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Presseinformationen der Landsmannschaft Schlesien - Nieder- und Oberschlesien e.V.

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Nr. 11/2006                                                                                                                                                              20. April 2006


Polen und die Last der Geschichte
- Bekenntnis zur Wahrheit fällt schwer -
Rudi Pawelka - Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Mit der politischen Wende im Osten, mit dem Zusammenbruch des Kommunismus´, war die Hoffnung verbunden, dass auch in Polen die Aufarbeitung der Geschichte nach dem Grundsatz der Wahrhaftigkeit erfolgen würde. "Wer allerdings geglaubt habe, die ablehnende Haltung großer Bevölkerungsteile in Oberschlesien gegenüber dem deutschen Erbe der Region werde sich mit der Wende schnell wandeln, sei enttaüscht worden. Die antideutsche Propaganda des früheren totalitären Systems hat bis heute tiefe Spuren im Bewusstsein der Menschen hinterlassen", so formulierte es der kürzlich verstorbene Geschäftsführer des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit, Thaddäus Schäpe, in Gleiwitz, in einem Interview mit dem aus Gleiwitz stammenden deutschen Schriftsteller Wolfgang Bittner. " Man habe mit Erstaunen festgestellt, dass in Polen, vor allem in Oberschlesien, mehrere hunderttausend Menschen deutscher Abstammung leben", heißt es weiter. Polen tut sich in der Tat schwer mit dem deutschen Erbe. Deshalb sorgen Aussagen von Politikern wie die des ehemaligen polnischen Botschafters in Deutschland, Janusz Reiter, schnell für Aufsehen; wenn durch sie auf die deutsche Geschichte des Landes abgehoben wird. "Die Steine in Breslau sprechen auch Deutsch", war eine solche Feststellung, die man nur zu selten hört.

Bittner schildert in einem Beitrag für eine deutsche Tageszeitung im Oktober 2003 eine Begegnung mit einem Studenten der Technischen Universität Gleiwitz, der zwar seit vier Jahren in der Stadt lebt, aber nicht wusste, dass sie einmal deutsch war. Wie der Schriftsteller bei seinen Besuchen in der schlesischen Heimat feststellte, wird die Vertreibung der Deutschen aber auch von denen, die sich sehr wohl noch an das Geschehen nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern, häufig zu einem Tabuthema gemacht. Eine solche Haltung entspringt zum einen dem schlechten Gewissen, zum anderen entspricht sie auch der Sichtweise, die Polen zu eigen ist. Bittner zitiert hierzu einen Gastwirt aus der Gegend von Ottmachau, der letzteres auf den Punkt bringt. "Täter dürfen keine Opfer sein. Außerdem ist die Opferrolle günstiger, weil man Ansprüche stellen kann."

Wer sich mit der intellektuellen Aufarbeitung der polnischen Nachkriegsgeschichte befasst, stößt allerdings auch auf positive Ansätze. Ein Beispiel ist die Stiftung "Karta" in Warschau, die sich mit der Aufarbeitung der Verbrechen der Sowjets und der alten Diktatur in Polen befasst. Dabei spart sie Unrecht, das Deutsche nach 1945 angetan wurde, nicht aus. Es muss auch hingewiesen auf die gute Dokumentation der polnischen Wissenschaftler Jonca, Marszat, Maciejewski, Ruchniewicz, Sadowski und Scheffler über die Aussiedlung der polnischen Bevölkerung im Raum Schweidnitz-Kreisau aus dem Jahr 1997. Es ließen sich noch weitere Ansätze für ein Bekenntnis zum Umgang mit der historischen Wahrheit anführen. Als Resümee lässt sich dennoch festhalten, dass eine unvoreingenommene Aufarbeitung des Themas auf breiter Front noch nicht durchgreifend erfolgt. Im Gegenteil, es gibt starke gegenläufige Entwicklungen. So beschloss das polnische Parlament im März 2004 mit 375 Stimmen gegen eine Stimme und bei vier Enthaltungen eine Entschließung zur Eigentumsfrage der deutschen Vertriebenen, wonach alle Vermögensfragen der "ehemaligen Umsiedler" aus den "wiedergewonnenen Gebieten" geregelt seien. In einer weiteren Entschließung im September 2004 forderte der Sejm dann Maßnahmen zu ergreifen, um die nach polnischer Auffassung noch offene Reparationsfrage gegenüber Deutschland zu verfolgen. Was besonders erschreckt, ist der längst überwunden geglaubte kommunistische Sprachgebrauch, der durch die geschichtsverfälschenden Begriffe "ehemalige Umsiedler" und "wiedergewonnen Gebiete" an verleugnende Aussagen der Türkei gegenüber den Armeniern erinnert.

Aber es ist nicht die Politik allein, die Tatsachen auf den Kopf stellt. Auch polnische Juristen und Historiker waren von Anbeginn an damit beschäftigt, der Vertreibung den Stempel der Legitimität aufzudrücken, den polnischen Anteil der Verbrechen an Deutschen zu bestreiten oder zumindest zu beschönigen.

1952 veranstaltete das "Institut de Droit International" eine Tagung, die sich mit der Zulässigkeit von Umsiedlerverträgen befasste. Zwar beruhte die Vertreibung der Deutschen nicht auf einen derartigen Vertrag, sondern auf Willkür der Vertreiber, die später eine Billigung in dem Potsdamer Protokoll erfuhr, die Völkerrechtler aus den verschiedensten Staaten setzten sich in diesem Zusammenhang aber auch mit dem Heimatrecht und der deutschen Vertreibung auseinander. Bis auf den polnischen Vertreter lehnten alle anderen Teilnehmer die entsprechenden Passagen der Potsdamer Beschlüsse als völkerrechtswidrig ab. Sie verweigerten sogar eine Stellungnahme hierzu, weil sie hierin keinen völkerrechtlichen Vertrag sahen, sondern lediglich ein Schlusskommunique´ einer internationalen Konferenz. Dieses mag für die Unterzeichner Bindungswirkung entfalten, zur Bestätigung oder Fortentwicklung des Völkerrechts trägt es allerdings nicht bei, wie einvernehmlich festgestellt wurde. Lediglich der Pole Bohdan Winiarski stützte sich auf das Potsdamer Protokoll, dem er einen absoluten Ausnahmecharakter zuschrieb. Gleichzeitig versuchte er, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte beiseite zu schieben mit dem Argument, sie beträfe nur "die Beziehungen des Alltags" und gelte nicht für "Ausnahmesituationen".

Leider ist diese Auffassung nicht nur ein Relikt aus kommunistischer Zeit. Auch heute begründen polnische Politiker und Völkerrechtler die Vertreibung und Entrechtung der Deutschen, einschließlich ihrer Beraubung, mit den Bestimmungen des Potsdamer Protokolls. Das Gefälligkeitsgutachten des Deutschen Frowein und des Polen Barcz, im Auftrag der Regierung Schröder verfasst, stellt ebenfalls Bezüge zu Potsdam her. Noch deutlicher formulieren dies die polnischen Historiker Borodziej und Hajnicz in ihrem "Abschlussbericht über die Ausführung des Forschungsprogramms "Komplex der Vertreibung vom 07.12.1996." Für sie ist das Potsdamer Protokoll ein Dokument, das auf der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands beruht, die eine Blanko-Zustimmung für die weiteren Maßnahmen der Alliierten bezüglich Deutschlands bedeutet. Die Potsdamer Beschlüsse werden, obgleich Deutschland hieran nicht beteiligt war und Deutschland nur militärisch kapituliert hatte, als Ausführungsbestimmungen der deutschen Kapitulationserklärung angesehen.

Borodziej und Hajuicz versteigen sich sogar zu der abenteuerlich anmutenden These, dass Deutschland die von den Polen erlittenen territorialen und materiellen Verluste auszugleichen verpflichtet war, weil es in dem Ribbentrop-Molotow-Pakt der Aneignung eines großen zu Polen gehörenden Territoriums durch die Russen zugestimmt hatte.


Abwegige Behauptungen findet man auch zu dem polnischen Anteil an den begangenen Verbrechen während der Vertreibung. Ein Gutachten für die Bezirksstaatsanwaltschaft Hirschberg der Professoren Jonca, Sitek und Wrzesinski von der Universität Breslau von November 2004 ist ein belegtes Beispiel hierfür. Danach werden Morde, Vergewaltigungen und Plünderungen gegenüber der deutschen Bevölkerung überwiegend der sowjetischen Besatzungsmacht zugeschrieben, die Zahl der insbesondere in Lagern ums Leben gekommenen Deutschen heruntergeschrieben und als übertrieben bezeichnet. Dagegen wird von vereinzelten kriminellen Handlungen gegenüber der Bevölkerung gesprochen, "die durch die polnischen Zivil- und Militärbehörden sukzessive unter Kontrolle gebracht und liquidiert wurden". Zu Recht ist bei uns eine Verharmlosung von nationalsozialistischem Unrecht unter Strafe gestellt. Unverständlich bleibt, wieso polnische Wissenschaftler, die Unrecht an Deutschen verharmlosen bei uns geachtete Gesprächspartner sein können.

Trotz der an den Professoren Borodziej und Hajnicz oben geübten Kritik, muss ihnen aber bescheinigt werden, dass sie im Gegensatz zu den Breslauer Kollegen, polnische Verbrechen an den Deutschen offen ansprechen. Sie bezeichnen die hohe Zahl von Todesfällen in polnischen Lagern nicht als Zufall, sondern sehen sie als Schuld des Lagerpersonals, das sich bewusst sein musste, dass die geschaffenen Bedingungen zu zahlreichen Toten führen würden. Bezüglich der Verwaltung sprechen sie von einem System von örtlichen Strukturen des Unterdrückungsapparates und Raub, der systematischen Charakter trug. Als besonders enthüllend wird von ihnen ein Bericht einer Sonderkommission des ZK der Polnischen Arbeiterpartei (PPR) bezeichnet, in dem es heißt : "Im ganzen Kreis herrscht furchtbare Willkür, die Leute haben das Gefühl für Unrecht und Gerechtigkeit bereits verloren. Kein Verbrechen ist mehr imstande, Verwunderung auszulösen. Die Miliz und zum Teil auch der Sicherheitsdienst vergewaltigen und berauben die Bevölkerung. Das geht so weit, dass die Leute in wilder Angst ausreißen, wenn sie einen Milizionär sehen."

Oberflächlich betrachtet könnte man vielleicht sagen, es gibt Licht und Schatten, die Wahrheit braucht eben noch etwas Zeit. Die neueste politische Entwicklung in Polen, die extrem nationalistische Parteien in die Regierungsverantwortung gebracht hat, signalisiert jedoch nicht nur den Stillstand der Entwicklung, sondern eine Kehrtwende. Wie dies im konkreten Fall aussieht, hat Polen soeben gezeigt. Es beantragte, das KZ Auschwitz umzubenennen und künftig in den UN-Publikationen nur noch als "Das ehemalige deutsch-nationalsozialistische Konzentrationslager von Auschwitz" zu bezeichnen, damit sich ein deutlicher Bezug zu Deutschland ergebe. Gut ist, dass jüdische Verbände sich gegen diese Forderung aussprachen unter dem Hinweis auf die historische Mitverantwortung Polens an der Judenvernichtung in Auschwitz.

Wenn im Fall der Türkei das Bekenntnis zur Wahrheit gegenüber der eigenen Geschichte als Voraussetzung und als demokratische Reife für einen Beitritt zu EU eingefordert wird, darf die Forderung auch gegenüber dem EU-Mitglied Polen nicht ausgeblendet werden.


 

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