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der Landsmannschaft Schlesien - Nieder- und Oberschlesien e.V.
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Nr. 07/2007 01.Februar 2007
- Wurzeln einer schwierigen Nachbarschaft -
- Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien –
Spätestens seit der Regierungsübernahme durch die Partei der Brüder Kaczynski in Polen ist vielen in Europa klar geworden, dass in der polnischen Nation nationalistisches Denken und Handeln einen entscheidenden Rang einnehmen, der seinesgleichen sucht. Dieser Nationalismus beschränkt sich nicht allein auf die auf der Rechten angesiedelten Parteien, sondern durchzieht alle Gesellschaftsschichten, alle gesellschaftlich relevanten Verbände einschließlich der katholischen Kirche.
Die Überhöhung der Nation macht anderen Ländern, insbesondere Deutschland zu schaffen. Für die eigene Nation scheut man auch nicht vor Geschichtsklitterung, vor allem der Ausblendung dunkler Seiten des Landes zurück. Der Begriff „Geschichtspolitik“ wurde unlängst von zwei der Regierung nahestehenden Publizisten vorgeschlagen. Der polnische Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski formulierte es so: Das polnische Nationalbewusstsein müsse konsolidiert und der Stolz der Polen gehoben werden. Viele konservative Intellektuelle sehen in einer solchen Geschichtspolitik das geeignete Instrument, den tief gespaltenen und wirtschaftlich verunsicherten Polen wieder zu gesellschaftlicher Solidarität und Würde zu verhelfen.
Bisher war Polen auf das eigene Schicksal fixiert, wobei der Zweite Weltkrieg im Mittelpunkt des öffentlichen Gedenkens stand. Nicht das Leid Einzelner, die Menschenrechtsverletzungen an ihnen bewegen, sondern die verletzte Nation, die durch den deutschen Einmarsch gedemütigt wurde. Die deutsche Sicht, die das individuelle Unrecht betont, bleibt dabei als Sekundärphänomen auf der Strecke. Staatsdoktrin wurde die polnische Opferrolle, den Deutschen sieht man nur als Täter. Täter dürfen keine Opfer sein. „Die Opferrolle ist günstiger, weil man daraus Ansprüche stellen kann“, zitiert der aus Gleiwitz stammende deutsche Schriftsteller Wolfgang Bittner einen Polen, der das ausspricht, was wohl die Mehrheit glaubt.
Die späte Ehrung des Antisemiten und Nationalisten Roman Dmowski durch ein Denkmal an hervorragender Stelle in Warschau im November 2006 hat polnisches Nationalgefühl für alle sichtbar gemacht. Auch heute greifen die Wächter über die polnische Geschichte wieder auf alte Muster Dmowskis zurück, um aufkeimende andere Meinungen zu diskreditieren. Besonders im Fadenkreuz stehen dabei Homosexuelle und Juden, denen mit demselben Vokabular wie in der Zwischenkriegszeit begegnet wird. Widersacher der reinen Lehre werden schlechthin zu Feinden der polnischen Familie und Nation erklärt.
In Polen werden sowohl das von polnischen Einwohnern begangene Massaker an Juden in Jedwabne als auch ein Zentrum gegen Vertreibungen als Fundamentalangriff auf die eigene Seele empfunden, weil die Polen in beiden Fällen zu sehr in die Täterrolle gedrängt werden. Dies widerspricht ihrem Heldenmythos und erzeugt heftige Gegenreaktionen im Innern wie nach außen. Große Gedenkveranstaltungen und neue Mahnmale, eine heftige Kampagne gegen Deutschland, speziell gegen die Vertriebenen, zeugen davon.
Auf deutscher Seite wurde dem polnischen Nationalismus über Jahrzehnte Vorschub geleistet. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) berichtete am 24.12.2005 über eine Tagung des Stettiner Instituts für Nationales Gedenken in Darmstadt, dass das Schema deutsch-polnischer Begegnungen noch einmal offen legte. Danach war der Ablauf immer der gleiche: „Erst referierten deutsche Historiker über die unheilbare Wirkung negativer (Polen-) Klischees und ihre Instrumentalisierung durch das preußische und das national-sozialistische Deutschland, dann saß die polnische Seite noch einmal über Westdeutschland zu Gericht und legte eine lange Beschwerdeliste über das Fortwirken antipolnischer Tendenzen in Geschichtsbüchern, Zeitungen, Parteien und Landsmannschaften vor“. Deutsche Beiträge erfolgten regelmäßig nur aus einer Defensivhaltung, die nicht geeignet waren, Nachdenklichkeit bei Polen über eigene Missetaten hervorzurufen. Sie betrafen regelmäßig Randprobleme wie den deutschen Rechtsextremismus oder die Schirmherrschaft über Vertriebenentreffen, bestärkten also Polen in ihrer Haltung, ohne dass auch nur den Ansatz für eine deutsche Position erkennbar zu machen.
Wer fühlt sich durch dieses Verhalten des Gegenübers nicht bestätigt? Polen konnte es sich ersparen, kritisch über die jüngste Vergangenheit nachzudenken. Es wird deshalb noch ein langer Prozess sein, bis das Nachbarland ein unverkrampftes Verhältnis zu seiner Geschichte bekommt, dunkle Seiten nicht mehr ausblendet und die eigene Nation nicht überhöht, sondern europäischem Denken mehr Raum gibt.
Ob allein eine Zeitverschiebung ursächlich für die polnische Eigenart ist, Geschichte und Nation anders wahrzunehmen als andere, darf allerdings bezweifelt werden. Die kommunistische Gesellschaft hat sicher individuelles Denken zurückgedrängt, die Gemeinschaft stand im Vordergrund, jedoch ist dies nicht Grund allein. Andere Nationen mit einer kommunistischen Zwangsherrschaft zeigen keineswegs diesen überbordenden Nationalismus. Polenkenner wissen, dass Polen sich schon früher keineswegs anders verhielt als heute. Erinnert sei an die Minderheitenpolitik zwischen den beiden Weltkriegen, die unter der von Dmowski ausgegebenen Zielsetzung stand, ein möglichst ethnisch reines Polen zu schaffen. Nicht nur Deutsche, sondern auch Litauer, Ukrainer, Weißrussen und Juden waren Opfer dieser Politik. Nach dem Zweiten Weltkrieg gipfelte der Rassismus in der brutalen Vertreibung der Deutschen, die hunderttausenden das Leben kostete. Allein mit der vorangegangen Besetzung des Landes und der Missachtung von Menschenrechten in größtem Ausmaß durch deutsche Besatzer ist dieses Verhalten nicht zu erklären. Wie auch anschließende Pogrome gegen Juden zeigten, hatte diese Gewalt ihre Wurzel vor allem in dem Nationalismus, dem auch der polnische Klerus unterlag. Das Vorgehen gegen die deutschen Amtsbrüder sind Beleg hierfür. Beschämend auch ein Brief des Bischofs von Kattowitz, Stanislaw Adamski, vom 27.07.1945 an den Minister für öffentliche Verwaltung in Warschau, der die brutalen Aussiedlungsmethoden beklagt, allerdings nicht im Sinne eines Einsatzes für die betroffenen Menschen, ihm lag lediglich das Ansehen Polens am Herzen. Er bezeichnete die Art der Austreibung der Deutschen als kompromittierend für Polen, was auf internationaler Ebene und auf der Friedenskonferenz zu Schwierigkeiten führen könne. Solche Missbräuche können im Ausland als Beweise für Unfähigkeit der Polen im Umgang mit anderen Völkern ausgelegt werden, so heißt es weiter. Wie tief muss der Nationalismus in einem hohen Kirchenführer sitzen, dass er zu einer solchen Herzlosigkeit gegenüber Menschen fähig ist?
Es bleibt für uns, für die Europäer die Hoffnung, dass ein langer Läuterungsprozess, unterstützt durch die Länder der Europäischen Gemeinschaft, Veränderungen im polnischen Denken bewirken. Dies wird umso länger dauern, je mehr Verständnis für die besondere polnische Ausprägung im Verhältnis zur eigenen Nation entgegengebracht wird und je mehr egoistisches nationales Handeln geduldet wird. Als im Warschauer Sejm ein Gesetzentwurf lag, der der deutschen Volksgruppe die Möglichkeit nehmen sollte, weiterhin Abgeordnete in das Parlament zu entsenden, wurde dieses Unterfangen durch das energische Eingreifen von Kanzlerin Merkel gestoppt. Es wäre zu wünschen, dass bei künftigen nationalen Auswüchsen in Polen in gleicher Weise reagiert und nicht weggesehen wird.
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