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Nr. 29/2009 29. September 2009
Gedenken in Danzig
Deutsche Demut, viele Halbwahrheiten
Rudi Pawelka – Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien
Würde das Gedenken zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns dieses Mal von allen genutzt, ein Bekenntnis zu den Taten der Vergangenheit abzulegen? Die Hoffnung hierzu wurde jedenfalls durch eine gemeinsame Erklärung der deutschen und polnischen Bischofskonferenz im Vorfeld genährt. „Gemeinsam müssen wir in die Zukunft blicken, auf die wir zugehen möchten, ohne die geschichtliche Wahrheit in all ihren Aspekten zu vergessen, noch zu gering zu achten“, so ihre Aussage, die auch von Kanzlerin Merkel auf der Gedenkfeier am 1. 9. 2009 in Danzig zitiert wurde. Verpackt bzw. gestützt auf diesen Satz, erinnerte sie daran, dass wir in Deutschland an „das Schicksal der Deutschen denken, die in Folge des Krieges ihre Heimat verloren haben.“ Sie fügte hinzu, dass dies in dem von den Bischöfen beschriebenen Sinne sei. Dieser Schutzschirm genügte ihr allerdings allein nicht. Zu mangelndem Mut gesellte sich bei Merkel – wie schon so oft – auch Demut hinzu. Das Denken an das Leid der Vertriebenen geschieht bei ihr nur in dem Bewusstsein der Verantwortung Deutschlands, die am Anfang von allem stand und der immer währenden geschichtlichen Verantwortung Deutschlands, wie sie vor 20 Staats- und Regierungschefs ausführte. Offenbar verschwendet sie dabei keinen Gedanken daran, dass diese stets gebrauchten Plattitüden deutsche Opfer beleidigen. Sie werden zu Objekten der Aufrechnung degradiert, aber nicht als Individuen gewürdigt, an denen Verbrechen begangen wurden. Dass die Vertreibung lediglich eine Kriegsfolge sein soll, offenbart wieder einmal intellektuelle Unordnung. Ist nicht bekannt, wie viele Volksgruppen in Europa vertrieben wurden, ohne dass sie etwas mit dem Krieg oder Hitler zu tun hatten? Ist nicht bekannt, dass das Völkerrecht Vertreibungen verbietet? Ist nicht bekannt, dass es eine solche Kriegsfolge in Europa bisher nicht gab, auch nicht nachdem Napoléon durch seine Überfälle auf andere Staaten fast ganz Europa verwüstete?
Die Rede von Ministerpräsident Putin erwartete man mit besonderer Spannung, da der gemeinsame Angriff Russlands und Deutschlands auf Polen, der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. 8. 1939 und das Verbrechen von Katyn im Raum stehen. In einem Artikel der polnischen Zeitung „Gazeta Wyborcza“ hatte der russische Regierungschef den Pakt zwar vorab verurteilt, verwahrte sich aber dagegen, diesen als einzigen Auslöser des Kriegs zu betrachten. Nach seiner Ansicht habe sich eine Einheitsfront mit den Westmächten gegen Deutschland nach dem Münchner Abkommen zerschlagen. Deshalb sei der Nichtangriffspakt mit den Deutschen zum Schutz vor deutschen Aggressionen geschlossen worden. In seiner Rede auf der Westerplatte wartete man dann auch vergebens auf eine Entschuldigung für den Überfall auf Polen und die jahrelange Besetzung des Landes. Im Gegenteil, Putin fand zwar versöhnliche Worte für ein Zusammenleben mit Polen in der Zukunft, sparte aber auch nicht mit Kritik. Er warf Polen vor, schon 1934 einen Nichtangriffspakt mit dem Dritten Reich geschlossen zu haben, der die UdSSR bedrohte. Auch kritisierte er Polen wegen des Überfalls 1938 auf die Tschechoslowakei und beklagte die Behandlung russischer Kriegsgefangener nach dem Einmarsch der polnischen Armee in die Sowjetunion 1920. Damit begab sich Putin fast auf die Linie der Moskauer Medien, die zuvor Polens Schuld am Ausbruch des Krieges begründeten. Danach hatte Polens Führung mit den Nazis zum Nachteil Moskaus kooperiert. Diese Kurzsichtigkeit sei auch der Grund gewesen für die Vernichtung Polens als Staat. „Alle hätten Fehler gemacht“, stellte auch Putin deshalb fest. „Es gehe nicht an, dass jemand versuche, aus diesem verschimmelten Brötchen die Rosinen herauszupicken und einem anderen die ganze Schuld zuzuschieben.“
Wenn Europa sich nach der Feststellung des ungarischen Schriftstellers Esterhazy daran gewöhnt hat, seine Missetaten hinter deutschen Missetaten zu verstecken, so förderte Merkels Auftritt in Danzig diese Unart. Wenn schon die volle geschichtliche Wahrheit auf den Tisch muss, wie die Kanzlerin immer wieder erklärt, dann sollte sie sich an Putin ein Beispiel nehmen und polnisches Fehlverhalten, die aggressive Politik gegenüber seinen Nachbarn, ansprechen. Hierzu zählen die vom Völkerbund verurteilten starken Repressionen gegenüber der deutschen Minderheit bis 1939, der Überfall der polnischen Armee auf Deutschland in Oberschlesien 1921 und die starre Haltung Polens bezüglich der Verbindungswege nach Ostpreußen und über den Status Danzigs. Man schadet der gemeinsamen Zukunft und man schadet Deutschland, wenn geschichtliche Fakten immer wieder unter den Teppich gekehrt werden.
Dies geschieht auch im Fall Danzig und die Westerplatte betreffend. Danzig wurde auf polnisches Drängen hin nach dem 1. Weltkrieg freie Stadt unter Aufsicht des Völkerbundes. Der Hafen und der Zoll sowie die internationalen Eisenbahnverbindungen, nicht die Straßen- und Kleinbahnen, wurden unter polnische Verwaltung gestellt. Zwecks Verbindung des Hafengebiets mit Polen durfte eine Post- und Telegrafenverwaltung in Danzig betrieben werden. Die Befestigung der Westerplatte mit der Stationierung von Militär und die Anlage eines Munitionsdepots waren Polen nicht erlaubt und völkerrechtswidrig. Nie wird bei Gedenken an den Kriegsbeginn darüber gesprochen, sondern immer so getan, als ob polnische Soldaten auf polnischem Staatsgebiet durch ein deutsches Schiff angegriffen worden wären, getreu der Devise, nur Deutsche haben sich völkerrechtswidrig verhalten. Wie sehr auch in Medien- und Fernsehberichten ein Verwirrspiel über die Verhältnisse in der Stadt Danzig betrieben wird, bemerken nur Sachkundige. Auch in dem Film „Die Blechtrommel“ zeichnet Günter Grass ein Bild, das einen multikulturellen Eindruck vermittelt. Aufgeklärt wird auch nicht über das polnische Postamt, aus dem heraus polnische Postbeamte auf uniformierte Deutsche schießen. Dass dieser Akt ebenso völkerrechtswidrig war, bewaffneten Zivilpersonen als Partisanen die Todesstrafe droht, erfährt man nicht.
Nach der Volkszählung von 1923 hatte Danzig 335.921 Einwohner, davon hatten 3,28 % eine polnische oder kaschubische, 0,72 % eine russische/ ukrainische Abstammung, 0,44 % gaben als Nationalität deutsch und polnisch an, 0,16 % jiddisch und 0,44 % machten keine Angaben. Der deutsche Anteil betrug also über 95 %, viel mehr als heute deutsche Großstädte ausweisen. Im Übrigen war der polnische Anteil durch den gezielten Zuzug kinderreicher polnischer Beamter für die Verwaltung von Zoll, Bahn und Post seit 1920 erhöht worden, um die polnische Minderheit zu stärken.
Wenn Kanzlerin Merkel am 1. 9. 2009 von der einst leidgeprüften, nun aber glanzvoll restaurierten Stadt sprach, so ist dies verwirrend, denn leidgeprüft war nicht die Stadt als solche, sondern die deutsche Bevölkerung, die einst dort wohnte.
Es bleibt die Feststellung: Nur Deutschland bekennt seine Schuld, alle anderen gehen über ihre eigenen Verfehlungen hinweg. Zaghafte Eingeständnisse eigener Schuld kamen ansonsten allein von Putin.
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