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Nr. 14/2005                                                                                                                                                              29. April 2005

"Ihr habt ihn doch gewählt!"

von Dr. Herbert Hupka -Bundesehrenvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Kurz vor dem jetzt aus Anlass der 60-jährigen Wiederkehr des Kriegsendes gefeierten Jahrestags am 8. beziehungsweise 9. Mai 2005 sagte Polens Außenminister in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" „Deutschland hat am Ende des Krieges ausgedehnte Gebiete verloren, und Polen hat sie gewonnen. Deshalb müssen wir die Erinnerung an die Ursachen des Krieges bewahren, sonst heißt es in einer Generation oder in zweien in Deutschland, der Gebietsverlust und die Vertreibung vieler Millionen Deutscher sei eine Ungerechtigkeit gewesen. Dennoch, und das wird in Deutschland oft total ignoriert: "Hitler ist gewählt worden“." In die Umgangssprache übersetzt heißt das: Es könnte vielleicht sein, dass die Westverschiebung Polens, dass der deutsche Gebietsverlust, dass polnische Annexion, dass die Vertreibung der Deutschen aus ihrer Heimat anzuklagen und zu verurteilen sind, aber Vorsicht mit Anklage und Verurteilung, zuerst war da Adolf Hitler, und Ihr Deutschen habt ihn doch gewählt.

 

Selbstverständlich kann Geschichte nicht nach Gefälligkeiten geschrieben oder vielleicht korrigiert werden, aber zu leichtfertigen und oberflächlichen Argumentationen darf man, muss man Stellung nehmen. Was so, wie es auch jetzt wieder zu einer logischen Folge von Kausalitäten geradezu als Kanon erklärt wird, stimmt nicht. Keine Bange, Hitler soll nicht exkulpiert und freigesprochen werden, aber dieser Hitler darf nicht gleichgesetzt werden mit dem deutschen Volk - und mit Deutschland, nicht als demokratisch gewählter und zur Macht Gekommener gewertet werden.

Die letzte Wahl in der Weimarer Republik fand am 5. März 1933 statt. Aber ganz frei war diese Wahl auch nicht mehr, denn Politiker und mancher Mitbürger waren bereits verhaftet, vor dem Nationalsozialismus angesichts seiner Ziele geflohen oder in die Emigration gegangen. Das Wahlergebnis sagt aus: die NSDAP, die Partei Adolf Hitlers, erreichte 43, 9 Prozent, also nicht die absolute Mehrheit, die Deutschnationale Volkspartei wird mit acht Prozent notiert. Zusammen mit dieser, die Republik gleichfalls ablehnenden Partei musste Hitler eine Koalitionsregierung bilden, um den in seinen Augen demokratischen Schein zu wahren. Das sogenannte Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933 gab dem Reichskanzler Hitler die Macht zur eigenwilligen und eigenmächtigen Gesetzgebung die erschreckende Vollmacht. Aus der nicht unbegründeten Angst, Schlimmes angesichts des Drucks von der durch die Nationalsozialisten mobilisierten Straße zu verhindern, stimmten die Parteien zu, nur die Sozialdemokraten und Kommunisten widersprachen. Jetzt kann gefragt werden: wie konnte es überhaupt zu diesen 43, 9 Prozent Stimmen für Hitler kommen? Im Zeitraffer seien als Antwort genannt: Hohe Arbeitslosigkeit mit sieben Millionen (und das waren durchweg Alleinernährer, Doppelberufe gab es in den Familien nicht), das Ende des Weltkrieges mit einem Friedensvertrag in Versailles, der ein Diktat war, Reparationsleistungen über Jahrzehnte hinweg, eine keineswegs von der Mehrheit im Volk innerlich akzeptierte Republik, im politischen Alltag Feindschaften anstelle von Gegnerschaft, Errettungsprophezeiungen, Sehnsucht nach einer allein entscheidenden Führungspersönlichkeit - aber hier soll die unvollständige Ursachenforschung abgebrochen werden. Die demokratischen Parteien wurden aufgelöst, mussten sich zwangsweise auflösen. Brutale Macht bis hin zum Mord, es sei hier der „Röhmputsch" vom 30. Juni 1934 genannt, absolute Alleinherrschaft einer Partei, der NSDAP, und eines Mannes, Adolf Hitler, obsiegten. Und das war so bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

Nicht aufgrund eines parlamentarischen Beschlusses wurde am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausgerufen und erklärt. Das erste Opfer dieses Krieges war Deutschlands Nachbar Polen. Hätte es eine parlamentarische Entscheidung gegeben, wäre das deutsche Volk befragt worden, und mit Bestimmtheit darf geantwortet werden, einen neuen Krieg hätte es nicht gegeben, denn die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg war bis tief in die Familien noch mit Abscheu und Verbitterung lebendig.

Der Schuldige an der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges heißt Adolf Hitler, heißt die nationalsozialistische Diktatur. Man darf diese aber nicht mit dem deutschen Volk gleichsetzen. Zwar war Hitler zusammen mit den Deutschnationalen Reichskanzler geworden, nachdem ihn Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler berufen hatte, aber dieser Mann wurde und war ein Diktator. Nicht anders als Josef Stalin in der Sowjetunion. Erst am 20, Juli 1944 hätte es durch das Attentat von Claus Graf Stauffenberg gelingen können, sich des Gewaltherrn zu entledigen.

Diejenigen, die die Partei NSDAP und damit Hitler tatsächlich am 5. März 1933 gewählt haben, waren als die jüngsten Wähler Angehörige des Jahrgangs 1912, denn es wurde erst mit 21 Jahren gewählt. Soll man, darf man all die vielen Jahrgänge zuvor dafür verantwortlich machen, dass der von ihnen Gewählte ein Diktator wurde und war? Es gibt keine Einbahnstraße, die besagt, dass die Wähler des Jahres 1933 bereits wissen mussten, dass sie einen Gewaltherrscher gewählt haben. Darum stimmt die Gleichung nicht, dass Hitler vom deutschen Volk gewählt worden sei und auch das deutsche Volk sich zu rechtfertigen habe, indem es die Verantwortung für Hitler auch als Diktator hätte.

Und obendrein, die Schuld des schuldigen Tyrannen kann nicht so weit gehen, dass er auch noch an der Vertreibung schuld sei.

 Es wäre unmöglich, Adolf Hitler freisprechen zu wollen, aber man macht es sich, leider sogar bewusst, zu leicht, alles Unheil, die grausamen Folgen des Zweiten Weltkrieges, wie es jüngst Polens Außenminister Adam Rotfeld mit einer in Anspruch genommenen falschen Logik getan hat, mit Hitler und von den Deutschen gewählt zu erklären. Man hüte sich doch bitte davor, alles Grausame und Menschenunwürdige in der Weltpolitik ganz einfach und schnell mit Adolf Hitler begründen und interpretieren zu wollen.

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