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Nr. 02/2009 05. Januar 2009
Haus der Europäischen Geschichte geplant
- Heftige Kritik aus Polen an dem Projekt in Brüssel -
Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien
Was Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl in einer Rede kurz nach seinem Regierungsantritt 1982 für Deutschland auf den Weg brachte, soll nun in ähnlicher Form auch in Brüssel für das geeinte Europa entstehen. Das 1994 mit einer Dauerausstellung eröffnete Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn befasst sich nach seiner Grundkonzeption mit der Entwicklung der Bundesrepublik und zeigt schwerpunktmäßig die einzelnen Phasen des Aufbaus nach 1945. Ähnlich konzentriert sich die von einem Sachverständigengremium vorgelegte Konzeption auf die Entwicklung des zusammenwachsenden Europas bis zum heutigen Tage. Vor allem möchte man zeigen, dass ein vereintes Europa auf der Basis gemeinsamer Werte in einer Welt des Fortschritts in Freiheit friedlich zusammenleben kann. Dabei sollen vier Themenkomplexe behandelt werden: die Ursprünge Europas, das Europa der Weltkriege, die Zeit nach 1945 und ein Abschnitt, der die gegenwärtige Entwicklung kritisch beleuchtet.
Obgleich das Sachverständigengremium mit neun Personen international besetzt ist (Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, Finnland, Portugal, Ungarn, die Niederlande sowie Polen stellen je einen Vertreter) und ein für die beteiligten Experten konsensfähiges Papier vorgelegt wurde, entbrannte schon bald darüber in Polen eine heftige Diskussion. Insbesondere sah man polnische Aspekte zu wenig gewürdigt. Zwar verwies der deutsche Vorsitzende, der Präsident des Hauses der Geschichte in Bonn, Hans Walter Hütter, Diskussionen in den Kontext der jeweiligen Innenpolitik, jedoch kann aufgrund der Erfahrungen mit dem von Polen angezettelten Streit über das Zentrum gegen Vertreibungen nicht damit gerechnet werden, dass man auf der europäischen Ebene Ruhe geben wird. Zu heftig und vielfältig ist die Kritik schon jetzt.
Nach Hütter muss ein europäisches Haus der Geschichte mit den Nationen und Regionen kommunizieren können, zum Beispiel über Wechsel- und Wanderausstellungen. Beobachter meinen allerdings, dass er der Auseinandersetzung mit der polnischen Kritik ausweichen will, was sie als keinen guten Anfang sehen.
Das auch vom Präsidium des Europäischen Parlaments verabschiedete Konzept, ist noch nicht veröffentlicht, dennoch nahmen polnische Zeitungen hierzu Stellung, unterstützt von Wissenschaftlern des Landes. Ohne genaue Kenntnis des Papiers fragte der Journalist Piotr Zaremba in der Springer-Zeitung "Dziennik", ob man die Geschichte Europas ohne die Kämpfe mit dem Deutschen Orden oder ohne die entscheidende Rolle der Solidarnosc im Jahr 1989 darstellen könne. Auch den polnischen Angriffskrieg gegen das revolutionäre Russland 1920 deutet Zaremba als heroische Tat, weil Polen damit den Drang der Bolschewiki nach Westen aufhielt, was für Europa wesentlich war. Mit Jaroslaw Gowin meldete sich sogar ein führender Vertreter der Bürgerplattform (PO), der Partei des amtierenden Preministers Tusk zu Wort, der den Journalisten mit der Feststellung
unterstützte, dass es ohne die Solidarnosc keinen Zusammenbruch des Kommunismus gegeben hätte. Sein Parteikollege Krzyszof Piesiewicz, Senator der PO, sieht kein Konzept sondern ein Märchen, wenn die Teilungen Polens und der Widerstand gegen das kommunistische Regime ausgelassen würden.
Piotr Semka, Autor bei der Zeitung "Rzeczpospolita", bemängelte in dem Papier die säkularisierte, auf den Westen, vor allem auf Frankreich und Deutschland, bezogene Sicht. Im einzelnen bemängelte er, dass der positive Einfluss des Christentums auf die Herausbildung von Europa übersehen werde, man spreche dagegen mit einem gewissen Unwillen von den mittelalterlichen klerikalen Systemen. Der Renaissance und der Aufklärung wird dafür zugesprochen, Europa zur Rückkehr zur geistigen Größe geführt zu haben. Wojciech Roszkowski, Professor der Geschichte und Mitglied des Europäischen Parlaments, polonisiert seinerseits in einem Schreiben an EU-Parlamentspräsident Pöttering gegen die Formulierung, Polen habe sich gegen den deutschen Überfall vier Wochen lang verteidigen können, Anfang Oktober 1939 aber der polnische Widerstand endgültig erloschen sei. Dies sei nicht richtig, da es im Land einen massiven Widerstand gegeben hatte, der im Warschauer Aufstand von 1944 gipfelte.
Wohl um zu beweisen, dass die auf den Westen bezogene Sicht dominiert, kritisierte die Historikerin Malgorzata Bonikowska, dass die europäische Kolonialpolitik viel zu gut wegkomme.
Bisher begegnete der Vorsitzende des Sachverständigengremiums Hütter den Einwänden mit dem Hinweis, man könne nur nationale Ereignisse berücksichtigen, die auf die europäische Geschichte insgesamt Einfluss hatten, also die großen Linien dieser Geschichte aufzeigen.
Es wird damit gerechnet, dass es zu heftigen Auseinandersetzungen kommen wird, sobald die internationale Öffentlichkeit an der Debatte um das geplante Museum teilnehmen kann. Polen mit seiner exponierten nationalen Sicht wird dabei in vorderster Front stehen.
Noch gibt es keine Veröffentlichung der Konzeption, es ist damit auch nicht bekannt, welche Stellung die Vertreibung der Deutschen einnehmen wird. Als größte Vertreibung der Weltgeschichte hat dieses Verbrechen nicht nur für Deutschland epochale Bedeutung, sondern hat das europäische Staatengefüge in bedeutender Weise verändert. Nach bisherigen Erfahrungen ist nicht damit zu rechnen, dass die Vertreibung in dem europäischen Museum angemessen dargestellt wird. Ebenfalls nach bisherigen Erfahrungen kann für diesen Fall nicht von Einwänden deutscher Politiker, Medien oder Historiker, schon gar nicht mit einem Aufschrei, ausgegangen werden. Es ist deprimierend aber Realität: Von einer Vertretung deutscher Interessen wird auch in diesem Fall wohl nichts zu spüren sein.
Abdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet.
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