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Nr. 06/2009                                                                                                                                                  13. Februar 2009

Unterschiedslose Rehabilitierung von Deserteuren?

- Gefühle von Vertriebenen und Soldaten werden verletzt -

Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

 

War ein Deserteur ein besserer Deutscher als ein Angehöriger der Wehrmacht? Diese Frage stellt sich erneut, denn es wird wieder einmal darüber diskutiert, ob die Betroffenen posthum rehabilitiert werden sollen, und zwar unterschiedslos, gleichgültig welcher Grund dem Entfernen von der Truppe zugrunde lag. Diese Botschaft war jedenfalls von Politikern in einer Talkrunde des Fernsehens kürzlich zu entnehmen. Die Absicht wird wohl gespeist von dem immanenten Willen, eine weitere Abrechnung mit dem NS-Staat vorzunehmen, weniger von dem Gedanken, die Ehre der toten Deserteure wiederherzustellen. Vielleicht sollen sie sogar Widerstandskämpfern gleichgestellt werden. 

Waren Sie wirklich die besseren Deutschen? Nimmt man das heutige Verständnis über Gewissenentscheidungen zur Grundlage, könnte man Kriegsdienstverweigerern durchaus Respekt zollen, wenn sie sich der Einberufung widersetzten oder wenn sie sich als Soldat auf ihr Gewissen beriefen. Aber was ist mit den anderen? Mit denen, die wegen eines kriminellen Delikts Fahnenflucht begingen, um einer Bestrafung zu entgehen? Was ist mit denen, die aus ideologischen Gründen Verrat begingen, vor allem sei an die Kooperation mit der Roten Armee erinnert, die vielen deutschen Soldaten den Tod brachte. Aber was ist insbesondere mit denen, die in der Endphase des Krieges der Mut verließ und deshalb ihre Kameraden bei der Verteidigung des Reichsgebiets im Osten im Stich ließen? Der Schutz der flüchtenden Zivilbevölkerung war für sie offenbar kein Thema. Wir haben noch den Film "Die Flucht" über die Versenkung der "Wilhelm Gustloff" vor Augen und wissen deshalb, wie hunderttausende von der deutschen Marine über die Ostsee gerettet wurden, und zwar unter Einsatz des eigenen Lebens. Viele Flüchtlingstrecks auf dem Landweg konnten der Roten Armee nicht mehr entkommen. Die Menschen wurden von Panzern überrollt, ermordet, die Frauen vergewaltigt. Dieses Schicksal hätten noch mehr erlitten, wenn die Soldaten der Wehrmacht den Widerstand gegen die Sowjets aufgegeben hätten. Meine Mutter verließ am 8. Februar 1945 mit zwei kleinen Kindern Breslau mit dem letzten Zug vor der Einkesselung. Bis zum Eintreffen in dem 160 km entfernten Görlitz dauerte es zwei Tage. Immer wieder griffen Tiefflieger den Flüchtlingszug an, Tote und Verwundete waren zu beklagen. Weil die Strecke schon teilweise zum Kampfgebiet gehörte, verzögerte sich die Fahrt ständig bis der Bereich frei gekämpft war. Ihr Leben und ihr Entkommen vor Gräueltaten der Roten Armee haben Millionen dem tapferen Einsatz der deutschen Soldaten zu verdanken. Deserteure haben hierzu nichts beigetragen. Im Gegenteil! Sie haben durch Ihr Verhalten den Kampf zum Schutz von Frauen und Kindern geschwächt. Zumindest in dieser Phase ein verabscheuungswürdiges und kein ehrenvolles Verhalten, das Anerkennung ausschließt. Ich jedenfalls bin den deutschen Soldaten dankbar, die ihr Leben für unser Entkommen eingesetzt haben. Wenn man an eine Ehrung denkt, dann sollte sie ihnen zukommen. Eine pauschale Rehabilitierung von Deserteuren verletzt die Gefühle der Geretteten und beleidigt viele deutsche Soldaten.

Man fragt sich ohnehin, wieso gerade Fahnenflüchtige, die sich vor ihrer vornehmsten Pflicht, dem Schutz der eigenen Bevölkerung, gedrückt haben, gedacht wird. Auf eine Rehabilitierung warten die Vertriebenen genauso lange. In der Welt wird die Vertreibung der Deutschen überwiegend als Bestrafung für NS-Verbrechen gesehen. Damit wird suggeriert, die Vertreibung hätte nur Schuldige getroffen. Selbst in Deutschland wird immer wieder der Versuch unternommen, Ostdeutschland als besonderen Hort des Nationalsozialismus' darzustellen. Wenn in dem Schlesischen Museum zu Görlitz dem NS-Staat viel mehr Raum gewidmet wird als der Vertreibung, so wird man erneut an diese Versuche erinnert.

Eine Rehabilitierung der vielen Millionen Vertriebenen, die keine Täter waren, ist deshalb überfällig und nicht eine Ehrung der schillernden Gruppe von Deserteuren. Eine derartige Geste ist von den Vertreiberstaaten nicht zu erwarten. Von einer deutschen Regierung ist ein Vorstoß gegenüber diesen Ländern ebenso unwahrscheinlich, zu groß das eigene Schuldbewusstsein, das stets neue Varianten von Schuldbekenntnissen hervorbringt. Dieses deutsche Trauma war auch der Grund dafür, dass noch keine deutsche Regierung das Schicksal der Vertriebenen international problematisiert hat. Selbst im Innern fehlt es an eindeutigen Aussagen zu diesem großen Völkerrechtsverbrechen sowie an Zuwendung gegenüber den Opfern.

 

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