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Nr. 14/2009                                                                                                                                                  06. Mai 2009

Die Wissenschaft entdeckt Kriegskinder

- Deutsche Opfer bisher kein Thema -       

Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

 

Die Trauer um die deutschen Opfer kann erst jetzt offen zugelassen werden. Mit dieser Auffassung verblüffte Bundeskanzlerin Merkel viele Teilnehmer des Kongresses der CDU/CSU-Bundestags-Fraktion am 18. März im Berliner Reichstag. Innerhalb der Regierung  wohl eine abgesprochene  Aussage, denn  schon Innenminister Schäuble  hatte  bekanntlich  am 6.9.2009 beim Tag der Heimat in Berlin gegenüber den Vertriebenen  ähnlich  argumentiert, als er mit seiner Aufrechnungsthese die Versäumnisse der Politik begründete.

   “Erst als wir begriffen hatten, dass  begangenes  Unrecht vorausgegangen war, konnte  sich für  unsere Gesellschaft das Tor zu den Erinnerungen der  Vertriebenen öffnen”, so seine Sicht. Politisch war es nicht opportun, an den  seelischen Wunden zu rühren, schrieb jetzt eine große Sonntagszeitung. Die Wissenschaftler wollten lange Zeit nicht in den Verdacht geraten, durch ihre Arbeit die deutschen Verbrechen zu relativieren, wird zur Begründung gesagt.

Auf diese Weise im Stich gelassen, ja durch ständige Attacken psychologisch in die Defensive getrieben, trauten sich viele Vertriebene nicht mehr, über das erlittene Leid überhaupt noch zu reden. In der ehemaligen DDR bedeutete dies sogar Sanktionen durch staatliche Organe. Folglich blieben die Opfer mit ihren schrecklichen Erlebnissen oftmals allein. In der DDR war man inzwischen mit den Vertreiberstaaten verbündet, eine Kritik, die notgedrungen mit einer Erwähnung der Vertreibung verbunden gewesen wäre, konnte deshalb nicht zugelassen werden. In der Bundesrepublik hätte eine Aufarbeitung  den unerwünschten Nebeneffekt gehabt, die Erziehung zu einem Schuldbewusstsein aufgrund der von dem NS-Staat begangenen Verbrechen zu stören.

Die öffentliche Missachtung der durch schwerste Verbrechen traumatisierten deutschen Opfer zeitigte indes schwerwiegende Folgen. Über Jahrzehnte fanden Ärzte und Psychotherapeuten bei  einer großen Zahl von Menschen nicht die Ursache für bestimmte Leiden wie Schlafstörungen, Depressionen, Schmerzen, Ängste. Auf dem o.a. Kongress am 18. März begründete Prof. Hartmut Radebold (Kassel/Marburg ) dies damit, dass über  lange Zeit das Phänomen der Spätfolgen der Kriegskinder nicht beachtet worden sei. Erst neuere Forschungen legten die Zusammenhänge offen. Danach, blieben die schrecklichen Erlebnisse während und  nach dem Krieg, von denen insbesondere Vertriebene betroffen waren, bei 40 % ohne Folgen, 30 % waren jedoch traumatisiert und 30 % geschädigt. Die Universität Greifswald ermittelte durch entsprechende Untersuchungen, dass heute etwa 1,6 ehemalige Kriegskinder seelisch versehrt sind. Hatte man über Jahrzehnte diese Folgen einfach übersehen können ?

Fühlt sich jemand überhaupt verantwortlich für diesen Skandal? Angesprochen sind Politiker, Medien und alle diejenigen, die Erinnerungen mit dem Knüppel des Revanchismusvorwurfs oder des Aufrechnenwollens diskreditierten. Aufrechnen erleben wir allerdings durch andere, die, siehe Schäuble oder Merkel, das Unrecht an Deutschen immer mit vorangegangenem Unrecht in Beziehung setzen und daraus fatale Schlussfolgerungen ableiten. Auch die großen Kirchen des Landes haben die Vertriebenen im Stich gelassen. Die Probleme allein auf die Vertriebenenseelsorge abzuschieben ist einfach zu wenig.

Mit anderen Opfern von Gewalt ging man in Deutschland verantwortlicher um. Kosovo-Albaner, Kurden, Bosnier oder Kindersoldaten aus Afrika erhielten die Fürsorge und die psychologische Betreuung, die erforderlich ist. An die eigenen Landsleute dachte man dabei immer noch nicht. Wenn man die Berichte irakischer Betroffener neben die deutscher Kriegskinder lege, so wisse man oft nicht, welcher von wem stamme, so ähnlich seien die Erlebnisse, bestätigen inzwischen  Psychoanalytiker.

Der Unterschied  bestehe allerdings darin, dass es leicht sei, für irakische Projekte Hilfsgelder zu bekommen, doch für deutsche Kriegskinder nicht. Zwar würde auch ein solches Projekt als spannend gesehen, allerdings sorgt man sich darum, in einen falschen Geruch zu kommen. Nichts bestätigt  die brutale Vorgehensweise gegen deutsche Opfer mehr als dieser  Vergleich. Die einseitige Aufarbeitung von Unrecht hat sich tief im Empfinden der Deutschen niedergeschlagen, sie hat auch Angst erzeugt.

Angst davor, gegen die Staatsräson zu verstoßen und nicht genug Schuldbewusstsein  entwickelt zu haben. So als ob die Kinder von 1945 Täter gewesen sind. Um mit einem Wort eines Palästinensers zu antworten, der Organe seines getöteten Sohnes zur Rettung israelischer Kinder spendet : “Kinder haben keine religiöse und keine nationale Identität. Sie sind unschuldig.”  

Es ist trotz allem ermutigend, wenn jetzt das Thema Kriegskinder nicht mehr mit einem vollständigen Tabu belegt ist. Ob durch die Leichenfunde in Massengräbern in Ostdeutschland ( Beispiel Marienburg ) ein Umdenken gefördert wird, bleibt fraglich.                                                                 

 

 

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