ps    Pressedienst Schlesien

Presseinformationen der Landsmannschaft Schlesien - Nieder- und Oberschlesien e.V.

Bundesgeschäftsführung: Dollendorfer Str. 412, 53639 Königswinter, Tel.: (02244) 9259-0, Fax: (02244) 9259-290

Nr. 03/2009                                                                                                                                                  19. Januar 2009

Verbrechen an Deutschen endlich aufarbeiten

- Fund eines deutschen Massengrabes in Marienburg erschreckt -

 

Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Es ist selten, dass über deutsche Opfer gesprochen wird, sowohl in Deutschland als auch im Ausland. Wir wissen auch warum. Innenminister Schäuble war es vorbehalten, den Vertriebenen darüber reinen Wein einzuschenken. Auf dem Tag der Heimat am 6.09.2008 in Berlin machte er klar, dass die Erinnerungen der Heimatvertriebenen zum gemeinsamen Gut der Deutschen werden konnten, als die Versöhnung ihre Wurzeln geschlagen hatte. Dazu war auch die Aufarbeitung des nationalsozialistischen Terrors, die Aussöhnung mit unseren Nachbarn und das Zusammenwachsen Europas nötig, so Schäuble. Auch das Bekenntnis der Bundesregierung, keine finanziellen oder territorialen Ansprüche zu erheben, zählte er dazu. Für andere Länder war es ohnehin eine komfortable Situation, das ganze Übel des 2. Weltkrieges und der Zeit danach auf deutsche Schultern abladen zu können. "Die eigenen Missetaten durch die deutschen Missetaten zu verdecken ist eine europäische Gewohnheit," auf diese Formel brachte es bekanntlich der ungarische Schriftsteller Peter  Esterhazy bei seiner Rede anlässlich des ihm verliehenen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.

In letzter Zeit hatten die Vertriebenen hin und wieder Grund, sich in ihrem Schicksal gewürdigt zu sehen, allerdings immer mit der Behutsamkeit, die stets an den Tag gelegt wird, wenn man andere Staaten nicht verschrecken will. Darin übte sich wiederholt auch Guido Knopp, so in seiner Fernsehdokumentation über die Vertreibung. Es wird Schadensbegrenzung betrieben, indem Deutsche nur dann als Opfer gezeigt werden, wenn gleichzeitig auf ihre Rolle als Täter hingewiesen wird. Damit kommen deutsche Opfer nicht in die Nähe der Opfer, die Deutschen anzulasten sind. Ein probates Mittel, das auch dem Zweiteiler im Fernsehen "Die Flucht" zugrunde lag. Dabei ging man sogar soweit, die Versenkung des Flüchtlingsschiffes "Wilhelm Gustloff" nicht als Kriegsverbrechen einzuordnen.

Wenn öffentlichen Erinnerungen dieser Art auch ein positiver Aspekt nicht abgesprochen werden kann, die Vertriebenen warten noch immer auf eine Darstellung, die ihnen gerecht wird und vor allem die eigentliche Vertreibung durch die Vertreiberstaaten beleuchtet.

Gerade hat die "Bild"-Zeitung in mehreren Folgen über ein deutsches Massengrab mit 1800 Toten im ostpreußischen Marienburg berichtet. Man brauchte nicht lange zu rätseln, wer die dort verscharrten Leichen waren. Seit Ende des Krieges wusste man bisher nicht, wo 1840 Einwohner Marienburgs verblieben waren. Frauen, Kinder und alte Männer, so ergaben die zwischenzeitlichen Untersuchungen, die chaotisch in einen Bombenkrater geworfen waren, stammen zweifelsfrei aus dieser Stadt. Viele wiesen Schussverletzungen auf, aber auch zertrümmerte Schädel fanden sich zuhauf. Inzwischen fand sich ein Zeitzeuge, ein ehemaliger Marienburger, damals 11 Jahre alt. Er hatte erlebt, wie die Sowjets nach Abschluss der Kämpfe im März 1945 die deutsche Bevölkerung zusammen trieben und dann in Lastwagen abtransportierten. Ihm selbst war die Flucht gelungen. Es ist erfreulich, dass die polnische Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren eröffnet hat und auch in dem Buch "Stadtgeschichte Malbork" auf die Verbrechen an den Deutschen eingegangen wird. Sowjetsoldaten hätten deutsche Frauen und Mädchen vergewaltigt, von grundlosen Schüssen auf Zivilisten ist die Rede. Nicht zerstörte Wohnungen seien von sowjetischen Marodeuren und polnischen Plünderern ausgeraubt worden, heißt es an anderer Stelle. Man wünschte sich, dass Polen ähnlich aufklärerisch wirken würde, wenn es um eigene Verbrechen an Deutschen geht.

Wir wissen, wie schwer sich Polen tat, wenigstens an einem ehemaligen polnischen Todeslager eine Gedenkstätte zu errichten. Die Zahl der umgebrachten oder der aufgrund bewusst herbeigeführten Lebensbedingungen verstorbenen Deutschen im Lager Lamsdorf wurde immer wieder nach unten gedrückt. Entsprechend wenige Namen erscheinen auf der Gedenktafel. Nach vielen Bemühungen der Deutschen in Oberschlesien gelang es, wenigstens einen Hinweis auf ein weiteres Todeslager, das ehemals bei Kattowitz eingerichtete Zgoda anzubringen. Man vermisst auch Gedenktafeln an Orten, an denen Deutsche für den Abtransport zusammengetrieben wurden.

Auch die Westalliierten verhalten sich kaum anders. Kriegsverbrechen werden weder verfolgt noch aufgearbeitet. Ich erinnere beispielhaft an das Massaker amerikanischer Bombenflugzeuge am 12. März 1945 an ca. 23 000 gerade mit Schiffen evakuierten Flüchtlingen in Swinemünde. Lediglich deutsche Angehörige halten hier jährlich ein Gedenken ab.

In meiner unmittelbaren Nachbarschaft gibt es einen von Einwohnern errichteten Gedenkstein für erschossene deutsche Kriegsgefangene, die sich nach einem Kampf den Amerikanern ergeben hatten. Nach ihrer Gefangennahme vor dem Ort "Spitze" (Rheinisch Bergischer Kreis) wurden sie auf ein Feld geführt und von amerikanischen Soldaten erschossen. Ein Vorfall, der durchaus keine Ausnahme war. Während bei uns Personen noch immer wegen Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt werden, gibt es in anderen Ländern keine Verfolgung der Täter. So stehen diese Staaten sauber da, während Deutschland immer wieder vor der Welt bekundet, nur deutsche hätten Verbrechen begangen. Der Schutz von Zivilpersonen während eines Krieges stand gerade während des israelischen Einmarschs in den Gaza-Streifen zur Diskussion. Unbestritten ist, dass im Krieg nur die Gewalt erlaubt ist, die zur Bekämpfung des Gegners erforderlich ist. In jedem Fall ist die Zivilbevölkerung zu schonen, ein gezielter Beschuss von Zivilpersonen ist in jedem Fall unzuverlässig. Dass die kriegführenden Parteien in der Wahl ihrer Mittel beschränkt sind, vor allem wenn dies unnötige Leiden verursacht, galt schon nach der Haager Landkriegsordnung von 1907. Wie krass Deutschlands Kriegsgegner durch ihre Flächenbombardements von Wohngebieten gegen das Kriegsrecht verstießen, ist offenkundig. Es blieb wiederum Guido Knopp in einem seiner Fernsehfilme über die Geschichte der Deutschen überlassen, dieses Verbrechen als Folge deutscher Bombenangriffe auf Großbritannien darzustellen und nannte dabei die englische Stadt Coventry mit seinen Rüstungsbetrieben. Richtig ist, Coventry wurde im November 1940 bombardiert, deutsche Städte dagegen schon seit Herbst 1939 von britischen Flugzeugen angegriffen. Im Mai 1940 beschloss die britische Regierung den vollen Luftangriff gegen das deutsche Hinterland, obgleich bis dahin noch keine einzige deutsche Bombe über England abgeworfen worden war. Waren zunächst nur Hafen- und Industriestädte wie Hamburg Ziele britischer Bomber, ordnete Churchill bereits am 11. Mai 1940 den ersten großen Luftangriff auf eine offene deutsche Stadt, nämlich Mönchengladbach, an. Die deutschen Luftangriffe, vornehmlich auf London, begannen dagegen am 13. August 1940. Es ist das alte Muster nach dem hier gearbeitet wird: Die Schuld anderer wird mit vorangegangenem Tun der Deutschen begründet, auch wenn dabei gefälscht wird.

Wann endlich wird deutscher Opfer ohne Wenn und Aber gedacht? Wann endlich bekennen sich die ehemaligen Kriegsgegner zu ihren eigenen Untaten und werden damit der Würde der Opfer gerecht? Leider hat es die deutschen Regierungen nie gestört, allein am Pranger der Weltöffentlichkeit zu stehen, sie vermied es sogar, die Tatsachen im Innern beim Namen zu nennen.

 

Seite zurück

Abdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet. Belegexemplar erbeten. Erscheint nach Bedarf.