Heimatvertriebenen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Im Gegenteil: Eine weitere Aufarbeitung der jüngeren deutschen Geschichte muss stattfinden. Niedersachsen wird im nächsten Jahr das 60-jährige Bestehen der Patenschaft mit der Landsmannschaft Schlesien feiern. Die Vorbereitungen hierfür sind bereits angelaufen und ich freue mich schon sehr darauf! Für Ihr Deutschlandtreffen hier bei uns in Hannover wünsche ich Ihnen viel Freude, anregende Gespräche und ein herzliches Schlesien, Glück auf!
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