ps    Pressedienst Schlesien

Presseinformationen der Landsmannschaft Schlesien - Nieder- und Oberschlesien e.V.

Bundesgeschäftsführung: Dollendorfer Str. 412, 53639 Königswinter, Tel.: (02244) 9259-0, Fax: (02244) 9259-290

Nr. 24/2008                                                                                                                                                  07. Juli 2008

Für die Ächtung von Vertreibungen arbeiten

- Was wirklich hilft -

Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Nicht zu vergessen reicht nicht, überschrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) einen Leitkommentar, der sich mit den gerade erfolgten Entschuldigungen Kanadas und Australiens gegenüber ihren Ureinwohnern befasste. Untersucht wurde dabei die Frage, wie künftig Grausamkeiten, wie sie die Inuits und Metis in Nordamerika sowie den Aboriginals in Australien erleiden mussten, vermieden werden können. Dabei geht es nicht allein um die Verdrängung dieser Volksgruppen und die Inbesitznahme des Landes durch die eingewanderten Siedler, schlimmer noch fällt ins Gewicht die Zwangsassimilierung, einhergehend mit einem Umerziehungsprogramm für die Kinder, die ihren Familien entrissen und in Heimen oder Missionsschulen in staatlichem Auftrag ihrer Herkunft, einschließlich ihrer Sprache, entfremdet worden waren. Die weit gehende Auslöschung der Kultur dieser Volksgruppen war die Folge.

Die Methode der Zwangsassimilierung ist uns auch in Europa bekannt, die Vertreiberstaaten gaben hierfür ein Beispiel. Nach der Landnahme und der Vertreibung des ganz überwiegenden Teils der Deutschen erging es dem verbleibenden Rest kaum anders als den Ureinwohnern in Amerika oder Australien. Mit dem Verbot der deutschen Sprache und deutscher Kulturpflege sollte die Polnisierung der Deutschen, die Zwangsassimilierung in die polnische Gesellschaft vollzogen werden. Dass auch sie weitgehend geglückt ist, steht außer Frage, wenn man sieht, wie wenig heute die deutsche Sprache bei unserer Volksgruppe in Schlesien noch beherrscht wird. Im Unterschied zu den genannten Beispielen der kanadischen und australischen Regierungen kommt es Warschau allerdings nicht in den Sinn, die von Polen begangenen Verbrechen einzugestehen, geschweige denn, sich zu entschuldigen. Aus polnischer Sicht besteht hierfür auch keine Notwendigkeit, weiß man doch, die Deutschen werden nie eine solche Forderung stellen. Sie werden noch nicht einmal Vertreibungsverbrechen zur Sprache bringen oder auf heute bestehende Probleme für die Menschen aufmerksam machen. Größtmögliche Unterstützung und Zuwendung durch Deutschland ist Polen gewiss, dessen kann man sicher sein. Eigene Anstrengungen zu unternehmen für die Lösung offener Fragen oder die Verständigung sind in dieser komfortablen Position nicht erforderlich. Der in Deutschland erkennbare Eifer, jegliche Aktivität gen Osten unter die Prämisse polnischen Wohlwollens zu stellen, schadet letztlich der Aufarbeitung der Vergangenheit, ist sogar schädlich für die Verständigung. An die mahnenden Worte des tschechischen Politikwissenschaftlers Dobzal, deutsche Entschuldigungen und Geldleistungen hätten Spannungen verschärft statt abgebaut, sei erinnert.

Was ist zu tun? Der Kommentator der FAZ nennt zwei elementare Einsichten, die zu beachten sind. Nicht volkspädagogisches Moralisieren, Vergangenheitsarbeit oder Erinnerungszwang schützen vor Wiederholungen, sondern wie der Sozialphilosoph Max Horkheimer feststellte, die ehrliche gesellschaftlich-historische Aufklärung. Gewalt wird nach seiner Theorie nicht nur aus niederen Motiven, sondern auch häufig im Namen des Guten ausgeübt. Letztere sieht er sogar als schlimmste Form der Tyrannei an.

Demütigungen und Gewalt wegen einer bestimmten Volkszugehörigkeit erzeugen bei den Menschen verheerende Wirkungen, die auch zu dauernden psychischen Schäden führen können. Für die damit verlorene Selbstachtung der betroffenen Volksgruppen war die Entschuldigung der Regierungen Kanadas und Australiens von fundamentaler Bedeutung, weil sie als Ausdruck der Scham empfunden wird, die Gedemütigten fühlen sich in ihrer Würde bestätigt. Dies wiegt mehr als ein materieller Ausgleich, der aber selbstverständlich nebenher erfolgen muss, um Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit der Entschuldigung zu dokumentieren. Von der Welt wird beides als ein Signal wahrgenommen, das fortan als Verhaltensregel in den Köpfen bleibt.

Entschuldigungen oder Entschädigungen für die deutschen Opfer sind von den Vertreiberstaaten wohlgemerkt demgegenüber nicht zu erwarten. Die deutsche Politik hat dieser Haltung über Jahrzehnte zugearbeitet und die betroffenen Länder in ihrer Auffassung bestärkt. Damit bleiben das verletzte Rechtsgefühl und das erlittene Unrecht als schmerzende Wunde im Gedächtnis der Vertriebenen, die auch immer wieder durch Geschichtsfälschungen und Verleugnung jeder Schuld neu aufgerissen wird. Wie der Historikerstreit gerade aufgezeigt hat, bestreitet Polen mehrheitlich seine Verantwortung an der Vertreibung und möchte die Schuld hierfür den Alliierten oder Stalin zuschieben. Wer als Deutscher polnische Verbrechen bei der Vertreibung anspricht, läuft Gefahr, dafür wegen "Beleidigung des polnischen Volkes" bestraft zu werden. Verurteilungen sind bereits erfolgt. Besonders schmerzlich ist für viele Landsleute bei Besuchen in der Heimat, erleben zu müssen, wie polnischer Nationalismus die Geschichte beherrscht. Von wieder gewonnenen Gebieten, die nach Polen zurückgekehrt und von Deutschen, die in ihre Heimat Deutschland zurückgewandert sind, ist hier oftmals die Rede. Dass damit keine Zeichen der Verständigung und der Zuwendung ausgesandt werden, scheint die offizielle Politik in Deutschland nicht zu stören. Man erwartet vielmehr, dass die Vertriebenen Demütigungen dieser Art hinnehmen und sich ohne Entgegenkommen der anderen Seite voll der Verständigung verschreiben. Mit eigenen berechtigten Forderungen aufzutreten, wird als Verstoß gegen die politische Korrektheit abgelehnt. Wer fordert, den drängt man ins politische Abseits, denn er stört die Beziehungen zu Polen und anderen Vertreibern. Die "Political Corrections" steht über den Menschenrechten. Dabei stellt man die Tatsachen auf den Kopf: Nicht wer Menschenrechte einfordert stört die Beziehungen zu anderen Ländern, sondern derjenige, der Menschenrechte missachtet.

Da eine Haltung seitens Polens und anderer wie im Fall Kanada und Australien nicht zu erwarten ist, bleibt den Vertriebenen nur, auf ihre Rechte aufmerksam zu machen und dabei auch Rechtsfrieden durch Inanspruchnahme internationaler Gerichte einzufordern. Allein in Erinnerungskultur zu verfallen, wie sie in Vertriebenenzentren zu finden sein sollen, heißen sie nun Zentrum gegen Vertreibungen oder sichtbares Zeichen, ist kein geeignetes Mittel dafür, Vertreibungen künftig zu ächten. Aber um die Ächtung geht es. Es kann nicht das Signal an die Welt gehen: Vertreibungen lohnen sich. Als Opfer der größten Vertreibung der Menschheitsgeschichte sind wir in der Pflicht, durch unser Handeln Menschen in Zukunft vor Vertreibungen zu bewahren.

 

Seite zurück

Abdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet. Belegexemplar erbeten. Erscheint nach Bedarf.