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Presseinformationen der Landsmannschaft Schlesien - Nieder- und Oberschlesien e.V.

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Nr. 40/2006                                                                                                                                                              02. 11.2006


Eine Frage der Humanität
- Deutsche Zwangsarbeiter als Sühneopfer -
Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Es ist leider traurige Tatsache: Die Deutschen können um ihre Toten nicht in gleichem Maße trauern wie andere Völker, zumindest dann nicht, wenn sie Opfer der Gewalt durch ausländische Mächte während oder nach dem Krieg wurden. Ihrer würdig zu gedenken, fällt vielen schwer. Manchen Gruppen wird zudem verweigert, ihnen für das außergewöhnliche Leid wenigstens eine symbolische Entschädigung zu gewähren. Hier sind in erster Linie die deutschen Zwangsarbeiter zu nennen. Es handelt sich wohlgemerkt um Zivilpersonen, die zur Zwangs- bzw. Sklavenarbeit in die Sowjetunion verschleppt wurden, unter ihnen auch sehr viele Frauen, aber auch Kinder. Nicht zu vergessen aber auch die Deutschen, die in Lagern in Polen oder der Tschechoslowakei zur Zwangsarbeit herangezogen, unsäglich gequält oder die in ihren Heimatgebieten teils über Jahre in die Zwangsarbeit ohne Entlohnung gepresst wurden. Das Leiden hatte dabei viele Gesichter, dies wird bei den Einzelschicksalen schnell deutlich, die ich aus Zuschriften kennen lernte. Da ist die junge Frau von 19 Jahren aus Breslau, die von sowjetischen Soldaten zwei Tage lang vergewaltigt, danach kurze Zeit in Gleiwitz inhaftiert und ins Donezbecken für viereinhalb Jahre zur Zwangsarbeit unter Tage gebracht wurde. Sie lebt heute im Rheinland. Anders ist der Fall eines Mädchens im Teenageralter aus Lipine bei Kattowitz. Zunächst sieben Wochen lang zu Erdarbeiten in der Umgebung herangezogen, nach der Flucht von polnischer Miliz aber am 15.04.1945 in das berüchtigte Lager Zgoda / Schwientochlowitz gebracht, Ende September dann bis Anfang Dezember 1946 in das Lager Libicz bei Krakau verlegt und in dieser Zeit unsäglich gequält, gehungert und Krankheiten wie Ruhr und Typhus überlebt. Nach der Entlassung wog die junge Frau nur noch 35 kg. Zu ihren Tätigkeiten in den Lagern gehörte der Abtransport der zahlreichen Toten und das Eingraben der Leichen in große Erdgruben. Die Frau lebt heute in Beuthen / Oberschlesien. Die Großfamilie wurde von Polen aus ihrer Wohnung vertrieben. Alle sieben Geschwister und die Mutter erlebten das gleiche Schicksal. Ebenfalls heute wohnhaft in Polen sind zwei Zwangsarbeiterinnen, bei Kriegsende siebzehn und knapp sechszehn Jahre alt. Die eine aus Niederschlesien, die andere aus dem nördlichen Westpreußen. Während die Niederschlesierin, wie auch ihre Mutter und Geschwister, in polnischen Gutshöfen ohne Entlohnung arbeiten mussten, wurde die Westpreußin nach vorheriger Zwangsarbeit in das bekannte Todeslager Potulice verbracht und verblieb dort bis Dezember 1949. Auch zu ihrer Arbeit zählte das Beseitigen der vielen Leichen, was jeweils vor der eigentlichen Arbeit zu geschehen hatte. Beide Mädchen wurden häufig von Polen geschlagen, mussten viel Hunger erleiden. Die den Familien gehörenden großen Bauernhöfe wurden Polen übergeben. Die Frauen sind heute auf Grund der Entbehrungen und der Folterungen körperlich stark beeinträchtigt. Sie leben in Polen von einer sehr geringen polnischen Rente und sind auf Unterstützung angewiesen. Der SDR hatte in einem Filmbeitrag von einem zwölfjährigen Mädchen berichtet, das von den Sowjets aus Ostpreußen zu Zwangsarbeit nach Sibirien verschleppt wurde. Ihr Leiden war nach der Freilassung nach zehn Jahren aber nicht beendet, weil sie in die DDR kam. Hier musste das Schicksal verschwiegen werden. Eine Beschuldigung des kommunistischen Brudervolkes durfte nicht sein.
Erschütternd auch der Fall einer Frau, die als siebzehnjährige aus Stolp / Pommern nach wiederholten Vergewaltigungen durch Russen nach Westsibirien verschleppt wurde und im Kohlenbergwerk Kopejsk bis Ende 1949 Sklavenarbeit verrichten musste, was zu einer Staublunge führte. In einem Bericht der Zeitung "Südkurier" vom 25.08.2001 äußerte sie, dass sie den NS-Zwangsarbeitern die Entschädigung gönnt, aber sie fragt, warum spricht keiner von uns ?
Es bleibt hinzuzufügen: Die Todesrate bei deutschen Zwangsarbeitern lag in den Lagern bei über 50 %, was für eine besondere Härte der Bedingungen spricht.
Der "Arbeitskreis Deutsche Zwangsarbeiter" (AKDZ) bemüht sich seit Jahren um das Schicksal dieser Menschen. Es war zwar gelungen, das Thema in den deutschen Bundestag zu bringen, die CDU / CSU-Bundestagsfraktion hatte einen Gesetzentwurf eingebracht, jedoch wurde der Antrag mit der rot-grünen Mehrheit am 21.10.2004 abgelehnt. Die FDP unterstützte unser Anliegen.
Während für die NS-Zwangsarbeiter vor einigen Jahren von allen Parteien mit bewegenden Worten von der moralischen Verpflichtung sowie von der Herstellung der Würde dieser Opfer die Rede war, gilt dies bei einigen Parteien für deutsche Betroffene nicht . Es gibt also ein geteiltes Gewissen. Wer die Diskussion der letzten vier Jahre verfolgt hat, kommt zu der Erkenntnis, dass bei den Parteien der Linken ideologische Barrieren bestehen, die sie nicht wegräumen wollen. Deshalb sei noch einmal an die entscheidenden Aussagen hierzu in den Bundestagsdebatten erinnert. Der Sprecher der SPD, Sebastian Edathy, erklärte am 05. Juni 2003 im Deutschen Bundestag, man müsse sehen, wo die Ursachen für Leid liegen und bezeichnete dies als Folge für deutsches Unrecht. An anderer Stelle sagte er: All dieses Leid hatte seine Wurzeln im Unrecht der NS-Zeit und damit in Deutschland. Der CDU / CSU warf er vor, das Bekenntnis zu geschichtlicher Verantwortung relativieren und historische Verantwortung massiv verändern zu wollen. Unter Hinweis auf das schwere Schicksal seiner Familie in Mecklenburg meinte er, die Verantwortung für dieses Leid nicht den Russen zuschieben zu können, weil es beim deutschen Volk liegt, denn es habe Adolf Hitler zugelassen.
In der Bundestagsdebatte am 21.10.2004 wiederholte die Sprecherin de SPD, Marga Elser, die These, das Leid habe seine Wurzeln im NS-Unrecht. Sie verwahrte sich gegen die Gleichmachung der Opfer, also der Gleichsetzung der Opfer des Nationalsozialismus, mit den Opfern der "Kriegsfolgen". NS-Zwangsarbeiter und deutsche Zwangsarbeiter sind demzufolge anders zu bewerten. Auch aus der rot-grünen Regierung waren diese Argumente wiederholt zu hören, zudem hieß es, die Ungleichbehandlung zwischen beiden Zwangsarbeitergruppen sei aus historischer Verantwortung geboten. Die Regelung für NS-Zwangsarbeiter dürfe durch eine analoge gesetzliche Bestimmung nicht relativiert werden, denn mit der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" sei eine versöhnliche Geste in die. .Welt gesandt worden.
Zwangsarbeit von Deutschen wird als allgemeines Kriegsfolgenschicksal gesehen, das nicht über das allgemeine schwere Schicksal der Bevölkerung eines Landes, das den Krieg verloren hat, hinausgeht. Also Vergewaltigung, Verschleppung nach Sibirien, menschenunwürdige Behandlung und Lagerhaft mit Zwangsarbeit haben danach "jeden betroffen und sind normal".
Aus den Argumenten der Gegner einer Entschädigung für deutsche Zwangsarbeiter spricht nicht Menschlichkeit, sondern Unmenschlichkeit. Das unverschuldete Schicksal zählt nicht, es geht um die Abrechnung mit dem NS-Staat auf dem Rücken der Opfer. "Pech gehabt, jemand muss doch Sühne leisten", so schrieb eine niederländische Zeitung zutreffend über das Problem der Zwangsarbeiter. Es ist ein tiefsitzendes Trauma, das leider vielen Deutschen den Blick für Gerechtigkeit verstellt. Was haben die Verbrechen an deutschen Mädchen mit einer Kriegsschuld zu tun ? Durften sich die Sieger über alle Gebote des Völkerrechts und der Menschlichkeit hinwegsetzen ? Verstöße, die sie andererseits in den Nürnberger Prozessen anklagten !
In erster Linie müssen aber unsere Politiker ins innere Gleichgewicht kommen. Das Anliegen von CDU / CSU, durch eine gesetzliche Regelung eine Gerechtigkeitslücke zu schließen und für deutsche Zwangsarbeiter eine humanitäre Geste in Form einer Einmalzahlung wie für NS-Zwangsarbeiter zu beschließen, muss nach Jahren der Diskussion endlich umgesetzt werden. Noch hat die SPD ihre ablehnende Haltung nicht aufgegeben. Das Problem ist jedoch so wichtig, dass es in der großen Koalition gelöst werden muss. Der AKDZ setzt auf das Verhandlungsgeschick der Union und auf das Prinzip von Geben und Nehmen. Die Zeit drängt, denn täglich nimmt die Zahl der Betroffenen ab, aber die Zahl der Verstorbenen zu, die uns in dem Bewusstsein verlassen, mit ihrem Schicksal vergessen worden zu sein und dass ihr Leid im Dunkeln geblieben ist. Dieser Akt der Inhumanität ist einer Kulturnation unwürdig.

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