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Nr. 04/2006                                                                                                                                                              1. Februar 2006


Die sowjetischen Offensivplanungen
- ein verdrängtes Kapitel -


Wenn heute der Krieg zwischen der Sowjetunion und Deutschland abgehandelt wird, so sieht man den deutschen Einmarsch in die Sowjetunion fast nur unter dem Gesichtspunkt der Machtausweitung Deutschlands und Hitlers Lebensraumtheorie. Ein anderer wichtiger Aspekt, nämlich die Eroberungspolitik der Sowjetunion unter Stalin, bleibt meist außen vor.

Es lohnt sich, noch einmal die Ausführungen von Altbundespräsident Roman Herzog vom 08. September 1996 in Erinnerung zu rufen. Herzog hatte über die Ursache der Vertreibung der Deutschen u. a. folgendes ausgeführt: "Vor allem aber war sie ein Instrument der sowjetischen Expansionspolitik, die Völker und Staaten auf der Landkarte hin- und herschob, um in der Mitte Europas die Herrschaft des Sowjetsystems zu etablieren".

Was dieser Feststellung zugrunde liegt, hat der polnische Historiker Bogdan Musial kürzlich in einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausgeführt. Anhand des in Moskau lagernden Materials weist er nach, dass die Sowjetunion seit Anfang der dreißiger Jahre nicht nur einen Angriffskrieg gegen Polen, sondern auch gegen Deutschland plante. Polen galt damals als Hauptfeind der Sowjets, weil es den Weg ins Zentrum Europas - nach Deutschland - versperrte. Deutschland kam nach den Plänen der Bolschewiki für die Weltrevolution eine Schlüsselrolle zu und wurde als Etappe zur Union der sowjetischen Republiken Europas gesehen.

Bereits im Jahr 1930 stand die sowjetische Führung im Begriff, das Land zum Angriffskrieg aufzurüsten. Allerdings wurden diese Bemühungen bis 1939 noch durch Probleme bei der Qualität der Rüstung und in der Armee zurückgeworfen. U. a. spielten hier auch Säuberungsmaßnahmen im Offizierkorps eine Rolle.

In dieser Situation brachte das Jahr 1939 durch das Angebot Hitlers, Polen und das übrige Osteuropa zwischen beiden Ländern aufzuteilen, die entscheidende Wende. Stalin nahm die Offerte an und beide Diktatoren unterschrieben am 24.08.1939 den sogenannten Hitler-Stalin-Pakt, der es der Sowjetunion ermöglichte, ihre Grenzen nach Westen zu verschieben. Gleichzeitig verfolgte Stalin damit die Absicht, Deutschland in einen Krieg mit den westlichen Ländern zu verwickeln, um die "kapitalistischen" Staaten insgesamt zu schwächen.

Erste Schritte, die sowjetische Herrschaft mit Waffengewalt über die Grenzen der Sowjetunion hinaus zu verbreiten, folgten auf dem Fuße. Ostpolen, die baltischen Staaten, Bessarabien wurden besetzt und sowjetisiert. Als nächstes Opfer folgte Finnland, das Stalin am 30.11.1939 von sowjetischen Truppen überfallen ließ und dem er, einhergehend mit der Vertreibung finnischer Bevölkerung, wichtige Landesteile entriss.


Der Krieg gegen das kleine Finnland hatte wesentliche Schwächen der Roten Armee offengelegt. Die sowjetische Führung führte dies zu der Einsicht, dass die Streitkräfte zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage waren, weitere Angriffskriege zu beginnen. Dennoch gingen die Planungen für einen Angriff gegen Deutschland weiter, begleitet von einer massiven Aufrüstung. In einer Sitzung des Hauptkriegsrates am 04.06.1941 beschloss man den Übergang zu einer offensiven Propaganda, um im Sinne Lenins den ganzen Kapitalismus "am Kragen zu packen".

Umgesetzt werden konnte das offensive Konzept allerdings nicht mehr, da Deutschland drei Wochen nach der Tagung die Sowjetunion angriff. Fest steht für den Autor Musial, dass der Krieg auch von Stalin vorbereitet wurde, allerdings gab es hierfür noch keinen festen Termin. Musial wirft auch die Frage auf, ob der deutsche Einmarsch als Präventivkrieg gesehen werden kann, der einem sowjetischen Angriff zuvorkommen sollte. Er verneint dies unter Hinweis darauf, dass die Sowjetunion im Sommer 1941 gegen einen so starken Gegner wie Deutschland unter keinen Umständen vorbereitet war und die deutsche Seite keine Kenntnis über die auf Hochtouren laufenden sowjetischen Kriegsvorbereitungen hatte.

Musial vergleicht abschließend die beiden Systeme, den sowjetischen Kommunismus und den Nationalsozialismus, die beide durch Massenverbrechen, denen Millionen von Menschen zum Opfer fielen, sowie durch eine ideologisch bedingte Expansion gekennzeichnet waren. Der deutsch-sowjetische Krieg war nach seiner Ansicht durch die Ideologie der beiden Systeme programmiert. Während Hitler in den sowjetischen Territorien den künftigen Lebensraum für das deutsche Volk sah, betrachtete Stalin Deutschland als Schlüssel zur Beherrschung Europas und der Welt.

Mit seinen Feststellungen hat Musial sicher auch an einem Tabu gekratzt. Schon einmal hatte er sich in besonders anerkennenswerter Weise um Wahrheit bemüht: Durch sein Aufbegehren gegen die sogenannte Wehrmachtsausstellung des Philipp Reemtsma wurde bewirkt, dass man Fälschungen, die deutsche Soldaten diffamieren sollten, herausnehmen musste. Es ist nur sehr bedauerlich, dass es immer wieder ausländischer Persönlichkeiten bedarf, die deutsche Fehlentwicklungen korrigieren müssen.

Rudi Pawelka


 

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