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Nr. 13/2008 27. März 2008
Bundesregierung beschließt Dokumentationszentrum der Vertreibung
- Wahrheitsgemäße Präsentation ohne politische Vorgaben? -
Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien
Über Jahrzehnte wurde das Gedenken an die Vertreibung kleingeschrieben. In den Schulen kaum ein Thema, in den Medien fast nur in Zusammenhang mit deutschem Unrecht erwähnt oder verbunden mit Vorwürfen gegen die Vertriebenen wegen ihrer angeblichen Unversöhnlichkeit. So geriet das Schicksal der 14 Millionen (eine noch höhere Zahl ergibt sich bei Einrechnung der Auslandsdeutschen) mehr und mehr zu einem Randgeschehen. Ob der Beschluss der Bundesregierung vom 19. März eine Kehrtwende ohne Wenn und Aber bedeutet, wird sich endgültig zeigen, wenn das vom Kabinett verabschiedete Grobkonzept durch die Aufsichtsgremien die endgültige Fassung erhält.
Deutsche ungeschminkt als Opfer darzustellen, liegt weder im Interesse der Vertreiberstaaten noch der Gralshüter des schuldbeladenen deutschen Blicks. Entsprechende Einflussnahmen auf den Inhalt der Ausstellung sind deshalb garantiert. Schon jetzt war aus Zeitungsmeldungen zu entnehmen, dass der Millionen Deutschen gedacht werden soll, „die als Folge der Verbrechen des Nationalsozialismus nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Osten vertrieben wurden“. Die Vertreibung also als Strafe für Unschuldige, auch für politisch oder rassisch Verfolgte des NS-Regimes. Der Kölner Stadtanzeiger sprach sogar ergänzend von Vertriebenen anderer Völker, deren Vertreibung von deutscher Seite verursacht wurde und nannte beispielhaft die 1,5 Millionen Ostpolen aus den wieder an die UdSSR gefallenen Gebieten. Derartige Sichtweisen entstammen nicht nur intellektueller Unordnung von Journalisten, sie sind auch vielen Politikern zu eigen.
Schadensbegrenzung durch Schuldzuweisung an die Deutschen, um Schuld von den Vertreibern zu nehmen, waren von jeher ein probates Mittel auf das man nicht verzichten will. Dabei wird nicht danach gefragt, ob eine Verbindung zwischen NS-Verbrechen und der Vertreibung von Deutschen überhaupt hergestellt werden kann. Schließlich war eine Vertreibung 1945 schon ein Verbrechen gegen die Menschheit, das auch im Kriegsverbrecherprozess gegen Führer des NS-Staates in Nürnberg Anklagepunkt war. Mit Recht hat Ex-Bundespräsident Herzog in einer Rede am 8.9.1996 festgestellt, dass die Vertreibung nicht Strafe, sondern Rache war, aber „vor allem war sie ein Instrument der sowjetischen Expansionspolitik die Völker und Staaten auf der Landkarte hin- und herschob, um in der Mitte Europas die Herrschaft des Sowjetsystems zu etablieren“.
Schaut man auf die vielen anderen vertriebenen Volksgruppen in Europa, vor allem die es am Ende des Krieges getroffen hat, so werden die eigentlichen Gründe für dieses Verbrechen deutlich, nämlich Nationalismus, Rassismus und Imperialismus. Dies sollte nicht verwischt werden. Will das Erinnerungs- und Dokumentationszentrum seine Aufgabe erfüllen, zu einer dauerhaften Ächtung von Flucht und Vertreibung beizutragen, dann ist Wahrhaftigkeit angesagt. Hierzu gehört im Übrigen auch, das Potsdamer Protokoll vom 2.8.1945 nicht länger als Vertrag darzustellen, das die Vertreiberstaaten, so zumindest die Sicht von Polen, Tschechen und Slowaken, zu Vertreibungen gezwungen hätte.
Wenn geplant ist, durch Darstellung von Einzelschicksalen die menschenrechtliche Dimension für die Betroffenen dem Publikum zu eröffnen, so wird diese Absicht durch die falschen Bezüge zu angeblichen Verantwortlichkeiten konterkariert. Mitgefühl bleibt begrenzt.
Gesucht wird der wohlwollende Blick der Nachbarn. Nicht anders verstanden werden kann die Tatsache, dass das in Deutschland bis zur Entscheidung der Bundesregierung geheim gehaltene Konzept in Polen bereits bekannt war und am Tage des Beschlusses in einer polnischen Tageszeitung veröffentlich wurde. Staatsminister Neumann war wohl über das Einlenken Polens so erleichtert, dass er vergaß, mit der eigenen Bevölkerung darüber zu sprechen, kommentierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Wie weit wird die Rücksichtnahme auf die Vertreiberstaaten noch gehen? Es sollen Brücken zu Deutschlands Nachbarn geschlagen, das Zentrum soll generell der Verständigungspolitik dienen und ein Ort des Dialogs werden, war zu lesen. Eine durchaus löbliche Absicht, wenn damit nicht Abstriche an den geschichtlichen Abläufen einhergehen. Wie weit die Anpassung historischer Fakten an politischen Leitgedanken gehen kann, ist im Schlesischen Museum in Görlitz zu besichtigen. Ein schlimmes Beispiel lieferte ebenso die Ausstellung „Flucht, Vertreibung und Integration“ des Bonner Hauses der Geschichte, die folglich auch in Polen gelobt wurde. Hierauf soll das neue Dokumentationszentrum aufbauen, wie es in verschiedenen Zeitungen hieß. Was uns daraus erwartet, kann aus einem Beitrag der Tageszeitung (taz) entnommen werden. Hier hieß es u.a.: „Bedenken bestehen wegen der Europäisierung des Vertriebenenschicksals und im 20. Jahrhundert eine neue Ideologie zu konstruieren.
Mit ihr würden die Spezifika des "deutschen Weges und der damit verbundenen deutschen Verantwortung eingeebnet. Dagegen gelang es dem Haus der Deutschen Geschichte, durch die Konzentration auf das Deutschland der Nachkriegszeit ein detailreiches, realistisches, oft bewegendes, aber nie emotional überwältigendes Bild zu zeichnen, das noch in ein "Happy End" mündete, nämlich in die schließlich geglückte Integration der Vertriebenen in das Nachkriegsdeutschland. Auch fehlte nicht der Nachweis der friedens- und entspannungsfeindlichen Politik des BdV. Auf dieser Ausstellung soll das beschlossene Dokumentationszentrum aufbauen......
Voraussetzung ist allerdings, dass die Opfer-Mythologen und Geschichtspolitiker beiderseits der Oder an dem künftigen Beratertisch für das Zentrum Platz nehmen müssen, aber keinen Einfluss auf die endgültige Gestalt nehmen".
Wir wissen also, was uns von so manchen zugestanden werden soll. Ein Dokumentationszentrum muss das Schicksal der Vertriebenen in den Mittelpunkt rücken, das Menschenrechtsverbrechen unverfälscht darstellen, ohne Rücksicht auf Empfindlichkeiten der Täter oder übergeordnete politische Überlegungen.
Alles andere heißt, die Würde der Opfer zu beschädigen. Es sind berechtigte Zweifel angebracht, ob die Handelnden sich allein hiervon leiten lassen.
Als kürzlich der Ministerpräsident des Landes NRW, Jürgen Rüttgers, Frankreich besuchte, fand er an der Gedenkstätte für die 4500 von deutscher Hand umgebrachten Widerstandskämpfer in Mont Valèlieren ergreifende Worte: "Wir können, wir dürfen diesem Sterben keinen Sinn geben. Kein Zweck (.....) vermag diesem Tod etwas abzugewinnen. Aber: Die, die für dieses Morden verantwortlich waren, haben nicht gewonnen. Die Freiheit hat gesiegt," so Rüttgers. Es bleibt zu hoffen, dass auch die über zwei Millionen Vertreibungstoten, darunter mehrere hunderttausende Ermordete, durch eine wahrheitsgetreue Präsentation dem Dunkel des Vergessens entrissen werden.
Abdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet.
Belegexemplar erbeten. Erscheint nach Bedarf.