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Nr. 35/2005 29. August 2005
Verständigung eine Einbahnstrasse?
- polnischer Autor kritisiert Polen -
Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien
Deutschland hat seine Schuld gegenüber Polen anerkannt und eingestanden.
Es hat jedoch Anstrengungen unternommen, sie wieder gutzumachen, und ist zum
wichtigsten Anwalt Polens in Europa und der Welt geworden, schrieb Adam Chmielewski
in der Monatszeitschrift Odra. Man muss hinzufügen, dass es Deutsche
waren, die sich über Jahrzehnte für die Verständigung engagiert
und die in schwierigen Zeiten als Erste Polen Hilfe gebracht haben. Zu erinnern
ist vor allem an die Zeit des Kriegsrechts oder an die Oderflut. Auf breiter
Front wurde von Deutschland aus die Zusammenarbeit mit Polen vorangetrieben,
ob im kulturellen Bereich, beim Jugendaustausch, in der wissenschaftlichen
Zusammenarbeit oder bei der Pflege partnerschaftlicher Beziehungen zwischen
den Kommunen. Es fällt allerdings auf, dass die Initiativen hierzu stets
von deutscher Seite ausgegangen sind, so als wenn eine deutsche Bringschuld
bestünde.
Wer allerdings erwartet hat, polnisches Entgegenkommen, Verständnis für
deutsche Befindlichkeiten, Vertrauen gegenüber Deutschen oder die Aufarbeitung
eigener Schuld wären in Polen die logische Folge, sieht sich nach langen
Jahren deutscher Bemühungen enttäuscht.
Jetzt gehe den Deutschen die Geduld gegenüber Polen aus, so schreibt
Chmielewski weiter und spricht von einem sich immer öfter durchsetzenden
Denkmuster: "Die Polen glauben, dass sie uns Deutsche mit dem Argument
Auschwitz unendlich lange in Schach halten können, ganz gleich, wie viel
wir für sie tun. Sie sind überzeugt, dass wir uns ohne Ende ihren
Forderungen beugen werden, ohne Rücksicht darauf, wie illoyal sie sich
uns gegenüber verhalten. Das muss endlich ein Ende haben." Chmielewski
weist in diesem Zusammenhang auf die Folgen für Polen hin, falls sich
kein Wandel im polnischen Denken vollziehe. Deutschland habe, so der Autor
weiter, durch seine Buße gegenüber Polen den ehemaligen Opfern
seinen Respekt erwiesen, dennoch glauben viele Polen, dies sei noch immer
nicht genug und werde nie genug sein. Die Schuld Nazi-Deutschlands falle eben
auf alle Deutsche und auf alle ihre Kinder - bis in alle Ewigkeit. Diese Denkweise
der Polen steht im Widerspruch zum Geist der christlichen Vergebung und zum
Geist der Solidarität. Chmielewski spricht von einem moralischen Würgegriff,
der sich zwar gegen die Deutschen richte, aber den Polen selbst die Luft abschnüre.
Wenn allein die Geschichte die Politik gegenüber Deutschland diktiert,
mache dies eine Partnerschaft zum Wohle Europas unmöglich. Ein antieuropäisches
und proamerikanisches Polen würde zu einer Spaltung Europas in ein Kerneuropa
und eine Peripherie führen mit einer Partnerschaft Deutschland mit Frankreich.
Der Autor empfiehlt, bei dieser Entwicklung nach eigener polnischer Schuld
zu suchen.
Nachdem bereits der tschechische Politikwissenschaftler Bohumil Dolezal auf
Fehlentwicklungen im deutsch-tschechischen Verhältnis durch seine Feststellung,
deutsche Entschädigungsleistungen und Entschuldigungen hätten die
Spannungen eher verschärft als abgebaut, aufmerksam machte, ist es jetzt
eine bemerkenswerte polnische Stimme, die Alarm schlägt. Ob dies auf
die Verhaltensweisen in Deutschland oder Polen kurzfristig Einfluss haben
wird, darf bezweifelt werden. Zu tief steht bei der herrschenden politischen
Klasse und bei den Medien die Kultivierung des deutschen Schuldkomplexes obenan.
Oder wie Dolezal am 28.6.2005 in der FAZ schrieb: "Auch die Deutschen
haben sich mit dem Zweiten Weltkrieg nicht wirklich auseinandergesetzt: Sie
finden sich nur ab mit der Rolle des ewigen Prügelknaben. Doch eine spektakuläre
Selbsterniedrigung zeugt noch nicht von wirklicher Reflexion."
"Sklave der polnischen Forderungen?" So überschrieb das in
Oppeln erscheinende "Schlesisches Wochenblatt" einen Artikel über
die deutsch-polnische Situation. Erst wenn Deutschland ein normales Verhältnis
zu seiner Geschichte gewonnen hat, wird dies auch auf Polen oder andere Staaten
Wirkung zeigen und sich ein vernünftiges Miteinander von Geben und Nehmen
einstellen. Solange aber auf deutscher Seite nur auf polnische Wünsche
eingegangen wird, kann schwerlich eine Änderung polnischer Verhaltensweisen
erwartet werden. Mangel an Konfliktbereitschaft und eine seltsame Scheu gegenüber
Polen, so kritisierte der damalige Bundesvorsitzende, Dr. Herbert Hupka, die
Regierung Kohl auf dem Deutschlandtreffen 1997. Er forderte, die Bundesregierung
solle vor dem geplanten EU-Beitritt Polens über die offenen Fragen des
Eigentums, der Entschädigung, des Heimatrechts und der Ächtung der
Vertreibung sprechen. All dies muss auch heute angemahnt werden, da es in
dieser Hinsicht noch überhaupt keine Fortschritte gegeben hat. Selbst
weniger problematische Fragen zeigen, dass ein Entgegenkommen auf polnischer
Seite häufig nicht vorhanden ist. Noch immer gibt es viele Ortschroniken
in den deutschen Vertreibungsgebieten, die Geschichte in skandalöserweise
verfälschen. Selbst dem ehemaligen Landrat von Oppeln, Graf Matuschka,
der als Gegner des NS-Regimes viele Deutsche und Polen vor dem KZ Auschwitz
bewahrte und am 14.9.1944 in Berlin gehängt wurde, verweigert man bisher
eine Würdigung durch eine Gedenktafel an dem alten Dienstgebäude.
Die Ehrung nach dem Krieg ermordeter Deutscher geht kaum über die Opfer
von Lager Lamsdorf hinaus. Deutsche Zwangsarbeiter in Polen sind überhaupt
kein Thema. Der polnische Sejm spricht in Entschließungen im Jahre 2004
immer noch von den wiedergewonnenen Westgebieten und nennt deutsche Vertriebene
Umsiedler. Die Abgeordneten des Außenpolitischen Ausschusses in Warschau
behaupteten gegenüber deutschen Abgeordneten, wie Erwin Marschewski MdB
gerade in einem Pressedienst der CDU/CSU-Bundestagsfraktion mitteilt, dass
die Deutschen nicht vertrieben worden seien, sondern freiwillig gegangen sind.
Die wütenden Attacken gegen das Zentrum gegen Vertreibungen oder gegen
das Aufwerfen der Eigentumsfrage sind dabei besondere Ausprägungen polnischer
Unversöhnlichkeit. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.
Sollten nach dieser erschütternden Bilanz die Bemühungen um die
Verständigung eingestellt werden? Natürlich nicht! Die Verständigungsarbeit
muss nur auf eine andere Grundlage gestellt werden, denn so, wie sie in den
Jahren nach der Wende betrieben wurde, hat sich uns nicht weitergeführt.
Nach Dolezal und Chmielewski hat sie sogar Schaden gebracht. Es muss eben
das Prinzip von Geben und Nehmen in den Vordergrund gestellt werden. Dies
sollte im Kleinen beginnen, damit sich ein Gewöhnungseffekt entwickelt.
Zuallererst muss aber in Deutschland eine Veränderung in den Köpfen
erfolgen. Nicht das Anbiedern um jeden Preis oder ein von Schuldbewusstsein
bestimmtes Handeln dürfen obenan stehen, sondern der partnerschaftliche
Gedanke.
Abdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet.
Belegexemplar erbeten. Erscheint nach Bedarf.