ps Pressedienst Schlesien
Presseinformationen
der Landsmannschaft Schlesien - Nieder- und Oberschlesien e.V.
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Nr.
21/2006 30.
Mai 2006
"Was wäre daran denn so tragisch....?
I.
Ort des Geschehens Görlitz,
Eröffnung des Landesmuseums Schlesien, Schlesisches Museum zu Görlitz,
13. Mai 2006. Ich hatte für die Landsmannschaft Schlesien ein Grußwort
gesprochen. Nach den festlichen zwei Stunden wurde ich vom Mitteldeutschen
Rundfunk durch einen Journalisten jüngeren Geburtsdatums für das
Kulturmagazin im Fernsehprogramm interviewt. (Einige Tage später wurde
das Interview gekürzt gesendet)
Während des Interviews gab es eine mehr als peinliche Diskussion mit
dem Fragensteller (später nicht gesendet). Ich hatte unter anderem
gesagt: "Schlesien ist hierzulande ein fernes, unbekanntes, fremdes
Land geworden. Darum ist die Gründung und Eröffnung des Schlesischen
Museums zu Görlitz ein dringendes Gebot... In diesem Museum ist nicht
etwa die Vergangenheit eingesargt, hier ist ganz Schlesien, in seiner Geschichte
auch das einst österreichische Schlesien, Gegenwart. Zur Geschichte
Schlesiens gestern und heute gehören 700 Jahre deutsche Geschichte,
sechs Jahrzehnte polnische Gegenwart..."
Um auf die gegenwärtige Ferne und Fremde von Schlesien hinzuweisen,
hatte ich noch zwei Erfahrungen aus jüngster Zeit erwähnt. In
einem Katalog über den 1925 in Breslau geborenen und nicht nur in der
DDR zu Ruhm gelangten Maler Bernhard Heisig wurde geschrieben: "Schlesien
gibt es nicht mehr. Schlesien heißt nicht mehr Schlesien. Schlesien
hat aufgehört zu existieren". Und von einem Taxifahrer war die
Rede, der von Bonn einen schlesischen Fahrgast zum Haus Schlesien bringen
sollte und nach Schlesien befragt, nach längerem Schweigen schließlich
sagte: "Ich glaube, das ist polnisch". Von Breslau, vom Riesengebirge,
nachhelfend befragt, wusste der jugendliche deutsche Mitbürger und
Zeitgenosse nichts.
II.
"Was wäre daran denn so tragisch, dass Schlesien unbekannt ist, dass Schlesien einmal war, dass Schlesien, wie Sie es gesagt haben, unbekannt und fremd ist?" Ich antwortete in aller gebotenen Kürze mit der deutschen Geschichte Deutschlands, denn aus der Geschichte Deutschlands lässt sich Schlesien nicht ausradieren. Deutsche Geschichte ohne den Anteil Schlesiens in dieser Geschichte wäre Selbstverstümmelung, wäre ein Fragment, ein Bruchstück. Und es folgten noch im Staccato Bemerkungen zur Kultur, schnell fielen die Namen Angelus Silesius, Jakob Böhme, Andreas Gryphius, Friedrich Schleiermachter, Joseph von Eichendorff, Gerhart Hauptmann, dazu auch noch drei oder vier Namen der Nobelpreisträger. Deutschland wäre absichtlich zur geistigen Armut verurteilt, wäre ein armes Land, gäbe es Schlesien und seine Kultur nicht.
III.
Festzustellen ist also, dass es schon gar nicht mehr als beunruhigend, als
dramatisch und tragisch empfunden wird, wenn Schlesien im Bewusstsein nicht
mehr besteht, nicht greifbar ist. Seine Nicht-Existenz ist die Folge fahrlässigen
oder absichtlichen Totschweigens, Schlesien gehört nicht mehr zu Deutschland
als unauslöschlicher Teil seiner Geschichte.
Vielleicht kann man über diesen Sachverhalt erklärend und entschuldigend anmerken, die Indoktrination unter der kommunistischen Ideologie zeige bei diesem Fernsehreporter eben ihre Ergebnisse, denn Schlesien durfte es nicht geben, weshalb jetzt sogar die Nennung Schlesiens, die deutsche Geschichte mit ihrem Anteil Schlesien nur als störend empfunden wird. Aber auch die Geschichte von der Taxifahrt zum Haus Schlesien sollte uns stutzig machen.
IV.
Selbstverständlich darf nicht gleich verallgemeinert werden, überall unter jungen Deutschen, unter einer Mehrheit von Mitbürgern und Zeitgenossen sehe es so aus, dass man erstens gar nichts von Schlesien weiß, zweitens auch gar nichts wissen will, drittens trotzig und erstaunt fragt, "Was wäre daran denn so tragisch, dass Schlesien unbekannt und fern ist?".
Zum anderen jedoch darf behauptet werden, dass es sich leider nicht um derartige aufregende Einzelfälle handelt. Es wachsen Generationen hierzulande heran, denen tatsächlich Schlesien, und es müssten auch die anderen Teile Ostdeutschlands, des heute historischen Ostdeutschlands mitgenannt werden, nichts mehr besagt, weil es fremd geworden ist und auch nicht mehr zur Geschichte des Vaterlandes gehört.
Eine Erklärung
ist schnell parat: man lebt heute auf die Gegenwart bezogen, man habe eben
kein Verhältnis zur Geschichte. Eine unverantwortliche Torheit!
Hart urteilen, obwohl durchaus berechtigt, hilft nicht weiter. Die Frage,
"Was wäre daran denn so tragisch, wenn....?" sollte uns herausfordern,
wir müssen Antwort geben, wir dürfen Mühen nicht scheuen,
vor allem dürfen wir nicht verzweifeln, sondern gegensteuern. Aufklärung
tut not, das ABC über Deutschland müssen wir vermitteln, langwierig,
aber notwendig. Jede Chance nutzen, um zu informieren und zu erklären,
wo Schlesien liegt, was Schlesien bedeutet, Schlesien vergegenwärtigen.
Herbert Hupka