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Presseinformationen der Landsmannschaft Schlesien - Nieder- und Oberschlesien e.V.

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Nr. 14/2006                                                                                                                                                             21. April 2006



Schlesien kennt kein Amen

 

Es ist das Schluss-Kapitel aus dem soeben erschienenen neuen Buch von Herbert Hupka "Schlesien - lebt. Offene Fragen - kritische Antworten", 40 neu konzipierte Aufsätze 236 S. Verlag Langen Müller München, 19,90 Euro. Ministerpräsident Christian Wulff schrieb für das Patenland Niedersachsen ein Geleitwort.

"Schlesien lebt", so lautete 1957 das Motto des Deutschlandtreffens der Schlesier in Stuttgart. Aber das Wort war bereits im Umlauf, als sich die aus der Heimat vertriebenen Schlesier in der Diaspora, in der Zerstreuung, in der sie nun leben mussten, wieder zusammenfanden und sich zusammenschlössen. Die Heimat Schlesien sollte auch jetzt in der Ferne und Fremde leben, Schlesien musste überleben, Schlesien durfte nicht untergehen. Das war zunächst nur Vision und Hoffnung.

Heute wissen wir es klarer und überzeugender, Schlesien existiert, kann gar nicht untergehen. Schon geografisch besteht es ohnehin fort. Aber auch politisch, wirtschaftlich, kulturell ist es Gegenwart.

Gern vergleicht man Schlesien mit einem Eichenblatt, mit der Oder als der Mitte dieses Blattes, und die vielen Nebenflüsse rechts und links der Oder - früher seit der Schulzeit immer der Reihe nach auswendig vorgetragen - sind in diesem Eichenblatt die Seitenrippen. Schlesien ist ein offenes Land gen Süden, Osten und Norden, im Westen begrenzt durch den Gebirgszug der Sudeten, vom Iser- und Riesengebirge bis zu den oberschlesischen Beskiden. Nahezu in der Mitte des Landes ist Breslau die Metropole. Reiches Kohleland und fruchtbares, ertragreiches Agrarland, so lautet die Stereotype, heute allerdings nicht mehr ganz stimmig.

700 Jahre deutsche Geschichte, 60 Jahre polnische Gegenwart, das ist die eine gegenwartsbezogene Kurzformel. Während der deutschen Geschichte Schlesiens wechselnde Souveränitäten und Richtpunkte, im überraschenden Gleichmaß von jeweils zwei Jahrhunderten: Prag, Wien und Berlin, die staatlich bestimmenden Souveränitäten Böhmen, Österreich, Preußen. Heute heißt der Richtpunkt Warschau.

Schon administrativ hat sich Schlesien trotz des Umbruchs von 1945 behauptet, auch wenn es bis zur Neufestlegung der Wojewodschaften 1999 einige Verwerfungen gegeben hat, eine Aufteilung des Landes in ortsbezogene Bezirke, vergleichbar der Gliederung seinerzeit in der DDR.

Zum Bestand der Bundesrepublik Deutschland, wie sie nach der Wende unter Einschluss der fünf alten Länder, aber nunmehr neuen Bundesländer besteht, gehört ein Zipfel Schlesien, mit Görlitz als Hauptstadt der schlesischen Oberlausitz.

Aber sagen nicht viele bei uns im Lande, Schlesien gibt es nicht mehr, Schlesien war einmal, Schlesien ist als deutsches Schlesien gestorben? Es ist jetzt auch politisch entschieden, völkerrechtlich ist Schlesien, mit Ausnahme des Zipfels rings um Görlitz, Teil Polens und dessen Souveränität unterstellt.

Verschiedene, sogar gegensätzliche Standpunkte fundieren dieses Urteil von "Schlesien, es war einmal". Die einen begründen ihr Urteil politisch und gegenwartsbezogen. Schlesien ist, um es deutlich zu sagen, politisch abgehakt. Warum die Beschwörung einer nicht wieder herzustellenden Vergangenheit? Die vertriebenen Schlesier mögen zwar ein Unrechtsbewusstsein haben und von dem Heimweh sprechen, aber das ist dann mit der nächsten und übernächsten Generation zu Ende.

Unter den unmittelbar von der Vertreibung und ihren Folgen Betroffenen herrscht der Blick zurück vor, man möchte am liebsten alles verdrängen, was die Gegenwart betrifft. Ein jetzt polnisches Schlesien ist zwar eine Tatsache, aber diese Tatsache verurteilt man nicht nur, sondern nimmt sie erst gar nicht zur Kenntnis. Die Verurteilung des Unrechts und der Blick zurück obsiegen. Dies kann dann so weit gehen, dass leidenschaftlich gestritten wird, zwischen deutschen Schlesiern und polnischen Schlesiern in der Gegenwart zu unterscheiden. Aber es gibt heute sowohl deutsche als auch polnische Schlesien Übrigens verbindet beide ein gewisses Trotzgefühl gegenüber der zentralistisch regierenden Hauptstadt, bis 1945 der deutschen Schlesier gegenüber Berlin, heute der polnischen Schlesier gegenüber Warschau.

Wie lebendig das Land und der Begriff Schlesien ist, machte jüngst der polnische Tourismus während der "Internationalen Tourismus-Börse" in Berlin deutlich, denn das Motto für die Werbung lautete "Bis bald in Schlesien". Selbstverständlich steckt dahinter die kommerzielle, durchaus verständliche Absicht, den so genannten Heimwehtourismus der vertriebenen Schlesier durch die Offerte dieses Landes Schlesien für den begehrten Tourismus zu ergänzen, besser gesagt zu ersetzen. In diesem Angebot kommt übrigens Niederschlesien, was verständlich ist, am besten weg.

Dass dieses Schlesien etwas Besonderes, Eigenes ist, hat Hans Poelzig, einer der bedeutendsten Architekten Deutschlands während des 20. Jahrhunderts, in seinen Erinnerungen, als er, der Berliner, von 1903 bis 1916 in Breslau wirkte, so beschrieben: "Schlesien ist ein Land, hat jedenfalls den Typus eines Landes, nicht einer Provinz. Der Weg von Berlin nach Schlesien ist weit länger, als die Bahnstunden es ausdrücken. Man fährt durch Breslau oder Schlesien - innerhalb Deutschlands - nicht hindurch, sondern man fährt hin ..."
Man muss sich erst gar nicht bemühen, Schlesien zu vergegenwärtigen, Schlesien existiert als geistiger Nährboden und dank seiner kulturellen Bedeutung, gerade auch mit dem Blick in die Vergangenheit, aber die Gegenwart will dem nicht nachstehen. Das Wort für Schlesien heißt Präsens. Es gab gerade auch von polnischen Parlamentariern spontane Zustimmung, als das Motto des Deutschlandtreffens der Schlesier 2005 in Nürnberg verkündet wurde:
"Schlesien in der Mitte Europas". Zu Schlesien gibt es keinen Schlusspunkt, nicht das Amen, mit dem Gottesdienst, Predigt und Gebet schließen. Schlesien kennt kein Amen.


 

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