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Nr. 09/2005                                                                                                                                                           18. Februar 2005

Der Bombenopfer würdig gedenken

-  Wahrheit darf nicht verfälscht werden  -

Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Am 13. / 14. 02.2005 jährte sich der vernichtende Bombenangriff auf Dresden zum 60. Mal. Schon im Vorfeld dieses Gedenktages stand das grausame Geschehen im Blickpunkt der Stellungnahmen vieler Politiker. Von falschen Geschichtsdarstellungen war dabei nicht selten die Rede.

Die Schlesier haben zu dem Bombardement von Dresden eine besondere Beziehung, denn zu diesem Zeitpunkt befanden sich viele tausend Flüchtlinge aus Schlesien in der Stadt. Viel ist über das Inferno von Dresden schon geschrieben und diskutiert worden. Nicht selten entzündete sich der Streit an den Opferzahlen, für manche hunderttausende, für andere lediglich 30.000. Die wahre Zahl zu ermitteln, wird wohl nie möglich sein. Allerdings wird man berücksichtigen müssen, dass sich in der Stadt wahrscheinlich bis zu einer Million Menschen aufgehalten hatten (Welt am Sonntag vom 6.2.2005), denn zu den 630.000 Einwohnern sind sehr viele evakuierte Bombenflüchtlinge aus anderen Reichsteilen und eben die Flüchtlinge aus dem Osten zu zählen. Bei einer fast völligen Zerstörung Dresdens mutet deshalb eine Zahl von nur 30.000 Toten als stark untertrieben an.

Streit gibt es aber auch bei der Bewertung des Bombenterrors als Kriegsverbrechen bzw. als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. War es nur eine Kriegshandlung oder ein gezielter Schlag zur Reduzierung und Demoralisierung der deutschen Bevölkerung? Gern wird auch geradezu entschuldigend gesagt, so z.B. am 4.2.2005 im Mittagsprogramm von ARD und ZDF oder im heute-journal am 11.2.2005, der Bombenkrieg sei von Deutschland ausgegangen und wieder zurückgekehrt. Es kann nicht darum gehen, irgendwelche Untaten des Dritten Reiches zu verleugnen oder zu bagatellisieren. Aber es muss erlaubt sein, absolute Falschaussagen, die gern von Politikern oder sogar von Historikern immer wieder verwendet werden, richtig zu stellen. Auch der durch seine historischen Fernsehfilme bekannte Guido Knopp entschuldigt in seinen Beiträgen geradezu alliiertes Unrecht, indem er auf zuvor begangenes Unrecht Deutscher hinweist. Eine besondere Art der Aufrechnung.

Was die Falschdarstellungen bezüglich der Urheberschaft des Bombenkrieges anbetrifft, sei zunächst auf einen Bericht der “Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) vom 28.3.03 hingewiesen. Hier wird der prominente britische Völkerrechtler I.M. Spaight zitiert mit den Worten: „ Wir haben angefangen...... das ist eine historische Tatsache“. Das Blatt zitiert auch aus dem  Februarheft 2003 des Magazins GEO, in dem es heißt, dass die Alliierten bewusst ihre Angriffe nicht auf Fabriken oder Verkehrszentren konzentrierten, sondern Flächenbombardements für richtig hielten, die wesentlich Wohnquartieren der Bevölkerung galten. Wie weiter ausgeführt wird, hatte Premierminister Churchill seinem Rüstungsminister am 5.6.1940 geschrieben: „Nichts anderes werde die Deutschen zur Vernunft bringen und in die Knie zwingen, als ein absolut verheerender Ausrottungsangriff mit überschweren Bomben“. GEO erinnerte auch daran, dass es zuerst die Engländer und nicht die Deutschen gewesen seien, die Sprengsätze über dem Territorium des Gegners abgeworfen hätten.

Das im Bertelsmann-Verlag herausgegebene Buch “Der zweite Weltkrieg“ (Bestell-Nr. 2933/24) führt auf Seite 239 folgendes aus: „Während die deutsche Luftwaffe bis zum Juni 1940 keine einzige Bombe über der britischen Insel abwarf, griffen seit Kriegsbeginn 1939 britische Flugzeuge in nächtlichen Einzelunternehmungen militärische Ziele und Versorgungsanlagen auf deutschem Boden an. Dabei gab es durch Fehlwürfe zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung. Im Mai 1940 beschloss das britische Kabinett den vollen Luftkrieg gegen das deutsche Hinterland. Als sich die Luftangriffe gegen Berlin und andere deutsche Städte mehrten, schlug die deutsche Luftwaffe zurück. Ihre Ziele waren vor allem Industriestädte mit kriegswichtigen Rüstungsbetrieben. Hafen und Industriestädte wie beispielsweise Hamburg gehörten seit Anfang des Krieges zu den bevorzugten Angriffsobjekten der Royal Air Force“.

Auf Seite 235 wird zu den deutschen Angriffen auf die britische Insel folgendes ausgeführt: „In der ersten Phase der Luftschlacht um England richteten sich die Angriffe der deutschen Bombengeschwader in der Hauptsache gegen die britischen Stützpunkte und Verteidigungsanlagen an der Themsemündung. Da es sich meist um Punktziele handelte, die einen genauen Zielanflug erforderten, wurden die Angriffe bei Tag geflogen. Ab September lag der Großraum London bei Tag und Nacht unter dem Bombenhagel der deutschen Verbände. Immer noch galten die Angriffe vorwiegend den Rüstungs- und Hafenanlagen, Radarstellungen und Flugstellungen“.

Wenn in der aktuellen Diskussion und Berichterstattung der wahre Ablauf falsch dargestellt wird, so erinnert dies an die Rede des ungarischen Schriftstellers Peter Esterházy anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 10.10.2004, in der er über den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit ausführte: „Die Deutschen haben die eigenen Vergehen beim Namen genannt, die eigenen Leiden haben sie nicht beim Namen genannt. Die eigenen Missetaten zu verdecken, ist eine europäische Gewohnheit. Der Hass gegen die Deutschen ist Europas Fundament in der Nachkriegszeit“.

Es ist besonders bedauerlich, wenn von deutscher Seite dazu beigetragen wird, dass die Missetaten anderer verdeckt bzw. relativiert werden. Solange diese Art der Geschichtsklitterung gepflegt wird, kann dies nicht zur Beruhigung der Diskussion beitragen. Falsche geschichtliche Darstellungen werden immer wieder Anlass zum Widerspruch geben, ja werden auch extreme Kräfte stärken. Dies zu verhindern ist nur möglich, wenn bei der Aufarbeitung deutscher Geschichte die Wahrheit nicht teilweise ausgeblendet wird. Niemand sollte Angst haben, dass dadurch Verbrechen der Nationalsozialisten verwischt oder verkleinert werden. Auch wenn die Schuld anderer schonungslos dargestellt wird, bleiben die Untaten der NS-Herrschaft nach wie vor unbestritten, auch über sie ist selbstverständlich wahrheitsgemäß zu berichten. 

Wenn heute amerikanische oder britische Bomberpiloten bekennen, dass sie ihren damaligen Einsatz bedauern, weil ihnen häufig klar war, die Angriffe richteten sich nicht gegen militärische Ziele, sondern bei ihrem Einsatz galt es allein, Gebäude zu zerstören und Menschen zu töten, so ist dies im Nachhinein anerkennenswert. Dagegen steht allerdings eine britische Haltung, die dazu führte, den neben Churchill Hauptverantwortlichen für die Ausrottung unschuldiger Menschen, dem Kommandierenden Luftmarschall Arthur Harris, vor 12 Jahren mit einem Denkmal zu ehren. Ein Symbol, das nur als Beleidigung der Opfer seiner Kriegsverbrechen verstanden werden muss.

Dem Bombenopfer heute in würdiger Form, das heißt auch ohne bemäntelnde Erklärungen für das Leid, zu gedenken, ist Pflicht eines zivilisierten Volkes. Wenn man an das jährliche Gedenken der Japaner an die Atombombenopfer von Hiroshima und Nagasaki denkt, ist es beschämend, wie Deutschland sich an den Jahrestagen des 13. / 14.2.1945 verhält.

Abdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet. Belegexemplar erbeten. Erscheint nach Bedarf.