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Nr. 23/2008 23. Juni 2008
Keine Urheberschaft Polens?
- Polnische Historiker streiten über die Vertreibung -
Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien
Wenn ein bisher angesehener polnischer Zeithistoriker plötzlich im Mittelpunkt übler Beschimpfungen und Polemiken steht, muss es um ein Thema gehen, das die polnische Volksseele in hohem Maße erregt. "Fünfte Kolonne, Verräter, Deutschenknecht" sind Vokabeln, die sich gegen Wlodzimierz Boroziej richten, einen Professor an der Warschauer Universität. Ankläger ist ein polnischer Kollege, gleichfalls Historiker und auf sowjetische Verbrechen spezialisiert, der auch bei uns bekannte Bogdan Musial. Angeführt von dem meinungsbildenden Blatt der Rechten, der Rzeczpospolita, widmen Zeitungen der Auseinandersetzung Artikelserien, die Fachwelt meldet sich zu Wort, Parteien der nationalen Rechten erregen sich wegen der Schmach, dass ausgerechnet polnische Historiker "der Fälschung der Geschichte durch die Deutschen" Argumente liefern. Worum geht es? Angegriffen wird das Werk von Wlodzimierz Borodzij, der zusammen mit Hans Lemberg, einem Osteuropahistoriker, im Jahr 2000 u.a. eine Quellenedition zur Vertreibungsgeschichte herausgegeben hat. Musial meint, in dem Werk werde die These von der polnischen Urheberschaft propagiert. Er begründet dies damit, dass nur Dokumente aus polnischen, nicht aber aus Moskauer Archiven berücksichtigt wurden. Dadurch werde der Eindruck vom unschuldigen Stalin und von den "bösen Polen" genährt. Selbst eine Mitverantwortung Polens an der Vertreibung hält Musial für das "verzerrte deutsche Bild von der polnischen Geschichte", das auch der kommunistischen Propaganda der vergangenen Volksrepublik entspreche. In Wahrheit sei Stalin der eigentliche Urheber gewesen.
Kritische Beobachter des Streits bewerten die Fakten, insbesondere das Werk von Borodziej/Lemberg differenzierter. Zwar werde die Rolle Stalins als treibende Kraft nur kursorisch erwähnt, jedoch finde sich von der polnischen Urheberschaft keine Spur. Die Autoren verwenden dagegen viel Mühe darauf, den von Deutschland begonnenen Krieg als Erstursache der Vertreibung und außerdem die bestimmende Rolle der Briten, Amerikaner und Sowjets herauszustellen. Allerdings beleuchten sie auch die Politik der polnischen Exilregierung in London, die Gedanken der Entdeutschung der später annektierten Gebiete entwickelt hatte. Sie verschweigen auch nicht, dass die polnischen Behörden nach Kriegsende diesen Plan so rigoros umsetzen, dass sogar die Rote Armee sie dabei bremsen musste. Schon in seinem Abschlussbericht "Der Komplex der Vertreibung" vom 7.12.1996 war Borodziej zusammen mit Artur Hajnicz auf das verbrecherische Handeln gegenüber den Deutschen eingegangen. Dabei zitierten sie u.a. aus einem Bericht einer Sonderkommission des ZK der Polnischen Arbeiterpartei, in dem von einer furchtbaren Willkür und von grausamen Verbrechen durch die polnische Miliz und den Sicherheitsdienst die Rede ist. Borodziej aber als Freund der Deutschen zu bezeichnen, ist sicher verfehlt. Die zuvor wiedergegebenen Ausführungen können nur als Ansatz gesehen werden, sich zumindest teilweise der Wahrheit zu stellen. An anderer Stelle des Abschlussberichts werden im Übrigen auch stark nationalpolnische Argumente vertreten, so die unhaltbare These, Deutschland wäre wegen des Ribbentrop-Molotow-Pakts von August 1939 verpflichtet gewesen, territoriale Verluste auszugleichen (Rekompensationspflicht), die Polen durch die Sowjetunion erlitten hatte. Dass es sich dabei um ein Gebiet handelte, dass Polen sich in einem Eroberungskrieg 1920 von der Sowjetunion einverleibt hatte und in dem nur ca. 15 % Polen lebten, bleibt dabei außerhalb der Betrachtung, ebenso wie das Gebiet um Stettin, das Polen laut Potsdam gar nicht zur Verwaltung unterstellt wurde.
Auch wenn Schwachstellen dieser Art zu bemängeln sind, bleibt Bordziej einer der wenigen polnischen Wissenschaftler, die sich um eine Aufarbeitung der polnischen Geschichte bemühen. Auch im Ausland gilt er als Koryphäe, zumal er auch durch weitere Arbeiten wie ein Standardwerk zum Warschauer Aufstand 1944 und über den Widerstand im besetzten Polen hervorgetreten ist. Vor kurzem wurde er beauftragt, das Konzept für das Museum der Europäischen Geschichte in Brüssel auszuarbeiten. Beteiligt ist er auch an dem Großprojekt des deutsch-polnischen Schulbuchs. Als ich vor ca. 4 Jahren an der Universität Frankfurt/Oder an einer Veranstaltung (Leitung Gesine Schwan) teilnahm, zu der auch eine Reihe führender Politiker und Wissenschaftler, u.a. Borodziej, gekommen waren, hatte ich aufgrund der Diskussion und in einem persönlichen Gespräch durchaus den Eindruck, dass er polnische Positionen nicht aufgegeben hat.
Sein Widersacher Bogdan Musial ist Experte für sowjetische Verbrechen. Verdienstvoll sind die Resultate seiner Forschungen über die expansionistische bolschewistische Militärstrategie und Außenpolitik zwischen 1920 und 1941, die sich auf russische Quellen stützen. Im Ergebnis kommt er dabei zu der Aussage, dass die Sowjetunion den Schlüssel zur Weltrevolution in Deutschland sah, zu dem allerdings ein antirussisches und reaktionäres Polen den Weg versperrte. Nachdem die militärische Auseinandersetzung mit Polen 1920 keinen Erfolg gebracht hatte, versuchte man das Hindernis durch eine Vertragspolitik (Rapollo 1922, Ribbentrop-Molotow-Pakt 23. August 1939) aus dem Weg zu räumen. Durch die Teilung des Landes im September 1939 bestand nun eine gemeinsame Grenze mit Deutschland. Musial berichtet über gewaltige Kriegspräparationen ab Frühjahr 1941, die gegen Deutschland gerichtet waren. Den durch den deutschen Einmarsch auf sowjetisches Territorium begonnenen Krieg sieht er dennoch nicht als Präventivschlag, weil Deutschland nach seiner Meinung weder Kenntnis von der Schlagkraft der sowjetischen Streitkräfte noch von den Angriffsvorbereitungen gehabt haben soll. Zwar ist dies kaum vorstellbar, aber jede andere Schlussfolgerung würde einer Revolution gleichen.
Musial gehörte auch zu den Kritikern der von Philipp Reetsma verantworteten Wehrmachtsausstellung, die wesentlich dazu beitrugen, dass die die deutschen Soldaten diskreditierenden Fälschungen herausgenommen werden mussten.
Die Ergebnisse der Arbeiten beider Wissenschaftler sind in wesentlichen Teilen auch für uns von hohem Wert. Jedoch sind sowohl Borodziej als auch Musial noch zu sehr national-polnisch, jeder aus einer anderen Sicht, um den Blick für objektive Bewertungen immer frei zu haben. Wenn beide jetzt vom jeweiligen anderen Lager ein bestimmtes Etikett aufgeklebt bekommen, schadet dies insgesamt der Aufarbeitung der Vergangenheit in Polen. Auch zu unserem Nachteil. Redliche Diskussion ist gefragt, nicht emotionale öffentliche Diffamierung.
Abdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet.
Belegexemplar erbeten. Erscheint nach Bedarf.