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Presseinformationen der Landsmannschaft Schlesien - Nieder- und Oberschlesien e.V.

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Nr. 45/2005                                                                                                                                                              28. November 2005


270.000 rote Pässe

I.

"Ich kann keinen Einfluss darauf nehmen, ob die deutsche Minderheit in Oberschlesien nicht eines natürlichen Todes sterben wird". Dies ist ein bitteres Wort des Landrates von Ratibor, Henryk Siedlaczek. Er ist jetzt für die Bürgerplattform in den Sejm gewählt worden. In einem Satz zuvor hatte er nach seiner Wahl erklärt: "Ich weiß, ich bin ein Abgeordneter, den auch die deutsche Minderheit unterstützt hat". Zwischen dem Landrat und den Deutschen in der Heimat herrscht ein gutes Verhältnis. Das war auch der Grund dafür, dass der Landrat wie ein Kandidat der Deutschen angesehen wurde, so dass die Deutschen im Wahlbezirk Ratibor, Loslau, Rybnik für den Landrat Siedlaczek geworben haben.

Das in die Zukunft gerichtete Wort des jetzigen Sejm-Abgeordneten ist nicht so daherge-sprochen, es muss mit Bedacht zur Kenntnis genommen werden. Es steht, leider muss es gesagt werden, nicht zum Besten mit den Deutschen in der Heimat. Und das ist zunächst nicht auf das deutsch-polnische Verhältnis bezogen, sondern auf den inneren Zustand der Deutschen Freundschaftskreise und ihrer Mitglieder.

Man spricht von 270.000 Passinhabern, denen jetzt polnischen Staatsbürgern die deutsche Volkszugehörigkeit bestätigt worden ist. Es seien allein in der Wojewodschaft Oppeln 200.000 Besitzer dieses Passes der Bundesrepublik Deutschland. Dieser Pass hat seine Geltung, sobald der Passbesitzer die polnische Grenze überschritten hat. Die Bestätigung der deutschen Volkszugehörigkeit war während der Kanzlerschaft von Dr. Helmut Kohl in Verhandlungen mit der polnischen Regierung nach Abschluss der beiden Ostverträge erreicht worden. Grund: den Deutschen war ihre bisherige deutsche Staats-angehörigkeit von den Polen nach 1945 verweigert worden, die ehedem deutschen Staatsangehörigen durften nur noch Polen sein. Es hat bei der Realisierung gerade auch deutscherseits Schwierigkeiten gegeben, weil der aktensichere Nachweis der deutschen Staatsangehörigkeit zu erbringen war und ist.

Dass es in der Wojewodschaft Oppeln, nur darüber sind wir informiert, 100.000 männliche und weibliche Arbeitskräfte gibt, die in der Bundesrepublik Deutschland oder, jetzt in zunehmendem Maße, in Holland arbeiten, ist diesem roten Pass zu verdanken. Das hat auch dazu geführt, dass die Zahl der Arbeitslosen in keiner Wojewodschaft so gering ist wie im Oppelner Schlesien.

II.

Wenn Wahlen in Polen anstehen wie gerade jüngst, als zum Sejm und für einen neuen Staatspräsidenten gewählt werden sollte, sind es erregend kleine Zahlen, die über eine Wahlbeteiligung der Deutschen Auskunft geben. Bei der Wahl zum Sejm waren es knapp über 30.000 Deutsche, die als jetzt polnische Staatsbürger die Liste der Deutschen Minderheit gewählt haben. Ergebnis: gerade zwei Deutsche haben ein Mandat im Sejm erhalten. Das war vor vier Jahren genau so schlecht, und wieder ist kein Sitz im Senat gewonnen worden. All das bei 270.000 Bürgern, die einen deutschen Pass besitzen, also sich Deutsche in Polen nennen!

In einer Wahlanalyse wurde festgehalten, dass selbst die Deutschen als Landräte oder Bürgermeister nur kommunalpolitisch denken und nicht dazu beitragen, dass sich die Deutschen an den überregionalen Wahlen beteiligen.

In der Wojewodschaft Schlesien, Bezirk Kattowitz, war es so, dass man keinen aussichts-reichen Kandidaten der Deutschen Freundschaftskreise finden und aufstellen konnte. Darum auch der schon beschriebene Entscheid im Wahlkreis Ratibor, Loslau, Rybnik, den polnischen Landrat zu wählen.

III.

Um es deutlich genug zu sagen: Die Mehrheit der Besitzer eines roten Passes, also der Deutschen innerhalb Polens will zwar als Deutscher anerkannt und bestätigt werden, aber dann ist schon Schluss! Und gleiches gilt für die in den Deutschen Freundschaftskreisen zusammengeschlossenen deutschen Landsleute. Man trifft sich gemütlich, singt deutsche Lieder, trifft sich zu Festlichkeiten der Deutschen, aber politisch handeln und sich mit dem Stimmzettel zum Deutschtum zu bekennen, das gibt es nicht, jedenfalls für die große Mehrheit nicht.

Gelegentlich wird dazu nicht ganz unbegründet gesagt: wir sind mit unseren Repräsen-tanten im Sejm unzufrieden, deshalb unsere Reaktion des Nichtstuns. Auffallend ist schon, dass Heinrich Kroll, seit 1991 immer wieder in den Sejm gewählt, nahezu 2000 Stimmen weniger erhielt als der neue Mann Richard Galla. Heinrich Kroll wird vorge-halten, dass er Koalitionen nach Gefälligkeit wechselt, einmal mit Jerzy Buzek, gewerk-schaftliche AWS, dann Leszek Miller, SLD, d.h. Postkommunisten. Und jetzt "Recht und Gerechtigkeit", Nationalisten?

IV.

Wir müssen uns um die Zukunft der Deutschen in der Republik Polen große Sorgen machen. Die Frage des Überlebens ist nicht grundlos gestellt. Darum auch das Erstau-nen, dass jetzt nach der Verabschiedung eines längst überfälligen Minderheitengesetzes die 28 Gemeinden, die sich auf die Zweisprachigkeit berufen können und sollten, so zögerlich willens sind, vom Recht auch Gebrauch zu machen. Es fehlt weithin, so ist zu erfahren, die Identifikation der Deutschen mit ihrem Deutschtum. Das heißt, man sollte sich als Deutscher auch zu seinem Deutschtum bekennen, nicht zuletzt die Besitzer eines deutschen Passes als polnische Staatsbürger.

Herbert Hupka



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