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Nr. 27/2007                                                                                                                                                              22.Mai 2007

Russisch-estnischer Denkmalstreit führt zu Spannungen

 -         Unterschiedliche Geschichtsbilder als Ursache –

Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Die Geschichte bestimmt noch immer in starkem Maß die Gegenwart. Wäre es nicht so, würde die Versetzung eines sowjetischen Kriegerdenkmals in der estnischen Hauptstadt Tallim (Reval) nicht zu erheblichen Spannungen zwischen zwei Ländern, Estland und Russland, geführt haben. Dabei wurde vor allem deutlich, dass unterschiedliche geschichtliche Sichtweisen einen Streit auslösen können.

Schon häufig waren die drei baltischen Völker, die Litauer, die Letten und die Esten, den Begehrlichkeiten der großen Nachbarn ausgesetzt. Polen streckte im Rahmen seiner Großmachtpolitik seine Hand immer gern gen Litauen, während es Russlands Bestreben war, weitere Stützpunkte an der Ostsee zu bekommen. Die letzte Etappe  des Niedergangs der drei Staaten leitete der Hitler-Stalin-Pakt vom 23.8.1939 ein, in dem das Baltikum – neben anderen Gebieten – der Interessensphäre der Sowjetunion zugesprochen wurde. Schon in den Monaten September/Oktober 1939 forderte Moskau die Länder ultimativ auf, wichtige Land-, See- und Luftstützpunkte der Roten Armee zu überlassen. Am 12. Juni 1940 besetzten sowjetische Truppen dann Litauen und vier Tage später Lettland und Estland, nachdem bereits am 30. November 1939 der Überfall auf Finnland erfolgte.

Die Besetzung brachte der Bevölkerung viel Leid. Hunderttausende wurden deportiert oder vertrieben und, nach dem Modell in anderen Regionen, dafür Russen angesiedelt. Offenbar zum langfristigen Machterhalt durch die im Sowjetbereich tonangebenden Russen. Auf dem Kongress der europäischen Vertriebenen am 30.3.2007 nannte der estnische Geistliche Vello Salo die Zahl von 70 000 Toten allein für Estland (1,3 Mio. Einwohner), die von Sowjets umgebracht wurden, während die deutsche Besetzung zwischen 1941 – 1944 7000 Tote gekostet hatte. Fast das gesamte estnische Offizierskorps war schon 1940 bei der ersten Okkupation durch die Rote Armee umgebracht worden. Zehntausende Esten mussten als Zwangsarbeiter in der Sowjetunion Sklavenarbeit leisten. Auch nach der zweiten Okkupation 1945 gingen bis 1949 neue Terrorwellen der Sowjets durch das Land, denen weitere tausende Menschen zum Opfer fielen.

Die russischen Einwohner in Estland feierten in den letzten Jahren mit zunehmender Aggressivität am 9. Mai den Sieg der Sowjetarmee im Zentrum der Hauptstadt  an dem Denkmal zu Ehren der Rotarmisten, die im Kampf mit der deutschen Wehrmacht gefallen waren. Die Glorifizierung der Sowjetzeit geriet deshalb immer mehr zum Ärgernis der Esten, denn für sie ist das Denkmal ein Symbol für den Überfall auf ihr Land und jahrzehntelange Unterdrückung. Was sollten die Esten also am 9. Mai feiern? Für sie war es eben kein Tag der Befreiung, sondern der Beginn neuer Demütigungen.

Es ist insbesondere der einseitigen Geschichtsbetrachtung der Russen zuzuschreiben, dass es jetzt zur Eskalation kam. Die Verlegung des Denkmals aus dem Zentrum Tallims auf einen Soldatenfriedhof vor der Stadt veranlasste die russische Regierung schon im Vorfeld zu der Drohung mit ernsten Folgen. Moskau schürte die antiestnische Stimmung unter den in Estland lebenden Russen, wodurch es zu größeren Ausschreitungen kam. Offenbar von Regierungsseite gesteuert, belagerten russische Jugendliche die estnische Botschaft in Moskau, rissen die Landesfahne herab, attackierten die Botschafterin bei einer Pressekonferenz und machten zeitweise eine Arbeit in der Botschaft unmöglich. Russische Abgeordnete forderten den Rücktritt der estnischen Regierung. Präsident Wladimir Putin legte bei den Feiern zum 60. Jahrestag des Kriegsendes am 9. Mai nach: „Wer die Denkmäler der Kriegshelden entweiht, beleidigt auch sein eigenes Volk und sät Streit und Misstrauen zwischen den Staaten und Menschen“, so seine Wertung des Vorgangs. Er verbat sich auch jeden Versuch, die Geschichte umzuschreiben, eine Mahnung, die auch von Polen wiederholt an die deutsche Adresse gerichtet wurde. In beiden Fällen wird eigene Schuld völlig ignoriert.

Dankbar nahmen estnische Politiker die Unterstützung durch EU-Partner, vor allem durch Kanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier, entgegen. Allerdings war auch zu hören, dass man etwas mehr erwartet hätte, nämlich eine stärkere Demonstration gegenüber Moskau.

Inzwischen äußerte sich auch Polens Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski zum geplanten Abbau sowjetischer Denkmäler in Polen. Auf kritische Äußerungen aus Russland zu einem Gesetzentwurf, der Regelungen zu Gedenkstätten aber auch zur Entfernung von Symbolen mit Bezug zum Nationalsozialismus oder Kommunismus in Polen, zum Inhalt hat, stellt er fest, dass niemand das Recht habe, sich in der Frage der Denkmäler einzumischen. Polens Kulturminister Ujazdowski wies auf die Souveränität Polens hin. Es ist erstaunlich, dass Polen erst 17 Jahre nach der Wende diese Frage aufgreift. Ist es doch offenkundig, wie extrem wichtig für Polen eigene nationale Symbole und Gedenkorte sind. Kultstätten des Sowjetsystems hätten eigentlich schon früher stören müssen.

Der Aufarbeitung der Geschichte muss in europäischem Rahmen neue Priorität zuerkannt werden. Hierzu bedarf es des wissenschaftlichen Austauschs zwischen den Nationen, aber auch vieler Begegnungen verschiedenster gesellschaftlicher Gruppen. Die Politik muss diese Frage aufgreifen und in Verhandlungen thematisieren. Wie die gegenwärtigen Ereignisse zeigen, kann das Verständnis für die Sichtweise des anderen helfen, Spannungen abzubauen und ist ohne Zweifel friedensstiftend. Sicher kann ohne Überheblichkeit festgestellt werden, dass das deutsche Erziehungswesen, ebenso wie die Medien diesen Grundsatz im Übermaß befolgen. Meist wird erst gefragt, was die anderen denken. Interessen der Deutschen werden kaum erörtert. Die Vertriebenen haben dies über Jahrzehnte erleben müssen. Es wäre gut, wenn auch in anderen Ländern nach den Empfindungen der Deutschen gefragt würde. Dies wird nicht erreicht, wenn die deutsche Seite keine eigenen Positionen einnimmt, sondern nur immer für Forderungen der Gegenseite Verständnis zeigt. Eine Erkenntnis, die man unter der Hand auch von Vertretern aus anderen Ländern hören kann. Diese negative Haltung zur eigenen Nation ist ebenso schädlich wie die Überhöhungen in anderen Ländern.

 

 

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