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Nr. 27/2009                                                                                                                                                  09. September 2009

 

Gedenktag 23. August?

Hitler-Stalin-Pakt Grundlage für den Kriegsbeginn

Rudi Pawelka – Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Beim Hitler-Stalin-Pakt dürfe man die Wirkungszusammenhänge nicht ausblenden, so die Aussage von Professor Michael Stürmer auf einem Kongress der CDU/CSU-Bundestagsfraktion am 18. März 2009 im Berliner Reichstag. Was der einstige Berater von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl schlussfolgerte, war lange ein Tabu. Das Zusammenspiel der Diktatoren Hitler und Stalin hatte in der Tat weitreichende Bedeutung für den Verlauf der Weltgeschichte und den Ausbruch des Krieges. Bis Oktober 1938 bekämpften sich die beiden Todfeinde noch unerbittlich. Es war eine Zäsur, als der sowjetische Außenminister Litwinow und der deutsche Botschafter in Moskau, Graf von der Schulenburg, vereinbarten, die gegenseitigen Angriffe in den Medien einzustellen. Grund für diesen Sinneswandel Stalins war sicherlich auch verletzte Eitelkeit, denn die Westmächte hatten im September 1938 mit Hitler das Münchner Abkommen über das Sudetenland geschlossen. Hierdurch fühlte sich Stalin beiseite geschoben. Bemühungen Frankreichs und Großbritannien um ein Einvernehmen mit der Sowjetunion wertete er im März 1939 auf dem achtzehnten Parteikongress als sehr negativ. „Die Westmächte bezweckten, die Sowjetunion gegen Deutschland aufzuhetzen und einen Konflikt zu provozieren“, so sein Resümee. Gleichwohl verhandelte der sowjetische Diktator mit ihnen wenig später über gemeinsame Maßnahmen zum Schutz der an die Sowjetunion angrenzenden Staaten und forderte ein Recht zum Durchmarsch durch Polen und Rumänien, was aber abgelehnt wurde. Anlass für den Vorstoß war die im März 1939 durch Deutschland annektierte so genannte „Rest-Tschechei“.

Als am 11. August 1939 erneut eine britisch-französische Militärmission nach Moskau reiste, um über ein förmliches Militärbündnis zu verhandeln, verstärkte Hitler seine Bemühungen für ein Abkommen mit der Sowjetunion. Im Gegensatz zu den Westmächten konnte er verlockende Angebote machen, denn die vorgeschlagene Abgrenzung der Interessensphären verhieß eine erhebliche Ausdehnung des kommunistischen Landes. In Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Bessarabien und Ostpolen, letzteres hatte sich Polen nach einem Überfall auf das revolutionäre Russland im Mai 1920 angeeignet, konnte Stalin damit schalten und walten wie er wollte. Nach außen hin wurde am 23. August 1939 lediglich ein Nichtangriffspakt geschlossen. Geheime Zusatzprotokolle regelten allerdings die Zustimmung Deutschlands zur Ausdehnung sowjetischer Macht und den Kriegseintritt der Sowjetunion gegen Polen, der dann auch am 18. September erfolgte. Stalin stimmte seinerseits der Ausdehnung Deutschlands auf polnischem Gebiet bis zu einer Linie aus den Flüssen Narew, Bug und San zu. Der anschließende Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 23. September 1939, ebenfalls mit geheimem Zusatzprotokoll, bestätigte diese Festlegungen.

Die betroffenen Völker bezahlten hierfür mit jahrzehntelanger Unterdrückung, mit millionenfachem Tod, mit Vertreibung, Verschleppung und Unfreiheit. Während die Fremdherrschaft in Polen durch Deutschland ein Zwischenspiel von gut fünf Jahren war, dauerte das Martyrium in den sowjetisch okkupierten Territorien bis zum Ende der kommunistischen Herrschaft. Erhebliche Nachwirkungen bestehen bis heute. Von Hitler vertriebene 600.000 – 800.000 Polen, die Platz machen mussten für die Deutschen, die in den der Sowjetunion zugefallenen Gebieten siedelten, konnten zwar 1945 zurückkehren, die Vertreibungen durch Stalin dauern durchweg aber bis heute fort. Jeder achte Finne bleibt nach dem sowjetischen Überfall bis heute vertrieben, das Land annektiert. Hunderttausende verschleppter Balten, Russen wurden dafür in ihrem Land angesiedelt, kehrten nicht zurück, ebenso viele der über einer Million nach Sibirien verschleppter Polen. Für die aus dem Baltikum, Bessarabien oder Galizien „Heim ins Reich“ transferierten Deutschen, blieb die Heimat bis heute verschlossen. Soweit sie dem Zugriff der Roten Armee ausgesetzt waren, unterlagen sie als so genannte „Repatrianten“ einer Sonderbehandlung und wurden in die Sowjetunion verbracht.

Trotz des 1939 erreichten Einvernehmens belauerten sich die einstigen Todfeinde Hitler und Stalin weiterhin misstrauisch. Als Moskau im Juni 1940 die zu Rumänien gehörende Bukowina forderte, führte dies zur Ablehnung in Berlin. Später jedoch stimmte Hitler der Überlassung der Nordbukowina zu. Allerdings war der Wunsch Stalins nach einem Vordringen bis an das Mittelmeer bekannt und beschleunigte die deutschen Kriegsvorbereitungen gegen die Sowjetunion.

Zu kommunistischer Zeit war der Pakt mit Hitler-Deutschland ein Tabu. Kritik am Stalinismus gilt auch heute noch als Nestbeschmutzung, die als eine Beleidigung von Millionen im Kampf um die Befreiung Europas Gefallener empfunden wird. Die Spießgesellenschaft des braunen und des roten Diktators, in dessen Schutzschirm das Sowjetimperium mit Waffengewalt erheblich vergrößert wurde, soll vergessen werden. Die Sowjetunion sieht sich dagegen als Opfer Hitler-Deutschlands, jede Gleichstellung mit dem Nationalsozialismus wird zurückgewiesen. Eine Sicht, die leider auch bei uns vorzufinden ist. Interessant auch der Erklärungsversuch für das Abkommen vom 23. September 1939, das nach dieser Lesart wegen der westlichen Appeasement-Politik gegen Deutschland notwendig war, um einen Krieg mit dem Sowjetimperium hinauszuzögern. Stalin rechnete ohnehin mit einem Krieg im Westen, wenn Hitler sich im Osten ungefährdet glaubte. Wenn England, Frankreich und Deutschland dann erschöpft am Boden lägen, erhoffte er sich freie Hand in Osteuropa. Deutschland dagegen rechnete wegen des Paktes mit Moskau nicht mit einem Kriegseintritt der Westmächte, wurde dann aber durch deren Kriegserklärung am 3. September überrascht.

Die Spuren des 23. September 1939 sind auch heute noch tief. Dies zeigt sich immer wieder in dem Verhalten der einstigen Satellitenstaaten zu Russland. Mit Härte blockierten deshalb Polen und Litauen über zwei Jahre ein Partnerschaftsabkommen der EU mit Russland. Sicher eine Nachwirkung geschichtlicher Erfahrungen. Auch die Empfindlichkeiten auf russischer Seite sind sehr ausgeprägt. Als die Parlamentarische Versammlung der OSZE Anfang Juli vorschlug, den 23. August zum europäischen Gedenktag für die Opfer des Stalinismus und Nationalsozialismus zu machen, verbaten sich die Russen jede Gleichstellung mit dem Nationalsozialismus und forderten eine neue Resolution, in der der entscheidende Beitrag der Sowjetunion bei der Niederwerfung des Nationalsozialismus gewürdigt werden müsse. Russlands Präsident Medwedjew hat inzwischen eine Kommission beauftragt, über Maßnahmen gegen Geschichtsfälschungen zu Lasten russischer Interessen zu beraten. Gemeint ist dabei auch das Bemühen osteuropäischer Abgeordneter für die Gedenktagsempfehlung der OSZE. In der Duma wird außerdem darüber nachgedacht, so genannte Geschichtsfälschungen unter Strafe zu stellen. Darunter würden auch die Erwähnung sowjetischer Kriegsverbrechen fallen, wie etwa das Massaker von Katyn. Russland stünde dann in einer Reihe mit der Türkei und Polen, die als einzige Länder in Europa eine Strafbestimmung wegen Beleidigung der Nation kennen.

Deutschland hat sich seiner dunklen Vergangenheit gestellt und diese aufgearbeitet, weil dies einen zivilisierten Staat ausmacht. Wann zeigen auch Russland und Polen, dass sie Anforderungen an einen zivilisierten Staat erfüllen müssen?

 

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