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Presseinformationen der Landsmannschaft Schlesien - Nieder- und Oberschlesien e.V.

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Nr. 03/2006                                                                                                                                                              31.Januar 2006


Nachbarschaft auf Augenhöhe

I.

Unsere großen Nachbarn im Westen und Osten heißen Frankreich und Polen. Als Angela Merkel als neu gewählte Bundeskanzlerin sich in Paris vorstellte, wurde sie vom französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac mit Handkuss sowohl begrüßt als auch verabschiedet. Als die deutsche Bundeskanzlerin in Warschau ihre Visitenkarte abgab, wurde zuvor in den Medien gefragt, ob überhaupt ein Treffen mit dem designierten polnischen Staatspräsidentin Lech Kaczynski zustande kommen werde. Das Treffen kam dann doch zustande, aber es wurde weder zu Beginn noch zum Ende durch einen Handkuss ausgezeichnet. Dies ist um so auffälliger, als es in Polen eine allgemein gepflegte, schöne Gewohnheit ist, einer Frau mit einem Handkuss zu begegnen. (Auch die Kommunisten in Polen hielten sich an diesen Brauch.)

Gewiss, der Handkuss ist nur eine oberflächliche Geste und sollte nicht überbewertet werden, aber das Verhältnis zu unseren beiden Nachbarn ist offenkundig, leider!, recht unterschiedlich. Deutschland und Frankreich begegnen einander auf Augenhöhe und dies ohne Vorurteile. Gleiches kann man, leider!, von der Nachbarschaft zwischen Deutschland und Polen nicht behaupten.

Übrigens war es fast schon sensationell, dass die deutsche Bundeskanzlerin zuerst Paris und Brüssel besuchte, bevor sie auch nach Warschau geflogen ist. Es war nämlich bei den Antrittsbesuchen der Vorgänger im Amt des Bundeskanzlers so, dass die erste Auslandsreise in Richtung Warschau angetreten wurde. Und dies geschah, weil es mit der deutsch-polnischen Nachbarschaft nicht stimmt.


II.

Zwar sind Deutschland und Polen seit 1999 Bundesgenossen in der NATO, im Nordatlantischen Bündnis, und seit 1. Mai 2005 sind wir auch gleichberechtigte Mitglieder in der Europäischen Union, aber wir begegnen uns noch immer nicht auf Augenhöhe. Bis zur Stunde lassen sich, Gott sei es geklagt, viele Beispiele für das immer noch arg gestörte deutsch-polnische Verhältnis anführen. Erschwerend und störend wirkt sich gleichzeitig aus, dass Medien und Politiker in Deutschland nicht etwa Ressentiment gegenüber Polen hegen, aber in ihren Aussagen und mit ihrem Tun zum Ausdruck bringen, dass man stets erst danach fragen müsste, was sagt man in Polen zu diesem und jenem. Die Deutschen, so wird erklärend hinzugefügt, befinden sich in einem Schuldverhältnis angesichts des 1939 entfesselten Zweiten Weltkrieg, und daraus resultiere auch unser Verhältnis zum polnischen Nachbarn. Obwohl gleichzeitig eine Kollektivschuld des deutschen Volkes abzuwehren und zu verurteilen ist, benimmt man sich deutscherseits so, als seien wir gezwungen, moralisch und politisch, Polen gegenüber unter der Last der Kollektivschuld in geradezu extremer Weise Rücksicht zu nehmen. Es wird, um es kurz auszudrücken, die Frage vorgeschaltet: Wie könnte man in Polen reagieren?


III.

Selbstverständlich gibt es gleichzeitig in Polen Kräfte, und diese sind im gegenwärtigen Bewusstsein der Polen nach wie vor sehr stark, die die deutsche Politik kritisch, überkritisch beäugen und schnell, sogar überschnell mit einem heftigen Kontra aufwarten. Das jüngste Beispiel ist das deutsche Projekt "Zentrum gegen Vertreibungen". Die Gegenargumente sind schnell parat: die Deutschen wollen sich ausschließlich zu Opfern erklären und den Kriegsbeginn als Täter ungeschehen machen.

Besonders bitter dabei ist, dass gleichzeitig schwere deutsche Schuld aus dem Gedächtnis abgerufen wird, wie dies der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski getan hat, als er bis zur ersten polnischen Teilung 1772 zurückgriff und Berlin als ehemalige Hauptstadt Preußens verteufelte. Unterstützt wurde er dabei von Markus Meckel, SPD-Bundestagsabgeordneter, der sowohl vor diesem "Zentrum gegen Vertreibungen" als eine deutsche Errichtung warnte und gegen Berlin als Standort zu Felde zog. Schnell wurde dann von der rot-grünen Bundesregierung ein angeblich internationales "Netzwerk Erinnerung und Solidarität" mit Sitz in Warschau und unter Leugnung des Begriffs und historischen Faktums der Vertreibung gestiftet.

IV.

Es ist das Unnatürliche im deutsch-polnischen Verhältnis, dass wir einknicken, wenn etwas in Polen nicht gefallen will. Das geht dann bis zur Kontrollfunktion der anderen Seite über deutsche Politik und einer sogar deutscherseits akzeptierten Bevormundung.

Selbstverständlich wird nicht gegen einen deutsch-polnischen Disput opponiert, aber Deutsche und Polen sind in ihrem Handeln und mit ihren Aussagen sowohl souverän als auch frei. Weder ein vorauseilender Gehorsam noch das ständige Pochen auf die Sonderrolle Polens sind die rechten Umgangsformen miteinander.

V.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges durch den deutschen Diktator Adolf Hitler und die Vertreibung durch Kommunisten und polnische Nationalisten können und dürfen nicht geleugnet werden, aber wir befinden uns in der Gegenwart und arbeiten in die Zukunft. Darum ist es geboten, dass sich Deutsche und Polen auf Augenhöhe als Nachbarn begegnen und kooperieren. Es muss aber in Richtung eines fairen und freimütig geführten deutsch-polnischen Dialogs notiert werden, dass wir von einem Gleich zu Gleich noch recht weit entfernt sind. Wer gute Nachbarschaft stiften und begründen will, wie das angesichts der deutsch-französischen Nachbarschaft tatsächlich der Fall ist, darf sich mit dem gegenwärtigen Zustand der Ungleichheit zwischen Deutschen und Polen nicht abfinden. Nachbarschaft auf gleicher Augenhöhe muss angestrebt und verlangt werden. Gerade auch die Europäische Union als Wertegemeinschaft setzt auf die Gleichrangigkeit der Nachbarn, denn es gibt in der Europäischen Union nicht Mitglieder höheren oder niederen Rechts und Ranges.

Herbert Hupka

 

Abdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet. Belegexemplar erbeten. Erscheint nach Bedarf.