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Nr. 07/2006                                                                                                                                                              01. März 2006


Was heißt "Erzwungene Wege"?
-Zentrum gegen Vertreibungen nährt Zweifel-

Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Nach der enttäuschenden Ausstellung "Flucht, Vertreibung und Integration" im Haus der Geschichte in Bonn will nunmehr die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen von Mitte August an mit einer eigenen Präsentation in Berlin an die Öffentlichkeit. Jeder Vertriebene wünscht sich, dass endlich eine Darstellung geboten wird, die ohne Verfälschungen und Verzerrungen über das damalige Geschehen aufklärt und so den Opfern einer beispiellosen Tragödie den Respekt zollt, der ihrer Würde entspricht.

Wie allerdings über die Medien zu erfahren ist, steht die Ausstellung unter dem Leitwort "Erzwungene Wege", eine Aussage, die fatal an das beleidigende Wort von Ex-Bundespräsident von Weizsäcker erinnert, der die Vertreibung der Deutschen als erzwungene Wanderschaft bagatellisierte.

Es fragt sich, wodurch wird ein Weg erzwungen? War es eine Naturkatastrophe oder waren es fehlende Lebensgrundlagen, die zum Verlassen des Landes führten? Dass brutale Gewalt, Völkerrechtsverbrechen und hunderttausendfacher Mord dem "erzwungenen Weg" zugrunde liegen, dies wird der unbefangene Bürger, der laut Umfragen wenig Kenntnisse über die Vertreibung hat, wohl kaum damit verbinden.

Wieso also ein solches Leitwort? Soll damit die Abkehr von der ehemaligen Konzeption des Zentrum gegen Vertreibungen eingeleitet werden? Wer die Diskussion über die Zielsetzung der Stiftung verfolgt, muss die Entwicklung mit Skepsis und Sorge betrachten.
Der Bundesehrenvorsitzende der Landsmannschaft Schlesien, Dr. Herbert Hupka, wies bereits am 11.07.2003 in einem Leitartikel in dieser Zeitung unter der Überschrift "Bevormundung der Vertriebenen - Schily erlaubt kein deutsches Zentrum gegen Vertreibungen" auf die sich abzeichnende Gefahr hin. Dabei stützte er sich auf eine Rede des ehemaligen Bundesinnenministers, in der dieser nur noch von einem "Europäischen Zentrum gegen Vertreibungen" gesprochen hatte und damit sogar den schlechten Beschluss des deutschen Bundestages nach einem europäisch ausgerichteten Zentrum im Negativen übertrat. Hupka sprach sich für eine Einrichtung aus, die unsere Geschichte der Vertreibung aufarbeiten sowie demonstrieren soll und wandte sich gegen eine Bevormundung der Deutschen.

In ihrem Regierungsprogramm 2005 - 2009 haben CDU und CSU noch vor einem guten halben Jahr ein klares Bekenntnis zu einem Zentrum gegen Vertreibungen abgelegt, das, wie es weiter heißt, in Berlin ein Zeichen setzen soll, um an das Unrecht von Vertreibung zu erinnern und gleichzeitig Vertreibung für immer zu ächten. In einem Kompromiss einigten sich CDU, CSU und SPD im Koalitionsvertrag auf neue Aussagen. Zwar werden einige Teile des Regierungsprogramms von CDU/CSU übernommen, es wird jedoch nicht mehr von einem Zentrum gegen Vertreibungen gesprochen, sondern nur noch von einem sichtbaren Zeichen. Außerdem heißt es, dies in Verbindung mit dem Europäischen Netzwerk "Erinnerung und Solidarität" über die bisher beteiligten Länder Polen, Ungarn und Slowakei hinaus zu tun. Auffällig ist, dass inzwischen auch Kanzlerin Merkel den Begriff "sichtbares Zeichen" ohne Zusatz verwendet, so beim Jahresempfang des BdV am 7.2.2006 in Berlin. Noch sehen viele Vertriebene in einem sichtbaren Zeichen ein Synonym für ein Zentrum gegen Vertreibungen. Anlass für die Welt am Sonntag (WamS), diese Gutgläubigkeit mit deutlicher Ironie zu kommentieren. In der Ausgabe vom 4.12.2005 wird in dem Bericht über den Besuch Merkels in Warschau auch das Zentrum gegen Vertreibungen behandelt. Der jetzige polnische Staatspräsident Kaczynski hatte seine Sorge hiergegen ausgedrückt, worauf Merkel darauf hinwies, dass der Dialog über die Vertreibungen im Rahmen des europäischen Netzwerks fortgesetzt werden soll. "Kaczynski ist beruhigt. Einen Berliner Alleingang wird es nicht geben", merkt die WamS an und fährt an die Vertriebenen gewandt fort: "Merkel drohen nun Probleme daheim. Vier Tage vor ihrer Kanzlerinwahl hatte sie der Unions - Vertriebenenvereinigung (OMV) versprochen, sich für ein sichtbares Zeichen in Berlin einzusetzen. Die OMV-Delegierten klatschten Beifall; sie wollten ein Bekenntnis zum Zentrum herausgehört haben. Vielleicht haben sie nicht genau hingehört".

Signale für das Eingehen auf polnische Wünsche gab es allerdings schon länger. Über den Besuch einer Delegation der CDU/CSU - Bundestagsfraktion in Warschau berichtete der Informationsdienst für Aussiedler und Vertriebene der Fraktion am 26.5.2004. Es sei die Anregung von deutscher Seite gegeben worden, das Zentrum gegen Vertreibungen an den Europarat anzubinden, um so das Thema zu europäisieren oder in geeigneter Form in eine international renommierte Institution wie das Haus der Geschichte zu integrieren und damit dem Einwand der isolierten Darstellung zu begegnen. An der Reise hatten teilgenommen: der außenpolitische Sprecher der Fraktion, Friedbert Pflüger, die Berichterstatterin für Polen und ehemalige Bundesministerin, Claudia Nolte, das Mitglied des Europaausschusses, Michael Kretschmer und der Publizist Ralph Giordano. Letzterer gehört zum Unterstützerkreis des Zentrum gegen Vertreibungen. Mit den vertriebenenfeindlichen Aussagen Giordanos hatte sich u.a. unser Ehrenvorsitzender Dr. Hupka in unserer Zeitung auseinandergesetzt.

Nicht ohne Einfluss bleiben wird auch die schroffe Ablehnung der beiden großen Kirchen in Deutschland gegenüber einem von den Deutschen selbst geschaffenen Zentrum.
Aus Polen selbst wird der Kampf gegen das Projekt mit aller Härte weitergeführt, so viel ist sicher. Noch vor der Präsidentenwahl meinte Lech Kaczynski, dass er Deutschland und Russland für die gefährlichsten Länder hält, mit denen Polen zur Zeit zu tun habe. Die Angst vor den Deutschen hat viel mit dem Bund der Vertriebenen und seiner Vorsitzenden Erika Steinbach zu tun, stellt die deutsche Publizistin Gabriele Lesser fest, deren Artikel aus Warschau regelmäßig von einer Reihe deutscher Tageszeitungen aufgenommen werden. Insbesondere die Schärfe der Aussagen polnischer Politiker wie immer wieder beklagt wird, lässt das Einlenken auf eine akzeptable Linie nicht erwarten, selbst wenn weitere finanzielle Zuwendungen erfolgen. Und so wird es aller Voraussicht nach so sein, wie es immer war, wenn Forderungen aus dem Ausland kamen: Die deutsche Seite wird diesen Forderungen weitgehend entsprechen, zumindest was die amtliche Politik betrifft. Werden sich die Vertriebenen mit ihren Anliegen in einer weichgespülten Konzeption wiederfinden? Die Vertreibung der Deutschen als zentrales Anliegen zu behandeln, daneben die Vertreibung anderer Völker erfahrbar zu machen, das war, einst die Aussage der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen. Damit wurde bei den Landsmannschaften für eine Beteiligung und bei allen Vertriebenen um Spenden geworben. Hoffen wir, dass die geweckten Erwartungen nicht in den wesentlichen Punkten enttäuscht werden und es bei den Betroffenen nicht zu einer Distanzierung kommt.

Die geplante Ausstellung "Erzwungene Wege" wird ein erster Indikator sein. Wenn das von Vertriebenenseite selbst gestaltete Projekt nicht die Klarheit in der Darstellung bringt, mit der sich die Opfer identifizieren können, würde dies ein böses Omen für das dann nicht mehr ohne äußere Einwirkung zu schaffende Zentrum sein.

 

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