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Nr. 39/2005 18. Oktober 2005
Soziale Gerechtigkeit! Historische Gerechtigkeit?
I.
Jüngst im Wahlkampf, als es um die künftige Parteienstruktur im 16. Deutschen Bundestag ging, spielte der Begriff und das Schlagwort von der sozialen Gerechtigkeit eine große Rolle. Die einen sagten wiederholt, dass es keinen Eingriff in die soziale Gerechtigkeit geben dürfe, sich selbst nannte man einen Hüter und Garanten für die soziale Gerechtigkeit. Gleichzeitig wurde die Gegenseite so dargestellt, dass die soziale Gerechtigkeit höchst gefährdet sei, wenn es zu einem Erfolg der sogenannten Bürgerlichen kommen sollte, womit CDU/CSU und FDP gemeint waren und getroffen werden sollten. Es ist bestimmt ein müßiges Beginnen, die soziale Gerechtigkeit bis ins Detail zu definieren.
Aber es war so, und die Auseinandersetzung hält bis heute an: Hier die Wahrer der sozialen Sicherheit und Gerechtigkeit, dort die Feinde, mit der Absicht angetreten, die soziale Sicherheit und Gerechtigkeit nicht nur in Frage zu stellen, sondern sie systematisch zu zerstören.
II.
Es sei jedoch erlaubt und vonnöten, nicht ausschließlich das persönliche und materielle Wohlergehen zum Ziel politischen Handelns zu erklären, gleichzeitig eine Schwächung oder Infragestellung als Zielvorgabe ins Auge zu fassen, sondern berechtigterweise tiefer zu loten. Wir sprechen von der historischen Gerechtigkeit. Wir alle als deutsches Volk, quer durch alle sozialen Schichten und jenseits jeglicher Bevorzugung oder Benachteiligung als gesellschaftliche Schicht, haben einen Anspruch auf Gerechtigkeit, auf die historisch fundierte Gerechtigkeit.
Mit dieser historischen Gerechtigkeit des deutschen Volkes ist es aber zur Zeit schlecht bestellt. Zwei Daten der Geschichte seien herausgegriffen, der deutschen Geschichte, der Geschichte unserer Nachbarn, der europäischen und Weltgeschichte: 1939 und 1945. Dem Jahr 1939 mit seinen unmenschlichen Fakten und Geschehnissen haben wir uns Deutsche gestellt. Und wir taten das und tuen es auch heute in der Absicht einer ehrlichen Überzeugung und mit dem Bekenntnis zur historischen Wahrheit. Aber es hat auch das Jahr 1945 gegeben, und dieses Datum bedeutet nicht nur das Ende des Zweiten Weltkrieges und den Untergang einer Zwangsherrschaft, sondern auch den Beginn der Vertreibung der Deutschen aus der angestammten Heimat und die Herrschaft der kommunistischen Diktatur über deutsche und europäische Regionen.
III.
Der Bund der Vertriebenen und mit ihm die Landsmannschaften hat in einer Stiftung die Initiative für ein " Zentrum gegen Vertreibungen" übernommen, aber damit, wie behauptet wird, Ängste bei unseren Nachbarn hervorgerufen. Die einfachste Formel für dieses Nein zum "Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin lautet: Wir Deutsche wollen die jüngste Geschichte neu und umschreiben, wollen uns als Opfer darstellen, obwohl wir doch nur als Täter gesehen und verurteilt werden dürfen. Die Gegenfrage lautet so einfach, dass man sie erst gar nicht in Sätze zu fassen vermag: Die Vertreibung der Deutschen hat doch stattgefunden, wer vermag dies zu leugnen und aus der Geschichte zu verbannen. Warum dürfen wir nicht an das Leid, an die grausame Vertreibung erinnern, deren Opfer Deutsche gewesen sind? Warum bedürfen wir einer sogenannten europäischen Bevormundung durch ein "Europäisches Netzwerk Erinnerung und Solidarität", wobei schon im Namen das Verbrechen der Vertreibung erst gar nicht mehr genannt wird?
IV.
Die neuesten Nachrichten lassen uns sogar wissen, dass beide christliche Konfessionen, die katholische und die evangelische Kirche, das "Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin nicht errichtet sehen wollen. Begründung: Alte Wunden werden aufgerissen, Ängste unserer Nachbarn werden geschürt, die Versöhnung, die mit diesem "Zentrum gegen Vertreibungen" entsprechen der Satzung, Absicht sein soll, werde nicht hundertprozentig garantiert. Dies ist in vielerlei Hinsicht eine Verhöhnung, ja Beleidigung der aus ihrer Heimat vertriebenen Deutschen. Frage: Wie sieht die Messlatte aus, wenn unsere christlichen Kirchen bereit sind, uns Christen Versöhnung zu attestieren! Warum dieses Infragestellen eines dringend notwendigen Tuns, im Dienste der historischen Gerechtigkeit als deutsches Volk von sich selbst zu reden, zu sagen, was und wie es gewesen ist? Sind wir zum Schweigen verurteilt, obwohl es überfällig ist, in eigener Sache das Wort zu nehmen!
Es gibt keine Kollektivschuld, aber es gibt auch keine kollektive Heiligsprechung. Dieses Spekulieren auf angebliche Ängste unserer Nachbarn ist unerträglich. Muss immer erst die Kirche Ja sagen, wenn wir als Deutsche die historische Gerechtigkeit in Anspruch nehmen?
In gleicher Weise, wie für die soziale Gerechtigkeit gestritten und gewirkt wird, gilt dies auch für die historische Gerechtigkeit. Nicht ohne Grund ist hinter der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit ein Ausrufungszeichen gesetzt und leider hinter die Forderung nach historischer Gerechtigkeit ein Fragezeichen, weil diese geleugnet wird.
Herbert
Hupka
Abdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet.
Belegexemplar erbeten. Erscheint nach Bedarf.