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Nr. 32/2009 20. Oktober 2009
-Nobelpreisträgerin Müller lässt hoffen-
Rudi Pawelka – Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien
Es ist wie ein Paradigmenwechsel: Nobelpreise, Filmoskars oder Grammys konnte man bisher sehr schnell verliehen bekommen, wenn man sich mit den Nationalsozialismus auseinandersetzte. Die Schriftsteller Heinrich Böll, Günther Grass oder der Regisseur Stephen Spielberg sind die bekanntesten Beispiele dafür. Wenn jetzt die aus dem rumänischen Banat stammende Autorin Herta Müller für ihre Werke ausgezeichnet wurde, die sich mit den Verbrechen des kommunistischen Regimes auseinandersetzen, bedeutet dies, dass der Welt auch das Leid der Menschen im Kommunismus bewusst gemacht wird. Man hatte sich daran gewöhnt. Wenn die Tiefen menschlichen Verhaltens mit allen Facetten ausgeleuchtet wurden, dann geschah dies regelmäßig in Verbindung mit nationalsozialistischen Verbrechen. Versuche, Stalin und seine Epigonen mit ihren Untaten, denen viele Millionen Menschen zum Opfer fielen, ebenso darzustellen, scheiterten immer wieder. Insbesondere in Deutschland achtete man darauf, die Aufarbeitung von NS-Unrecht nicht durch eine Aufarbeitung kommunistischen Unrechts zu stören. Die Ostpolitik Willy Brandts tat ein Übriges. Der ehemalige ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal bekam dies wie kein anderer zu spüren. Die Vorgänge hinter dem Eisernen Vorhang anzuprangern, passte nicht in die so genannte Entspannungspolitik. Wenn jetzt die Aufklärung über die Gewaltregime des Kommunismus durch einen Nobelpreis Anerkennung findet, ist dies auch eine Niederlage für alle, die kommunistisches Unrecht, aus welchen Gründen auch immer, verdrängt haben.
Mit ihrem letzten Roman „Atemschaukel“ greift Herta Müller das Schicksal deutscher ziviler Zwangsarbeiter auf. Auch ihre Mutter wurde über vier Jahre in ein Zwangsarbeiterlager verschleppt und kehrte an Leib und Seele gebrochen zurück, ebenso ein guter Freund, dessen Leiden in dem Buch dargestellt sind. Bis heute arbeiten starke politische Kräfte in Deutschland daran, deutsche Zwangsarbeiter dem Vergessen preiszugeben. Die Wurzeln für dieses Verbrechen liegen im NS-Unrecht. Mit dieser Formel versucht man, eine Anerkennung dieser Opfergruppe zu verhindern und fügt sogar an, eine Entschädigung der Betroffenen würde die versöhnende Absicht des Gesetzgebers relativieren, die er bei der Entschädigung für NS-Zwangsarbeiter gegenüber dem Ausland gezeigt hätte.
Eine Staatsdoktrin, die Versöhnungspolitik nicht zu beschädigen, wird damit über den Menschen gestellt. Eine Einstellung, die erschaudern lässt und nicht mit dem Menschenbild unseres Grundgesetzes in Einklang steht, denn der Mensch muss das Maß aller Dinge sein. Wenn durch eine Literaturpreisträgerin die unmenschliche Behandlung der Deutschen aus dem Dunkel des Vergessens geholt wird, so ist dies eine schallende Ohrfeige für viele Politiker und Medien, aber auch Intellektuelle in Deutschland.
Es ist allerdings nicht zu glauben, dass damit die Einsicht einhergeht, etwas falsch gemacht zu haben. Zu tief sitzt der Drang, die deutsche Täterrolle zu konservieren, deutsche Opfer klein zu halten. Somit wird das Thema deutsche Zwangsarbeiter sicher nicht von Medien und Politikern in den Vordergrund gestellt.
Der Arbeitskreis Deutsche Zwangsarbeiter (AKDZ) eine Arbeitsgemeinschaft von neun ostdeutschen Landsmannschaften und dem Bund der Stalinistisch Verfolgten, arbeitet seit dem Jahr 2000 für eine Entschädigung der Betroffenen. Er hat inzwischen über 300.000 Einzelfälle zusammengetragen und archivieren lassen. Seitens des BdV nicht wahrnehmbar unterstützt, gelang es dem AKDZ zwar, dass die CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Jahr 2003 einen Antrag auf Zuerkennung einer symbolischen Entschädigung einbrachte, allerdings lehnte die rot-grüne Mehrheit die Initiative mit ihrer damaligen Mehrheit ab. In der großen Koalition blockierte die SPD Vorstöße der Union, das Thema wieder aufzugreifen. Die neue Nobelpreisträgerin hat sicher durch ihre Werke einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass neue Publizität erreicht werden konnte. Wünschenswert wäre, dass die neue Aufmerksamkeit ausreicht, die Koalition aus Union und FDP an ihren damaligen Kampf für die Anerkennung des Schicksals der Opfer zu erinnern. Ihre Initiative muss jetzt wieder aufleben.
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