ps Pressedienst Schlesien
Presseinformationen
der Landsmannschaft Schlesien - Nieder- und Oberschlesien e.V.
Bundesgeschäftsführung:
Dollendorfer Str. 412, 53639 Königswinter, Tel.: (02244) 9259-0, Fax: (02244)
9259-290
Nr. 12/2005 05. April 2005
- Wahrheit ist Menschenrecht –
- Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der
Landsmannschaft Schlesien –
Die deutschen
Heimatvertriebenen hatten sich über Jahrzehnte daran gewöhnt, ein Nischendasein
zu führen, verursacht durch ein anerzogenes kollektives Gewissen, das den
Deutschen allein die Rolle als Täter zuwies, wo sich ein von oben verordneter
geschichtspolitischer Konsens darauf konzentriert, jede Abweichung als entartet
darzustellen, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 18.3.2005 feststellte.
In diesem Klima fiel es schwer, manche Dinge beim Namen zu nennen. Moderate
Aussagen über die Vertreibung wurden so selbst bei Vertriebenen zur Normalität,
was im Gegensatz zu den deutlichen, teilweise in brutaler Offenheit
vorgetragenen Schilderungen anderer Opfergruppen steht. Anerkennung findet die
Zurückhaltung der Vertriebenen nicht. Im Gegenteil! Man scheut nicht davor
zurück, ihre Leiden, das an ihnen begangene Unrecht, stets nur in der
Verpackung einer Aufrechnung darzustellen.
Kritik an dieser deutschen Krankheit kam im letzten Jahr aus dem
Ausland. Der Tscheche Dolezal und der Ungar Esterházy sprachen in ihren
bekannten Reden das aus, was viele Vertriebene empfinden, aber im offiziellen
Deutschland nicht gewünscht ist.
Frei von deutschen
Hemmungen zeigte sich kürzlich auch der amerikanische Völkerrechtler und
Historiker Prof. Dr. Alfred de Zayas in seinem Vortrag anlässlich einer
Feierstunde des BdV Nordrhein-Westfalen am 19.3.2005 in Düsseldorf. Im Beisein
des Oppositionsführers im nordrhein-westfälischen Landtag, Dr. Jürgen Rüttgers,
fand er für das an den deutschen Vertriebenen verübte Verbrechen offene und
klare Worte, die auszusprechen ein Deutscher sich kaum traut. Besonderes
Gewicht erhalten de Zayas Ausführungen dadurch, dass er auf eine 22-jährige
Tätigkeit als Völkerrechtler im Zentrum für Menschenrechte der Vereinten
Nationen, nämlich als ehemaliger Sekretär des UNO-Menschenrechtsausschusses und
als ehemaliger Chef der Petitionsabteilung im Büro des Hochkommissars für
Menschenrechte, zurückblicken kann.
Die Vertreibung der
Deutschen war völkerrechtswidrig und ein Verbrechen gegen die Menschheit, weil
alle Menschen betreffend, so de Zayas. Die im Rahmen des Verbrechens begangenen
zahlreichen mörderischen Übergriffe sollten Vertreibungsexzesse genannt werden,
die auch als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet werden können. Für
die Vertreibung gibt es keine historische oder moralische Rechtfertigung, sie
war insbesondere auch keine Strafe für Hitler, denn die polnischen und
tschechischen territorialen Ansprüche und Vertreibungsprojekte existierten
nachweislich schon seit dem Ersten Weltkrieg. Es war Landraub im großen Stil.
Der Zweite Weltkrieg war keinesfalls die Ursache der Vertreibung – sondern nur
der unmittelbare Anlass und basierte auf der Machtfülle der Sieger, was wir
auch heute noch beobachten können, so de Zayas weiter.
Scharf wandte er sich
gegen die menschenverachtende Aufteilung der Welt nach einer primitiven
Schablone von Tätern und Opfern, weil sie nichts mit Geschichte, Wissenschaft
oder politischen Realitäten zu tun hat. Diese Sichtweise bezeichnete er als
Verlogenheit und Obszönität, denn Schuld und Unschuld sind individuell und
nicht kollektiv.
In diesem Zusammenhang
gesehen gibt es auch keine politisch korrekten oder politisch inkorrekten
Opfer, weil alle Opfer dieselbe menschliche Würde haben, stellte de Zayas fest.
Für ihn gibt es nur Menschen, die gelitten haben und Anspruch auf menschliches
Mitgefühl, auf
Respekt und Wiedergutmachung
haben. Nur Deutschland hat sich nach 1945 gewissenhaft und schmerzhaft der
Aufgabe unterworfen, individuelle Schuld eigener Bürger zu verfolgen und im
Rahmen des Möglichen Wiedergutmachung zu leisten.
Anhand von Zeitdokumenten
von Alexander Solschenizyn, Lew Kopelew, des ehemaligen amerikanischen
Botschafters George Kennan, des britischen Publizisten Viktor Gollanz und des
Generals Eisenhower belegte er die außergewöhnliche Brutalität mit der die
Sowjets, aber auch Polen und Tschechen, bei ihrem Einmarsch und bei der
Vertreibung vorgegangen sind.
De Zayas bezeichnete es
als besorgniserregend, wenn Journalisten, Historiker und Politiker in
Tschechien und Polen die Vertreibung ständig bagatellisieren und relativieren.
(Anmerkung des Verfassers: Ein Beispiel hierfür lieferten gerade die polnischen
Professoren Jonca, Sitek und Wrzesinski von der Universität Breslau in einem
Gutachten an die Staatsanwaltschaft in Hirschberg/Niederschlesien.) Weshalb
auch deutsche Journalisten, Historiker und Politiker sich ebenso verhalten, ist
nicht nachvollziehbar.
Zu beklagen ist, so der
Referent, dass völkerrechtliche Normen mit ihrer Umsetzung nicht identisch sind
und dass es Normen gibt, die ungestraft missachtet werden. So wurden weder die
Massenmörder Pol Pot, Idi Amin, Bomber-Harris, Eduard Beneś oder Wladyslaw
Gomulka jemals zur Verantwortung gezogen.
Atemberaubend ist nach de
Zayas Worten auch die intellektuelle Unredlichkeit der Journalisten und
Historiker in Deutschland und Amerika damals wie heute. Zum Verständnis der
Vertreibung gehört es, nicht mit 1933 oder mit 1939 anzufangen, da der Zweite
Weltkrieg bereits seit Versailles programmiert gewesen sei. Er verwies auch auf
die Feststellungen des Völkerbundes und des Ständigen Internationalen
Gerichtshofes in den Haag, die wiederholt die Diskriminierung und
Terrorisierung der deutschen Volksgruppen in Polen und der Tschechoslowakei
zwischen den beiden Weltkriegen verurteilten.
Ständige
Lippenbekenntnisse zu den Menschenrechten stimmen heute nicht mit dem
politischen Handeln überein, so dass Polen und Tschechien ohne Konditionen in
die EU aufgenommen wurden und ohne dass sie die Kopenhagener Kriterien von 1993
erfüllt haben.
Gerade auf die heutige
Diskussion über das Potsdamer Protokoll bezogen stellte de Zayas fest, dass
dieses Dokument von Geschichtsklitterern in Polen und Tschechien politisch
missbraucht wird, vor allem, weil sie Art. XIII des Protokolls als eine
alliierte Anordnung zur Vertreibung interpretieren.
Da heute das Thema
Vertreibung kein Tabu mehr ist, sollten wir dafür sorgen, dass die Diskussion
nicht von einem verkrampften Zeitgeist geleitet wird, sondern von einem echten
Interesse an Wahrheit – denn Wahrheit ist auch ein Menschenrecht. Dabei darf
kein Themenkomplex ausgeklammert werden.
De Zayas schloss mit der
Aussage: Alle wollen Verständigung – aber keinen Versöhnungskitsch. Alle wollen
Verständigung auf der Basis der Menschenrechte und der historischen Wahrheit.
Für wohl jeden Zuhörer
bedeuteten die Worte des prominenten Völkerrechtlers und Historikers eine
besondere Motivation für die weitere Arbeit. Gerade für die, deren
Standfestigkeit durch ständige Angriffe angeschlagen ist, sind Bestätigungen
dieser Art sicher eine wertvolle Hilfe zur Selbstbesinnung.
Dass es inzwischen eine
Minderheit von Vertriebenen gibt, die sich von Grundsätzen unserer politischen
Zielsetzungen entfernt hat, allen voran der Herausgeber der Zeitungen
„Schlesien heute“ und „Oberschlesien“, ist zutiefst bedauerlich. Allerdings
müssen wir seit der deutschen Einheit mit Wendehälsen leben.