ps Pressedienst Schlesien
Presseinformationen
der Landsmannschaft Schlesien - Nieder- und Oberschlesien e.V.
Bundesgeschäftsführung:
Dollendorfer Str. 412, 53639 Königswinter, Tel.: (02244) 9259-0, Fax: (02244)
9259-290
Nr. 36/2006 27. September 2006
Verhärtungen im deutsch-polnischen Verhältnis
- alte Konzepte haben sich nicht bewährt -
Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien
Die deutsch-polnischen Beziehungen haben sich verschlechtert. Wer wollte
das bestreiten ? Es ist Zeit, überholte Konzepte der Zusammenarbeit
mit dem Nachbarn zu überdenken. Zwar sind viele hierzulande schnell
mit Schuldzuweisungen an die deutsche Adresse bei der Hand, bei näherem
Hinsehen sind die hierfür vorgetragenen Argumente eher Ausdruck dafür,
dass manche sich mit ihrer Rolle als Deutsche noch nicht im inneren Gleichgewicht
befinden. Die Gasleitung durch die Ostsee, das Zentrum gegen Vertreibungen
oder die Restitutionsfrage waren sicher Themen, die in Polen für Aufregung
sorgten. Die Frage ist allerdings, wie es um den viel gepriesenen Verständigungsprozess
bestellt ist, wenn diese Anlässe bereits ausreichen, heftige Reaktionen
in Polen auszulösen. Deutschland hat vor allem nach der Wende erhebliche
einseitige Vorleistungen erbracht. Erinnert sei z. B. an die aktive Fürsprache
für eine Aufnahme Polens in EU und Nato, an die Lieferung großer
Mengen von Kriegsmaterial - die Polen lassen die geschenkten Flugzeuge aber
in den USA warten - an finanzielle Leistungen und die Erfüllung politischer
Wünsche. Viel Geld wurde von deutscher Seite auch für die Verständigung
investiert, ohne dass es von der Gegenseite ähnliche Anstrengungen
gab. Diese Verständigung stand allerdings immer auf tönernden
Füßen, weil die zwischen den Völkern bestehenden Probleme
nur zugeschüttet und nicht in einem ehrlichen Dialog aufgearbeitet
wurden. Schon vor Jahren hörte man von führenden Vertretern der
Deutschen in der Heimat mahnende Worte. Man hielt nichts davon, die offenen
Fragen lediglich unter den Teppich zu kehren, denn es war klar, dass wir
von ihnen alsbald wieder eingeholt würden. So hat die von Nationalisten
getragene Regierung in Polen nur alte Ressentiments wieder belebt, die immer
vorhanden waren. Die angesprochenen Streitpunkte sind lediglich ein Vehikel,
das eine Grundstimmung bedient, befördert durch eine radikal auf die
eigene Nation fixierte Regierung.
Kritische Stimmen an die Adresse Polens gibt es - im Unterschied zu früher
-neuerdings auch. So rügten die Vorsitzenden der CDU / CSU-Gruppe im
Europäischen Parlament Hartmut Nassauer (CDU) und Markus Ferber (CSU)
anlässlich des Besuchs des polnischen Premierministers in Brüssel
die bisherige Politik Polens. Es reiche nicht aus, wenn der polnische Premierminister
einen einseitigen Konfrontationskurs gegen Europa im Allgemeinen und gegen
Deutschland im Besonderen fahre. Polen solle sich vielmehr im Interesse
aller auf allen Gebieten konstruktiv einbringen, um zu gemeinsamen Lösungen
zu kommen, so erklärten beide Politiker. Dass eine solche Rolle zu
übernehmen kaum möglich sein wird, wenn die Politik der polnischen
Regierungsparteien aus einem überholten nationalstaatlichen Denken
einer vergangenen Epoche gespeist wird, liegt auf der Hand. Das Werteverständnis
in Polen ist zudem häufig ein anderes als in anderen EU-Staaten. Gerade
hat der stellvertretende Vorsitzende einer Regierungspartei, der Liga Polnischer
Familien, Wojciech Wierzejzewski, die EU aufgefordert, grausamer zu sein.
Er rief zum Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 zum entschlossenen
Kampf des "weißen Mannes" gegen die "muslimische Bedrohung".
Allerdings , so fügte er hinzu, dürfe die westliche Zivilisation
sich in diesem Kampf nicht an der "verfaulten, erschlafften, impotenten,
schwulen und kulturlosen" Europäischen Union ein Vorbild nehmen.
Stattdessen müsse sie "hart und grausam" vorgehen "wie
Amerika".
Es ist gut, wenn auch aus Deutschland Interventionen in Warschau erfolgen.
Auf die neueste Attacke gegen die deutsche Volksgruppe reagierte Kanzlerin
Merkel am Rande eines Treffens der EU-Regierungschefs in Finnland mit einer
bis dahin noch nicht gekannten öffentlichen Stellungnahme. Nach einem
Gespräch mit Ministerpräsident Kaczynski überraschten beide
mit der Ankündigung, Polen werde die gegen die Deutschen gerichtete
Wahlrechtsänderung nun doch nicht umsetzen. Also keine Abschaffung
der Ausnahme von der 5 %-Klausel , obwohl schon ein Gesetzentwurf einer
Regierungspartei vorlag und auch Kaczynski das Wahlprivileg vorher in Frage
gestellt hatte. Der Sinneswandel löste Verwunderung aus. Es bleibt
abzuwarten, was der Besuch des polnischen Premiers am 30. Oktober in Berlin
bringen wird, zu dem die Kanzlerin eingeladen hat. Wer allerdings darauf
hofft, die polnische Haltung werde sich in den Kernfragen ändern, dürfte
enttäuscht werden.
"Dies ist eines der beunruhigenden Ereignisse, die in jüngster
Zeit in Deutschland stattgefunden haben", mit dieser Äußerung
kommentierte Kaczynski den Auftritt von Bundespräsident Köhler
beim Tag der Heimat am 2. September in Berlin, obgleich er für seine
polenfreundlichen Ausführungen in der größten polnischen
Tageszeitung gelobt wurde. Wer diese Reaktion hört, wird wohl kaum
an den Erfolg des Appells von Bundestagspräsident Norbert Lammert an
den polnischen Parlamentspräsidenten Jurek glauben, Verständnis
für die Leiden der Vertriebenen zu haben. Die Unfähigkeit vieler
Polen, zuzugeben, dass man sich aktiv an einer völkerrechtswidrigen
Vertreibung, einem Verbrechen gegen die Menschheit, beteiligt hat, steht
nach wie vor einer Normalisierung entgegen. Solange mit antideutschen Parolen
Wahlkämpfe zu gewinnen sind, kann mit einer Wende in der Politik nicht
gerechnet werden. Weitere Zugeständnisse von deutscher Seite, aufgrund
der bisherigen Verhaltensweise durchaus zu erwarten, werden sicher auch
künftig kein Umdenken in Polen bewirken. Hierfür sprechen alle
Erfahrungen der Vergangenheit.
Wie mit der Vertreibung umzugehen ist, zeigt Ungarn, das diesen Vorgang
auch heute noch als historische Last empfindet und keineswegs als abgeschlossenes
Kapitel der Weltgeschichte. In einem Gedenken hat das ungarische Parlament
die Vertreibungsdekrete als Dokumente der Schande bezeichnet. Anlässlich
der Einweihung eines Gedenksteines am 18.06.2006 verneigte sich der ungarische
Staatspräsident vor den deutschen Vertriebenen und verband dies mit
einer öffentlichen Entschuldigung. Eine Haltung, die Grundvoraussetzung
für einen zivilisierten Staat sein sollte. Auch Polen wird das Odium
eines Vertreiberstaates erst dann abschütteln können, wenn es
sich wie Ungarn verhält, die Vertreibung nicht weiter verdrängt
und sie nicht länger als Eckpfeiler der staatlichen Ordnung sieht.
Aber auch Deutschland ist aufgerufen, neue Wege zu gehen, sich den offenen
Fragen der Vertreibung zu stellen. Unser Nachbarland Österreich zeigt
hier ein anderes Verständnis gegenüber seinen von der Vertreibung
betroffenen Bürgern. Verhandlungen mit einigen Vertreiberstaaten, ausgenommen
Tschechien, über Entschädigung und Restitution wurden angegangen
und zu einem Ergebnis gebracht. Österreich unterstützt laut Aussage
eines Parlamentariers der ÖVP auch Privatklagen zur Erlangung des geraubten
Eigentums. Dies hat keineswegs zu Spannungen mit den betroffenen Staaten
geführt. Der Weg, die offenen Fragen zu lösen, bleibt der beste
und zukunftsträchtigste Weg. Das Verdrängen ungelöster Probleme
über die Köpfe der Opfer hinweg legt nicht die Grundlage für
eine friedliche Zukunft, sondern übergibt nachfolgenden Generationen
eine Hypothek, die die Zukunft belastet.
Abdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet.
Belegexemplar erbeten. Erscheint nach Bedarf.