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Nr. 02/2010                                                                                                                                                  30. Januar 2010

Streit um die historische Wahrheit

- Verbrechen an Deutschen nicht verschweigen -

Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Es ist das Ziel Polens, die Deutungshoheit über die Geschichte zu behalten. Das heißt, die annektierten deutschen Ostgebiete sind “wiedergewonnene Gebiete“, die Vertriebenen gelten als “Umsiedler“, so auch eine einstimmige Entschließung des polnischen Parlaments im Jahr 2004. Hinzu kommt die Behauptung, durch das Potsdamer Protokoll seien endgültige Regelungen der Grenzfrage und der Vertreibung der Deutschen angeordnet worden, Polen habe nur die Pflicht gehabt, diese Beschlüsse auszuführen.

Man könnte geneigt sein, Ansichten dieser Art als abwegig abzutun, wenn nicht auch von deutscher Seite Unterstützung käme. Uns ist das alles nur zu gut bekannt. Einen besonders krassen Fall von Geschichtsklitterung leisteten sich zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns vier Verfasser eines Papiers, je zwei aus Deutschland und Polen, das als Stellungnahme junger Experten für eine zukunftsorientierte Zusammenarbeit bezeichnet wird. Unter dem Patronat vier bekannter Politiker, den Polen Bartoszewski und Mazowiecki sowie den Deutschen Vogel und von Weizsäcker (beide CDU), werden deutsche Taten mit drastischen Worten geschildert, an Deutschen begangene Verbrechen nach bekannter Manier als Randnotiz und als Aufrechnung behandelt. “Zorn und Trauer von Polen über selbst erlebte Grausamkeiten und Demütigungen und das erlittene schwere Leid schlugen nun teilweise in Gewalt gegen Deutsche um“, so heißt es verharmlosend und entschuldigend. Nichts über die rassistischen polnischen Dekrete, nichts über hunderttausende umgebrachte Deutsche, nichts über Todeslager für Deutsche, nichts über massenhafte jahrelange Zwangsarbeit. Wer Menschenrechtsverbrechen relativiert, beleidigt die Opfer und missachtet Menschenrechte. Ein ermordetes deutsches Kind hat nicht weniger Würde als ein ermordetes Kind einer anderen Nation.

Bei der schonungslosen Ausbreitung polnischen Leids fehlen sogar so genannte Planungen des NS-Regimes, die mittelfristige Vertreibung und Vernichtung aller Polen, nicht. Selbst der Holocaust an den Juden wird im Sinne Polens gegen Deutschland in Stellung gebracht. Verfolgungen dieser Bevölkerungsgruppe durch Polen und die Zuarbeit gegenüber deutschen Stellen, sowie sie in einem Bericht des Nachrichtenmagazins “Der Spiegel“ im vergangenen Jahr offen gelegt wurden, erwähnt man nicht.

Selbstverständlich wird NS-Deutschland eine systematische Missachtung des Völkerrechts vorgehalten. Die gewaltigen Kriegsverbrechen der anderen Seite bleiben unerwähnt oder werden so nicht genannt (siehe Vertreibung). Der Einsatz von Atomwaffen, die Flächenbombardements gegen die deutsche Bevölkerung, eine Erfindung der Alliierten, die Behandlung der Kriegsgefangenen, die Zwangsarbeit für Millionen Deutsche, die Entrechtung der Deutschen, übersieht sieht man geflissentlich, ebenso die gewaltsame Besetzung anderer Länder (z. B. Persien, Island). Dagegen wird die vorübergehende Vertreibung von Polen herausgestellt.

Polens Anteil an der Vertreibung der Deutschen unterliegt der Verschleierung. Die “Westverschiebung“ des Landes wird nur als von der Sowjetunion betrieben und mit den Siegermächten vereinbart dargestellt. Ganz nach alter kommunistischer Lesart verschweigt man

den eigenständigen polnischen Anteil an Annexion und Vertreibung. Das Drängen der polnischen Exilregierung in London, die umfangreichen “wilden“ Vertreibungen lange vor Potsdam und die Einverleibung des westlich der Oder gelegenen Stettiner Gebiets, in Potsdam war die Oder als Grenze genannt, unterliegen wohl zur Schonung Polens der Zensur. Bei so viel Parteinahme darf natürlich das so genannte Ostpolen, dessen polnische Minderheit aufgrund eines Vertrages 1945 ihre Heimat verlassen musste, nicht als erobertes Gebiet bezeichnet werden. Wir wissen, dass dieses Land erst nach einem Überfall der polnischen Armee auf die Sowjetunion und Litauen im Jahr 1920 Polen einverleibt wurde.

Die Vorkriegsgeschichte, die viel zum Verständnis beitragen könnte, bleibt eine Leerstelle. Warum wird das Leiden der deutschen Bevölkerung bis 1939 nicht erwähnt? Über eine Million Deutsche mussten schließlich aus dem polnischen Staat fliehen oder wurden vertrieben. Auch die polnischen Überfälle auf das Deutsche Reich in Oberschlesien (Mai 1921) und auf die Tschechoslowakei Mai 1938 (Annexion des westlichen Olsa-Gebiets) gehören zur Wahrheit und müssen aufgearbeitet werden.

Aufgearbeitet werden sollen, so die Verfasser des Papiers, insbesondere die deutsche Besatzungsherrschaft im Zweiten Weltkrieg und ihre Folgen. Unter Letzteres wird wohl auch die Vertreibung der Deutschen subsumiert, ein Vorgang der ohne Beispiel ist. Schließlich ist die Bevölkerung eines Verlierers noch nie in dieser Weise völkerrechtswidrig bestraft worden, auch Frankreich nicht nach Napoleons Verbrechen.

Die Autoren sehen sich wohl in der Pflicht, die polnische Seele zu streicheln. Der Aufstand polnischer Partisanen 1944 in Warschau ist für sie ein “heroischer Kampf“ einer Heimatarmee für die nationale Würde, der, genauso wie der Holocaust und die deutschen Untaten während Krieg und Besatzung in der Erinnerung der Deutschen und Polen bleiben sollen. Warum nicht die Untaten an den Deutschen?

Wie mit den Prinzipien eines Rechtsstaats umgegangen wird , muss schon sehr erstaunen. In dem Papier wird von gemeinsamen Werten und von dem unbedingten Bekenntnis zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten gesprochen. Ein Persilschein für Polen, das von seinen rassistischen Nachkriegsdekreten nicht ablässt, polnische Bürger deutscher Abstammung nach wie vor diskriminiert und der deutschen Minderheit die verbrieften Rechte zum größten Teil nicht gewährt.

Auch die aufgrund der Unrechtsdekrete von 1945 “entstandenen Eigentumsregeln“ werden als unumkehrbar bezeichnet. Eine Verhöhnung des Rechtsstaates! Eine Verhöhnung des Lesers ist ebenso die Feststellung, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit immer der Wahrheitssuche verpflichtet ist. Geradezu heuchlerisch wird hinzugefügt, dass man sich dagegen wehre, Geschichte selektiv und populistisch zu instrumentalisieren, um bestimmte politische Ziele zu erreichen. Man fragt sich, was tun die Autoren anderes?

Das Zuschütten wesentlicher Probleme, wird nicht - wie vorgegeben - zu einer zukunftsorientierten Zusammenarbeit führen, zu einseitig die polnische Sicht. Wenn diese in die Ausstellung der Stiftung “Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ so einfließt, könnte man getrost auf das Projekt verzichten.

Man wird an die Aussage des ungarischen Schriftstellers Peter Esterhazy, Preisträger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, in der Frankfurter Paulskirche erinnert: Eigene Missetaten hinter deutschen Missetaten zu verstecken, ist eine europäische Gewohnheit. Die vier Autoren, Dr. Alexander Brakel (Referent in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion), Dr. Waldemar Czachun (Universität Warschau), Stephan Raabe (Leiter Konrad-Adenauer-Stiftung Warschau) und Marcia Wiatr (Publizist Gleiwitz) sind dieser Feststellung voll gerecht geworden.

 

 

 

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