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Nr. 37/2005 16. September 2005
Schönschrift für das Verbrechen der Vertreibung
I.
Gerade Professoren der Politischen Wissenschaften sollten dessen fähig sein, Begriffe klar zu definieren. Aber im vorliegenden Fall, und es ist kein Einzelfall, wollte besagter Professor brav zu unterscheiden wissen zwischen dem Angriff der Hitler-Diktatur auf Polen und der Vertreibung der Deutschen. Was am 1. September 1939 geschehen ist, nennt er mit gutem Grund barbarisch. Allerdings darf dann auch der Angriff der Stalin-Diktatur am 17. September 1939 auf Polen nicht ausgespart werden, denn auch dieser war barbarisch. Aber das, was 1945 und danach geschehen ist, soll keineswegs barbarisch gewesen sein, sondern nur eine Tragödie!
Professor Hans-Adolf Jacobsen, jetzt bald achtzigjährig, Emeritus der Universität Bonn, hat jüngst für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" die Erinnerungen von Wladyslaw Bartoszewski "Und reiß uns den Hass aus der Seele. Die schwierige Aussöhnung von Deutschen und Polen" besprochen (in den "Schlesischen Nachrichten" erschien bereits in Nr. 10 am 15. Mai 2005 eine Besprechung). Er schreibt jetzt: "Wie schwierig und dornenreich dieses Unterfangen der Aussöhnung zwischen Polen und Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg - das heißt: nach dem Ende der nationalsozialistischen Barbarei in Polen und der Tragödie von Flucht und Vertreibung von Millionen Deutscher aus ihrer abgestammten Heimat - gewesen ist, hat Bartoszewski immer offen bekannt".
Es wird also unterschiedlich gewertet und akzentuiert. Was 1939 und in den folgenden Jahren geschehen ist, war mit den Worten von Professor Jacobsen gesprochen "Barbarei". Aber was 1945 und danach geschehen ist, nennt sich lediglich eine "Tragödie". Zugegeben: es hat die "nationalsozialistische Barbarei" gegeben. Das ist deutsche und polnische Geschichte. Aber das was 1945 geschehen ist, soll nicht nationalistische, kommunistische Barbarei gewesen sein. Nein, nur das, was den Polen widerfahren ist, verdient den Namen Barbarei, und das, was den Deutschen widerfahren ist, soll bloß eine Tragödie gewesen sein.
II.
Barbarei, darunter versteht man grausames unmenschliches Verhalten. Tragödie, darunter versteht man im allgemeinen Sprachgebrauch das Trauerspiel. Tragödien auf der Bühne des Theaters, aber zugleich ein Unglück einen Schicksalsschlag. Hinter dem Begriff der Barbarei stehen immer handelnde Personen, Schuldige. Tragödie meint Leidende, unschuldige Getroffene. Man kann es auch so interpretieren, was hier als Gegensatz und jeweils von unterschiedlicher Aussagekraft gemeint ist: Barbarei, dies Wort für die unmenschlichen Handelnden, für die anzuklagenden Täter. Im Wort von der Tragödie steckt etwas Mitleidenswertes, etwas schicksalhaft Anonymes, im Gegensatz zu den barbarisch Handelnden.
War die Vertreibung, so darf, so muss gefragt werden, nicht auch das Werk
von Handelnden, war es nicht Barbarei, die Menschen aus Haus und Hof zu
jagen? Das Stichwort Tragödie für die Vertreibung ist geschöntes
Deutsch. Sagen wir es deutlich genug: die Vertreibung der Deutschen aus
der angestammten Heimat soll lediglich ein Betriebsunfall der Geschichte
gewesen sein, zwar bedauernswert, aber Schuld und Sühne sind ausgeschlossen,
denn so eine Tragödie wie die Vertreibung enthält einen irrationalen
Kern, bedeutet etwas Unfassbares, mit dem wir uns als Menschen in Gottes
Hand abzufinden haben. Wer wollte angesichts der Tragödie nach Tätern,
nach Schuldigen, nach Barbaren fragen und forschen?
III.
Es ist eine Beleidigung der Vertriebenen, wenn die Vertreibung lediglich als Tragödie, als ein tragisches Missgeschick gesehen und verstanden werden soll. Anders ausgedrückt, besagter Professor der Politischen Wissenschaften betreibt Gefälligkeitspolitik. Dies begann schon früh im Zuge einer angeblichen Entspannungspolitik, als deutsche Intellektuelle der polnischen Leugnung der Vertreibung auf den Schulbuchkonferenzen bereitwillig zustimmten. Und diese Gefälligkeit auf Kosten der geschichtlichen Wahrheit wird bis in unsere Tage, meist von demselben Personenkreis, gewissenlos fortgesetzt. Die Vertreibung darf man nicht mit dem Schönwort Tragödie charakterisieren. Die Vertreibung war Unrecht und ein Verbrechen, grausam und unmenschlich wie die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges. Das Wort Barbarei darf angesichts der Vertreibung nicht ausgespart werden.
Herbert
Hupka
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