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Nr.
26/2006 03.
Juli 2006
Die
Zeit ist reif für eine deutsche Selbstbesinnung
- Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien -
Jedes Land muss sich seiner eigenen Geschichte stellen, wenn es glaubwürdig
sein will und den Anspruch erhebt, als Stimme mit moralischer Legitimation
gehört zu werden. Die Deutschen haben ihre dunkle Epoche in einer Weise
aufgearbeitet, die Ausländer schon seit einigen Jahren veranlasst,
sich kritisch mit dem Übermaß der deutschen Vergangenheitsbewältigung
auseinanderzusetzen, denn diese birgt auch Gefahren für andere. Der
ungarische Schriftsteller Peter Esterházy, Träger des Friedenspreises
des deutschen Buchhandels, hatte auf diese Gefahren in seiner Paulskirchenrede
am 10.10.2004 mit folgenden Worten hingewiesen: "Die Deutschen haben
die eigenen Vergehen beim Namen genannt, die eigenen Leiden haben sie nicht
beim eigenen Namen genannt. Die eigenen Missetaten durch deutsche Missetaten
zu verdecken, ist eine europäische Gewohnheit. Der Hass gegen die Deutschen
ist Europas Fundament in der Nachkriegszeit". Für viele europäische
Staaten, aber auch für die USA war es leicht, sich mit eigenem Fehlverhalten,
mit Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit erst gar nicht
befassen zu müssen, denn alles konnte doch so schön bei den Deutschen
abgeladen werden, ohne dass auch nur ein einziger Vorwurf an ihre Adresse
zurückgegeben wurde. Die heraus resultierende moralische Überhöhung
dieser Länder brachte nicht nur Schaden für Deutschland, man denke
an die Sonderlasten für die Europäische Union, die gewaltigen
Zahlungen insbesondere an Polen und die ehemalige UdSSR oder die Vernachlässigung
deutscher Volksgruppen in den Vertreibungsgebieten bei den abgeschlossenen
Verträgen, sondern verhinderte auch Hemmungen ehemaliger Siegermächte
bei kriegerischen Aktionen in vielen Teilen der Welt. Auch bei der Aufnahme
einiger Staaten in die Europäische Union spielten gravierende Menschenrechtsdefizite,
vor allem gegenüber Deutschen, keine Rolle. Der Antisemitismus kann
sich z.B. in Polen recht ungehindert entfalten, europäische Proteste
hiergegen gibt es so gut wie nicht. Polen war eben nach allgemeiner Lesart
nur Opfer und hatte keinen Anlass, sich mit den negativen Seiten eigener
Geschichte zu befassen.
In Deutschland ist dagegen bis heute der Drang nach Selbstgeißelung ungebrochen. Noch im Jahr 2001 ließ der damalige französische Außenminister Vidrine auf geradezu belustigende Art erkennen, was man über die Psyche der Deutschen denkt: "Die Deutschen stellen sich Fragen, die ihnen gar keiner stellt", so seine auf den Punkt gebrachte Feststellung. In einer Situation einseitiger Geschichtsbetrachtung und einer Gemütslage, die Schuld als Grundlage kennt, ist es schwer, eigene Opfer zu beklagen, geschweige denn, Anliegen dieser Opfer zu vertreten. "Es gibt eine deutsche Neurose. Alles, was deutsches Schicksal ist, steht unter Verdacht, das sitzt tief. Deutsche Vergangenheit hat die Vergangenheit des deutschen Großverbrechens zu sein, basta". Diese Schlussfolgerung zog der deutsche Schriftsteller Rüdiger Safranski kürzlich in einem Zeitungsinterview und legte damit den Finger auf eine Wunde, auf die in der letzten Zeit erfreulicherweise wiederholt hingewiesen wurde. Nationalstolz galt bisher als
Verstoß gegen die verordnete Schuldgesinnung wie der Soziologieprofessor Wolfgang Sofsky es am 25. Juni in der FAZ ausdrückte. Die deutsche Außenpolitik war nach seiner Meinung darauf ausgerichtet, Deutschland im vereinten Europa zum Verschwinden zu bringen. Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, stellte in einem Beitrag für die Welt am Sonntag vor einem Jahr fest, dass die Deutschen noch immer krumm gehen und dass Deutschland heute die pazifistische, harmloseste, europäischste, uneigennützigste Nation in Europa ist.
Wer Äußerungen dieser Art abgibt, läuft in unserer leider verformten Gesellschaft Gefahr, nationalistischer Umtrieb gescholten zu werden. Deshalb kommt man nicht umhin, bei Analysen dieser Art, anerkannte Persönlichkeiten sprechen zu lassen. Schnell wären sonst die Neurotiker in unserem Land dabei, dem Verfasser den Ächtungsstempel aufzudrücken.
Deutsche Außenpolitik kann nur verstehen, wer weiß, welch selbstquälerischer Prozess in Deutschland noch immer abläuft, der noch immer für viele Meinungsmacher und Politik bestimmend ist. Nie wieder dürften wir unsere Nachbarn ängstigen. Nach dieser Devise verfolgte die Regierung Schröder ihre Außenpolitik, vor allem gegenüber Polen und Tschechien. Getrieben von einer Schuldgesinnung und der angesprochenen deutschen Neurose erfüllte er die Wünsche der Vertreiberstaaten, wandte sich gegen deutsche Opfer.
Es fragt sich jetzt, wie wird die deutsche Politik in Zukunft gegenüber einer von Extremisten beherrschten polnischen Regierung auftreten? Einer Regierung, die ihre Mehrheit einem antideutschen Wahlkampf verdankt. Eine Besinnung und Umkehr wären dringend nötig. "Nach Dekaden moralischer Verbesserung scheint manchen die Zeit endlich reif, wieder ins innere Gleichgewicht zu kommen", eine Hoffnung, die Wolfgang Sofsky in seinem o.a. Beitrag voller Zuversicht äußerte. Vielleicht verhilft gerade das gegenwärtige Gruselkabinett in Polen nüchternem Denken zum Durchbruch.
Wie kann ein Verständigungsprozess in der gegenwärtigen Situation aber weitergeführt werden? Deutsche Entschuldigungen und Geldleistungen haben nach Feststellungen des tschechischen Politikwissenschaftlers Dolezäl Spannungen verschärft statt abgebaut. Deutsche Vorhaben wie das Zentrum gegen Vertreibungen aufzugeben, wenn Widerstand aus Polen kommt, ist ebenso falsch. Damit würde das deutsch-polnische Verhältnis auf Verdrängung gegründet und die Versöhnung stünde auf tönernden Füßen. Der Dialog, an dem hauptsächlich die Vertriebenen beteiligt sind, geht auf unterer Ebene weiter. Und das ist gut so. Gegenüber der polnischen Regierung muss gelten, dass Erkenntnisse und Einsichten nicht durch neue Wohltaten geweckt werden, sondern durch entschiedene Haltung, das Aufzeigen von Grenzen und durch den offenen Dialog, möglichst getragen auch von anderen EU-Partnerländern.
Entscheidend aber wird sein, ob eine Abkehr von altem Denken, bei dem Schuldgesinnung nicht mehr dominiert, erfolgt. Es darf nicht so sein, dass eigene Anliegen über die Köpfe deutscher Betroffener hinweg dem Konsens mit anderen Staaten geopfert werden. Nicht die Zustimmung von Polen oder Tschechen ist für die deutsche Politik entscheidend, sondern die Zustimmung der betroffenen Deutschen. Ein Grundsatz, der in anderen Ländern, ihre Staatsbürger betreffend, selbstverständliche Verpflichtung ist.
SN