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Nr. 29/2006 04. August 2006
Die Mär vom multikulturellen Schlesien
I.
Bis in den Festvortrag von Professor Dr. Andrzej Tomaszewski, Universität Warschau, ehemaliger polnischer Generalkonservator während der Eröffnung des Schlesischen Museums zu Görlitz hinein erklingt das Wort von einem "multikulturellen" Schlesien. Dieses Schönschreibwort dient dazu, die 700-jährige deutsche Geschichte Schlesiens zu leugnen und in Frage zu stellen. Das hörte sich am 13. Mai 2006 in Görlitz gleich in den ersten Sätzen so an: "Seit 15 Jahren wird Schlesien wieder zu einem Land, in dem das Miteinander, die Vermittlung und der Austausch zwischen den Völkern und Nationen Mitteleuropas, nicht nur Polens und Deutschlands, auch Tschechiens, Österreichs und anderer selbstverständlich ist. Schlesien bekommt damit seine historische Bedeutung als Brückenland und Schmelztiegel der verschiedenen ethnisch-kulturellen Elemente und Einflüsse wieder zurück - Eigenschaften und Phänomene, die in der Vergangenheit so mannigfaltig und reich gemacht haben". Dieses Wort, auch von deutschen Professoren unterzeichnet, leitet jetzt den neu aufgelegten kunsthistorischen Band in Polen, Thema Schlesien, ein.
Zur Begründung einer multikulturellen Geschichte Schlesiens werden die Wechsel der Souveränität angeführt: vor tausend Jahren die polnischen Piasten, dann das "böhmische Königtum", dem folgend die "österreichischen Habsburger", nach wieder 200 Jahren ist Schlesien dank Friedrich dem Großen Teil Preußens, gleich abwertend verurteilt aufgrund von "drei zerstörerischen Kriegen", und schließlich 1945: "Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich der Kreis der Geschichte auf dramatische Weise geschlossen". Die Bezeichnung deutsch fehlt in dieser bekannten, von Polen als Stereotypen immer wieder genannten Geschichtsfolge.
II.
Es klingt ebenso pathetisch wie böswillig: "Jeder Herrschaftswechsel brachte neue kulturelle und zivilisatorische Werte mit sich". Um diese Behauptung noch zu verstärken, erklärte Professor Tomaszewski in Görlitz, und niemand konnte seinem Monolog als Festredner widersprechen: "Die Grundlagen für die Aufnahme der Herrschaftswechsel wurden in der Piastenzeit geschaffen".
Wohltuend ist, dass nicht geleugnet wird "die von den Neusiedlern mitgebrachte fortschrittliche Methode der Landwirtschaft", dazu die "deutsche Hochkultur, die Wurzel schlug auch in den Klöstern und im Hause der Piasten-Herrscher, deren Frauen und Mütter in der Regel deutsche Herzoginnen waren".
III.
Aber dann scheint sich das Deutsche unter den böhmischen Königen, unter den Habsburgern und Preußen verflüchtigt zu haben. Jedenfalls ist von einem deutschen Schlesien nirgendwo die Rede.
Indem in dieser höchst bedenklichen Beweisführung und Argumentation zwar ein ausgesprochen "polnisches Schlesien" in Frage gestellt wird, und dies aus vollem Recht, wird gleichzeitig ein
"deutsches Schlesien" als nicht existierend behauptet. "Es
gibt nicht zwei ‚Wahrheiten', die polnische und die deutsche, es gibt nur
die eine Wahrheit über die europäische, übernationale Kunst
Schlesiens, die ein wichtiges Kapitel des gemeinsamen europäischen
Erbes ist".
IV.
Tomaszewski fragte, mit welchem Bild von der Heimat Schlesiens die früheren Bewohner "die verlorene Heimat" verlassen haben. Erstaunlich dabei, dass die deutschen Vertriebenen nicht so genannt werden, sondern nur für die Vertriebenen nicht so genannt werden, sondern nur für die Vertriebenen aus Ost-Polen dieses Wort gebraucht wird. Das ewige "Deutschtum Schlesiens" sei diesen Menschen (wohl ein heimlicher Vorwurf!) eigen. Darum betrachten sich diese Deutschen als "Erben" und "Kulturträger". Korrigiert schleunigst dieses eindimensionelle Bild von Schlesien als Teil der deutschen Geschichte, als Land jahrhunderte alter deutscher Kultur, so lautet der herausfordernde Zwischenruf.
Multikulturell, europäisch ist die rechte Bezeichnung, das muss auch von den Deutschen zur Kenntnis genommen werden. Wir Polen, so ist die Görlitzer Rede zu lesen, verzichten großzügig auf die Bezeichnung "polnisches Schlesien", also müssen die Deutschen bereitwillig auf ein "deutsches Schlesien" verzichten.
V.
Überhaupt ist Schlesien kein homogenes Land Deutschlands gewesen, behauptet Tobias Weger, bis vor kurzem als Kulturreferent am Schlesischen Museum zu Görlitz zuständig, jetzt wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, in Oldenburg ansässig. In der in Breslau erscheinenden Zeitschrift "Silesia Nova" schrieb er: "Es müssen langwierige ‚völkische' Stereotypen von einem homogenen ‚deutschen Schlesien' überwunden werden". Das bedeutet nichts anderes, als dass Schlesien als Teil Deutschlands in Frage zu stellen sei, denn diese Behauptung stimmt nicht. Die Einlassung von Weger ist nichts anderes als gefällige Anpassung an Thesen des polnischen Nationalismus.
VI.
Wenn das modische Stichwort von einem multikulturellen Schlesien gebraucht wird, dann bitte auch die Beweise liefern. "Böhmische Könige" sollen doch dank dieses Hinweises bedeuten, dass tschechische Tendenzen zu entdecken seien. Habsburg und Preußen, wie undeutsch, nicht deutsch eigentlich diese Regierungen in Wien und Berlin gewirkt und gehandelt haben! Besonders sagt man dies zu Breslau, der Hauptstadt Schlesiens, dass es hier multikulturell zugegangen sei. Hoffentlich will man nicht jede ausländische Sprache, die in Breslau gesprochen wurde, als Beweis für die multikulturelle Struktur der Stadt beanspruchen.
Bei all dem ist offenkundig, dass man die deutschen Bewohner zuerst aus der Heimat vertrieben hat, jetzt auch noch aus der deutschen Geschichte vertreibt, begleitet von deutschen Mitläufern, die das billigen und sogar für korrekt ausgeben wollen.
Multikulturell ist ein bedenkliches, ein gefährliches Modewort. Es soll das Wort und die historisch belegte Bedeutung deutsch außer Kurs setzen. Höchste Aufmerksamkeit und deutliche Widerrede sind geboten.
Herbert Hupka
Abdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet.
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