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Nr. 48/2005                                                                                                                                                             15. Dezember 2005

"Ein solch heikles Thema"

Zur Ausstellung "Flucht, Vertreibung, Integration"

Im recht umfangreichen Begleitbuch zur Ausstellung wird von Professor Hermann Schäfer, Präsident des "Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" in Bonn, wo die Ausstellung am 2. Dezember 2005 eröffnet wurde, gleich auf den ersten Seiten das Verbrechen der Vertreibung mit der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges im ursächlichen Zusammenhang gesehen: "Ohne den Waffengang, der von deutscher Seite vor allem im Osten als Rassen- und Vernichtungskrieg geführt worden war, wäre es nicht zu millionenfacher Flucht und zur Vertreibung gekommen. Der Zweite Weltkrieg und die nationalistischen Verbrechen waren unmittelbarer Anlass für die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten". Es ist die sich im Begleitbuch wiederholende grausame These: das erste Verbrechen rechtfertigt das nächste Verbrechen!

Ohnehin tut man sich mit dem Begriff und dem historischen Faktum der Vertreibung nicht nur bei unseren östlichen Nachbarn, sondern auch in Deutschland selbst, schwer. Es sei an Veröffentlichungen über die Vertreibung in den Medien erinnert, indem die Vertreibung nicht genannt werden sollte, Titel "Die große Flucht", "Die Flucht der Deutschen". Auch in seinem Einleitungsaufsatz spricht Schäfer ständig nur in einem Atemzug von "Flucht und Vertreibung", obwohl beides zu trennen und auch getrennt zu behandeln wäre. In der Flucht steckt noch ein Fünkchen Freiheit der eigenen Entscheidung, in der Vertreibung obsiegen Gewalt und Terror.

Die Vertreibung der Deutschen, wozu sich diese Ausstellung deutlich und demonstrativ bekennt, wird jedoch im Aufsatz des polnischen Autors Professor Piotr Madajcyk im gesamten Text nur als "Aussiedlung" nacherzählt. Mit Ausnahme der Überschrift "Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Polen", und das stimmt wiederum nicht, denn es war eine Vertreibung der Deutschen aus Deutschland, abgesehen von den Deutschen, die als Minderheit im Polen der Nachkriegszeit gelebt haben.

Erfreulich, dass sich der Name Heimat, über die sonst nichts in der Ausstellung gezeigt wird, dadurch ergibt und auch deutlich gemacht wird, dass die Begriffe Flucht, Vertreibung, Integration untereinander in Großbuchstaben geschrieben werden.

Die Ausstellung, an der viele Jahre gearbeitet worden ist, zeigt auf 650 Quadratmetern 1500 Exponate und ist ausstellungstechnisch vollendet . Immer wieder kann man das Hörgerät, das sich vielerorts anbietet, benutzen, um dann zum Beispiel Bundeskanzler Konrad Adenauer vor Hunderttausenden auf einem Deutschlandtreffen der Schlesier oder Bundeskanzler Willy Brandt im Deutschen Bundestag zu hören. Die bitteren Erlebnisse und Erfahrungen von 15 Zeitzeugen können bildlich und akustisch abgerufen werden. In einem Filmraum laufen ständig Kurzfilme, nicht zuletzt als Zeugnisse der Integration.


(Leider gibt es in dem Raum nur gerade fünf Sitzplätze). Aber die Ausstellung leidet daran, dass vieles mit langen Schriftstücken, die als Originale den Hauch der Realität vermitteln sollen, dokumentiert wird, so dass ständig der Blick von den Bildern und Gegenständen auf die Texte gerichtet ist. Gewiss, es konnte nicht gerade auch das Geschehen der Vertreibung durch das Bild dargestellt werden, aber eine erfolgreiche Ausstellung sollte so wenig Text wie möglich anbieten.

"Ein solch heikles Thema", so beschreibt der Präsident des Hauses der Geschichte, Inhalt und Aufgabe dieser Ausstellung. "Heikel" heißt schwierig, aber warum soll in unserer freien Gesellschaft heikel sein, das Thema Vertreibung aufzugreifen und zu dokumentieren?

Professor Schäfer widerspricht sich in seinem einleitenden Aufsatz zu der Ausstellung selbst, wenn er erklärt: "Es ist nicht richtig, dass Flucht und Vertreibung irgendwann in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gesellschaftlich beschwiegen worden wären". Aber gleichzeitig wird gesagt: "Richtig ist vielmehr, dass nicht selten - sei es aus Scham oder aus Selbsthass - der Mantel des Vergessens über diese Themen gebreitet worden ist. Die Wiederentdeckung von Flucht und Vertreibung ist demnach eher eine mediale Inszenierung als wirkliche Neuerung". Aber gerade die "mediale Inszenierung" war und ist das aufregend Neue, und dieses Neue bedeutet zweifelsohne auch die Ausstellung.

In einem Bericht über die Ausstellung wurde sie "diplomatisch" genannt, vielleicht sollte man hinzufügen "zu diplomatisch". Die deutschen Schuldigen und viel Hakenkreuz erscheinen oft und aufdringlich, aber die Verantwortlichen der Gegenseite, es seien außer den Siegermächten nur Wladyslaw Gomulka und Edward Benesch genannt, bleiben unterbelichtet.

Weil das Original nicht vorliege, auch nicht vorliegen kann, verzichtete man auf das Zeugnis des Vertreibungsbefehls aus Bad Salzbrunn, bereits vor der Potsdamer Konferenz vom 14. Juli 1944, in der Publizistik oft abgedruckt. Die Auswahl der ausgestellten Bücher ist selbstverständlich subjektiv, aber Selbstdarstellungen von Sprechern der Vertriebenen in ihren Autobiographien sucht man vergebens, das Buch eines leidenschaftlichen Gegners von Begriff und Faktum der Vertreibung ist jedoch präsent. Auch noch manches andere ließe sich kritisch anmerken.

"Endlich wird hochoffiziell die Vertreibung zur Kenntnis genommen". "Die Wahrheit der Vertreibung lässt sich nicht über Jahrzehnte totschweigen". Zwei Urteile von Erstbesuchern und Vertriebenen, heute höheren Alters, machen deutlich, dass diese Ausstellung in der Tat ein politisches und historisches Ereignis ist, in der alten Bundeshauptstadt Bonn zuerst, im Verlauf des Jahres 2006 noch in Berlin und Leipzig zu sehen.

Mit der Einbeziehung der Eingliederung der Vertriebenen und auch Flüchtlingen, in beiden Teilen des geteilten Deutschlands sehr unterschiedlich, hat man sich wohl etwas zu viel vorgenommen. Flucht und Vertreibung, zwei voneinander (nicht immer scharf) zu trennende Ereignisse unserer deutschen Geschichte gelten immer noch als Schicksale anderer, Außenstehender. Es wäre ein Erfolg, wenn die Flucht und die Vertreibung dank dieser informationsreichen Ausstellung gesamtdeutsch, leider ein ausgestorbenes Wort, verstanden und erfahren wird.

Herbert Hupka

Abdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet. Belegexemplar erbeten. Erscheint nach Bedarf.