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Nr. 03/2007                                                                                                                                                              05.Januar 2007



Nicht ganz souverän - aber politisch korrekt

- Peter Großpietsch, stellvertretender Bundesvorsitzender
der Landsmannschaft Schlesien -


Mehr als 60 Jahre liegt die Vertreibung aus dem deutschen Osten und aus den deutschen Siedlungsgebieten zurück. In diesem Zeitraum war es zumindest in Deutschland Konsens, daß Vertreibung auch Vertreibung genannt wurde. Eine Ausnahme machte lediglich Herr von Weizsäcker, der unsere Vertreibung mit der Formel "erzwungene Wanderschaft" umschrieb.

Nunmehr bekommt ein Verfassungsorgan , in der Person des Bundestagspräsidenten Lammert, weiche Knie. Dies geschah in einem öffentlichen Disput mit dem polnischen Parlamentspräsidenten über den Begriff "Vertreibung". Da gab es sonderbare gewundene Ausführungen diesbezüglich. Kurz: Man hatte das Gefühl, er wolle den Begriff der Vertreibung loswerden und äußerte großes Verständnis für den polnischen Terminus "Umsiedlung". Wörtlich meinte Herr Lammert ja, es gäbe (deutscherseits) keine staatliche Deutungshoheit über diesen Begriff. Und an anderer Stelle eines Interviews in der FAZ:
"Dass im Zuge der ‚Umsiedlung' Vertreibungen stattgefunden haben, ist offensichtlich."

Sollen also die Vertreiber bestimmen, ob die ethnischen Säuberungen von 15 Millionen Deutschen mit 2,8 Millionen Toten aus den deutschen Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten (Quelle: Statistisches Bundesamt) Vertreibung genannt werden dürfen?

Ich sehe darin eine Verächtlichmachung der Opfer. Noch sind wir selbst da und aufgefordert, unerwünschten Wahrheiten über nichtdeutsche Menschenrechtsverletzungen entgegenzutreten.

Die immerhin vom deutschen Parlamentspräsidenten geäußerte Meinung scheint vermehrt zur deutschen Staatsräson zu werden. Wenn von Staatsräson die Rede ist, muss die Frage erlaubt sein, gründet diese auf eigenen berechtigten deutschen Interessen? Oder sind es Einflüsse von außen, aufgrund mangelnder deutscher Souveränität á la Fortgeltung von ca. 13 Artikeln des unseligen Überleitungsvertrages? Der Überleitungsvertrag war 1952 an die Stelle des Besatzungsstatuts getreten und hatte zu einer Teilsouveränität Deutschlands geführt.

Es hat in der Vergangenheit viele Phasen oder Strategien der Politik gegenüber den deutschen Heimatvertriebenen gegeben: Setzen auf die Biologie, Vertröstung auf Europa, Totschweigen usw. Beginnt nunmehr die Phase der "Einlullung"? Wird uns lediglich noch das Recht auf Erinnerung zugestanden? Auch Bundespräsident Köhler setzt auf diese Strategie, und so wundert es gar nicht, dass viele Heimatvertriebene äußern: Herr von Weizsäcker sei ja noch immer im Amt!

Manche Passage der Köhler-Rede anlässlich des Tages der Heimat 2006 bestätigt diese Annahme.

In diese "Kategorie" gehört auch das Totschweigen der Provinzen und Gebiete des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937, aus denen 9 Millionen Deutsche vertrieben wurden.


Da gibt es z.B. auch bei der neuen Bundesregierung einen Terminus technicus, stammend von der rotgrünen Bundesregierung, der da lautet:

"Förderung und Erhaltung und Auswertung deutscher Kultur und Geschichte im östlichen Europa".

Seit wann haben die Ostgebiete des Deutschen Reiches, also Ost- und Westpreußen, Pommern, Danzig, Schlesien, Ostbrandenburg, zum östlichen Europa gehört?

Die genannten Provinzen/Gebiete des Deutschen Reiches gehörten zum großen Teil über 700 Jahre zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und später zum Deutschen Reich. Warum wird das Deutsche Reich, die genannten Gebiete, mit unseren Siedlungsgebieten in Osteuropa wie Siebenbürgen, Banat, den Donauschwaben usw. - aus welcher Liebedienerei auch immer - gleichgesetzt?

Diese Gleichschaltung, diese Zeitgeist-Aufstände, vermag ich nicht nachzuvollziehen. Ich lege auch Wert auf die Feststellung, dass ich im Deutschen Reich geboren bin, nicht als Ausländer im östlichen Europa.

Alle 13 schlesischen Nobelpreisträger sind im Deutschen Reich, in Schlesien geboren, nicht im östlichen Europa.

Ebenso haarsträubend ist es, von der "Pflege des gemeinsamen deutsch-polnischen Kulturerbes" zu sprechen. Hierdurch wird die Vertreibung bagatellisiert und der Eindruck erweckt, dass es sich um ein gemeinsam geschaffenes Kulturerbe handelt.

Dies alles 60 Jahre nach der größten Vertreibung der Weltgeschichte, die ein Verbrechen war. Nicht auszudenken, welche politischen Korrektheitsverrenkungen wir und unsere Nachkommen nach 70 Jahren zu erwarten haben. Vielleicht wird dann ein deutscher Osten überhaupt nicht existiert haben.

Man wird das Gefühl nicht los, dass hier Parallelen zu Reemtsma und der berüchtigten Wehrmachtsausstellung sichtbar werden. Erst als die Kriegsgeneration, unsere Väter also, abgetreten war, die von Adenauer und Schumacher gegen jede pauschale Diffamierung öffentlich in Schutz genommen wurde, begannen jene "Gutmenschen" mit der pauschalen Verunglimpfung unserer Väter.

Ich stimme deshalb voll mit Peter Glotz, dem großen sudetendeutschen Sozialdemokraten, überein, der sich in seiner klaren Auffassung von niemandem beeinflussen ließ:

"Im 7. Lebensjahrzehnt spüre ich einen wachsenden Unwillen, nur noch das zu sagen, was bestimmte Meinungsführer hören wollen. Die Vertreibung war, was immer die Siegermächte im August 1945 beschlossen haben, ein Verbrechen. Ich lasse mir nicht einreden, dass eine korrekte Darstellung der Vertreibung und die Forderung, die unschuldigen Opfer der Vertreibung nicht zu vergessen, auf eine Rehabilitierung der Nazis und auf eine Beschuldigung der Nachbarvölker hinausliefe. Gegen Ende unseres Lebens wollen wir, die Flüchtlinge und Vertriebenen, darüber offen reden und uns unseres Schicksals vergewissern.

   

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