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Nr. 16/2007                                                                                                                                                              13.März 2007

 

„Die Flucht“

- Ein zaghafter Versuch eines Tabubruchs -

 Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Nach dem mit viel Medienaufwand angekündigten Fernsehzweiteiler „Die Flucht“ war für uns die erste Frage: Wird dieser Film wieder nur alte Klischees bedienen oder wird er ein ungeschminktes Bild ohne Wenn und Aber vermitteln? Deshalb sei vorweg festgestellt, volkspädagogische Einflussnahmen durchziehen auch hier wiederum die Handlung. Man kann offenbar noch immer nicht Deutsche als Opfer zeigen, ohne gleichzeitig auf ihre Rolle als Täter hinzuweisen. Die Methode der Aufrechnung erfolgt durch Einstreuung in Kommentarform oder es folgen auf brutale Verbrechen der Rotarmisten Szenen von Erschießungen durch deutsche Soldaten. Man könnte zu dem Schluss kommen, die Wehrmacht wäre gleich der Sowjetarmee mordend, plündernd und vergewaltigend in die Sowjetunion eingefallen. Wir wissen, dass es Massenmorde an Juden oder Politkommissaren durch Sondereinsatzgruppen gab, nicht zu vergessen die Übergriffe u.a. bei der Partisanenbekämpfung. Keineswegs gab es aber wahllose Erschießungen oder Massenvergewaltigungen beim Einmarsch der Wehrmacht, deshalb waren auch nennenswerte Fluchtbewegungen in der Sowjetunion nicht zu verzeichnen.

Es ist allerdings das Verdienst der Filmmacher, in einigen Ausschnitten eine wirklichkeitsnahe Darstellung der historischen Ereignisse gezeigt und Betroffenheit und Mitgefühl bei den Zuschauern ausgelöst zu haben. Es bleibt zwar bei einem kleinen Einblick in das damalige Geschehen und das auch nur in abgemilderter Form, dennoch eröffnet sich der Blick für das Schicksal Millionen Deutscher, über das nur wenig bekannt ist. Landesbischöfin Margot Käßmann, selbst aus einer Vertriebenenfamilie stammend, stellte treffend fest, dass zu erzählen hilft, die Vergangenheit zu verstehen. Auch wäre es besser zu erzählen als zu verschweigen und zu verdrängen. Als politische Botschaft fügte sie hinzu: „Frieden und Versöhnung werden erst möglich, wenn Täter Schuld bekennen und die Schicksale der Opfer gehört werden.“ Man sollte aber auch an die für einen Christen selbstverständliche Pflicht erinnern, dass nach dem Bekenntnis versucht werden muss, Unrecht wieder gut zu machen.

Man fragt sich, warum ein Spielfilm über das Thema erst jetzt? Immer stand der Vorwurf im Raum, wenn über deutsche Opfer geredet würde, wolle man Verbrechen Hitlers verschweigen, verkleinern oder man wolle gar aufrechnen. Dabei war es genau umgekehrt, andere versteckten ihre Untaten hinter den Untaten Hitlers und waren deshalb bestrebt, das Reden über deutsche Opfer zu diskreditieren. Für Deutsche war dies demütigend, für die Opfer grausam zugleich. Eine neue Generation, so wird gesagt, könne sich von dem Druck befreien, der auf dem Thema lastet. Etwas zaghaft darum noch immer der Film. Grausamkeiten der Roten Armee werden gekontert mit ebensolchen der Wehrmacht. Die Erschießung ausländischer Zwangsarbeiter in Ostpreußen oder die Hinrichtung deutscher Deserteure in Bayern stehen hierfür. So erbarmungslos wie Spielberg, Eastwood oder Malick im Kino den Krieg zeigen, kann man wohl als Pionier eines Themenfeldes nicht vorgehen, resümierte eine deutsche Zeitung. Was dennoch in der Darstellung vielleicht zu hart erscheint, wird etwas aufgelöst, indem man einige operettenhafte Episoden um das eigentliche Thema einstreut. Die ungewöhnliche Liebesgeschichte einer deutschen Gräfin mit einem französischen Zwangsarbeiter, der sich in die bestehende Beziehung zu einem deutschen Militärrichter drängt, der graziöse Ritt der Gräfin zu Violinenmusik durch den

verschneiten Wald oder das spätere Zusammentreffen mit dem einstigen Zwangsarbeiter in Bayern, zählen hierzu. Geradezu makaber endet der Streifen mit eben diesem Franzosen, jetzt in Diensten des alliierten Kontrollrats stehend, der vor dem in Bayern nach einer langen Odyssee angekommenen Häuflein ostpreußischer Flüchtlinge verkündet, dass jetzt die Schuldigen und Unschuldigen getrennt werden sollten. In Anbetracht der Verbrechen der Sieger an den geschundenen Menschen, eine wohl kaum zu überbietende Geschmacklosigkeit. Schließlich verabredeten die drei Großen von Potsdam ein Verbrechen, das sie den NS-Machthabern als Verbrechen gegen die Menschheit in Nürnberg vorwarfen, nämlich die Vertreibung von Menschen.

Die Vertriebenen müssen noch immer warten auf einen Film, der ungeschminkt und unverwässert die ostdeutsche Apokalypse zeigt. Warten müssen wir auch auf die Darstellung der Vertreibung selbst, die nach der Flucht einsetzte. Noch blieben Vertreiberstaaten wie Polen, die Tschechoslowakei oder Jugoslawien ausgespart. Die Bilanz wurde noch nicht gezogen, das unermessliche Leid der Vertriebenen, die millionenfache Zwangsarbeit, die Lagerhaft und die brutale Austreibung. Vor allem aber auch die Zahl der etwa 2,5 Millionen Todesopfer als Folge dieser Verbrechen verdienen der Erwähnung.

Es wäre ein Erfolg, wenn jetzt mehr über das Schicksal der Vertriebenen gesprochen würde und damit ebenfalls die erheblichen Wissenslücken als Folge der bisherigen Tabuisierung geschlossen werden könnten. Wissenslücken, die im Übrigen auch bei der Diskussion in der Diskussionsrunde „Christiansen“ in der ARD offenkundig wurden. Wenn über die Westverschiebung Polens gemäß der Streichholztheorie geredet wird, sollte man erwarten können, zumindest von Historikern oder Politikern, dass sie unterscheiden können zwischen der Annexion des sogenannten Ostpolen durch die Sowjets und der Annexion Ostdeutschlands durch Polen. Während Ostpolen ein nach dem 1. Weltkrieg von Polen erobertes Gebiet war, handelt es sich bei Ostdeutschland um altes deutsches Reichsgebiet. Während es hier um ein geschlossenes deutsches Siedlungsgebiet ging, wohnten Polen in Ostpolen als kleinere Minderheit zwischen Ukrainern, Weißrussen, Juden und Litauern. Die jetzige polnische Ostgrenze entspricht im Übrigen fast genau der Curzonlinie, die bei der Wiedererstehung Polens 1919 von den Siegermächten festgelegt wurde. Schließlich geht es auch um die richtige Einordnung sowjetischer Gewaltpolitik gegenüber seinen Nachbarn. Die UdSSR fast immer nur als überfallenes Land hinzustellen, das sich eines Angriffs erwehren musste, wobei angesichts des durch deutsche Truppen angerichteten Unheils auch ein gewisses Verständnis für die Gräuel der Sowjets mitschwingt, ist sicher nicht das korrekte Geschichtsbild. Es fehlen die Verbrechen gegenüber anderen Völkern und Ländern, beginnend mit dem Überfall auf Finnland, die Vertreibung von Finnen und die Annexion eroberter Gebiete dort und anderenorts, vor allem auch in den baltischen Staaten. Erstaunlich auch, wie leicht über den Pakt Stalins mit Hitler hinweggegangen wird. Hätte es nicht moralischen Grundsätzen entsprochen, wenn die Westmächte nicht nur Hitlerdeutschland den Krieg erklärt hätten, statt sich mit dem anderen Despoten zu verbünden?

Und wie steht es mit den millionenfach in der Sowjetarmee verteilten Aufrufen zu Mord und Vergewaltigung an Deutschen des russischen Schriftsteller Ilja Ehrenburg? Passen diese Tatsachen nicht in das gewünschte bzw. zugelassene Bild?

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