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Nr. 4/2010                                                                                                                                                  08. März 2010

Ein Jude aus Polen spricht Klartext

- Bemerkenswerte Rede im Bundestag -

Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Erstaunliches ließ sich am 27. Januar, dem internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, aus dem Bundestag vermelden. Mit dem polnischen Historiker Feliks Tych, Sohn jüdischer Eltern aus Warschau, prangerte ein Überlebender mit klaren Worten die Komplizenschaft ehemals besetzter oder mit Deutschland verbündeter Länder bei der Vernichtung der Juden an. Er wolle das Dritte Reich von der Verantwortung nicht freisprechen oder die Deutschen entlasten, aber es gibt keinen Grund, andere Regierungen auszusparen, so Tych. Nach seinen Worten bleibt die Rezeption des Holocaust solange unvollständig, solange eine europäische Komplizenschaft beim deutschen Staatsverbrechen nicht Bestandteil des europäischen historischen Bewusstseins ist.

Sehr anschaulich machte der Historiker deutlich, was sich in den einzelnen Ländern während und nach dem Krieg abgespielt hatte. Er nannte dabei 13 Länder, darunter auch Frankreich, Holland und Belgien, wo die Polizei auf deutschen Befehl die Transporte in die Todeslager zusammenstellte. In anderen Ländern, wie in Litauen, Lettland, Estland oder der Ukraine seien die Juden nicht allein von Einsatzgruppen ermordet worden, sondern auch von spontan mit deutscher Billigung entstandenen Freiwilligen-Milizen der Ortsbevölkerung. Viele Hilfswillige unterstützten die SS auch bei der Deportation aus den Ghettos in Polen oder dienten in den Vernichtungszentren. In Belzec, Sobibor und Treblinka überstieg dieser Anteil der Helfershelfer die der SS-Lagerbesatzung um ein Vielfaches. In Ungarn, Rumänien, der Slowakei, Bulgarien oder Kroatien sind nach den Aussagen von Tych die Nürnberger Gesetze überdies nachgeahmt worden, während Bulgarien, Slowakei, Italien und Norwegen sowie wiederum Rumänien, ihre jüdischen Staatsbürger in die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau deportierten.

Der jüdische Pole schonte seine polnischen Mitbürger ebenfalls nicht und warf der polnischen Bevölkerung vor, örtlich die Jagd auf Juden mitgemacht zu haben. Er nannte explizit den Massenmord in Jedwabne und 30 umliegenden Ortschaften, verschwieg dabei aber keineswegs auch die Polen, die unter Einsatz ihres Lebens mindestens 40.000 Juden retteten. Zu diesen geretteten Juden zählt Tych selbst, der während der deutschen Besatzung als Zehnjähriger aus Radomsko nach Warschau flüchtete und dort, ausgestattet mit falschen Papieren, von einer Polin aufgenommen wurde.

Es überwog allerdings wohl bei weitem die Judenfeindlichkeit, die sich selbst nach dem Krieg in besonderer Brutalität zeigte. So sei für den kläglichen Rest der polnischen Juden, der die deutschen Konzentrationslager überlebt hatte, die Rückkehr in ihre Heimatorte eine Verlängerung der traumatischen Kriegsjahre gewesen. Ihre alten Nachbarn empfingen sie keineswegs mit offenen Armen, nicht selten endete die Rückkehr auch mit Meuchelmord, um fremdes Eigentum nicht zurückgeben zu müssen. Die moralischen Normen großer Bevölkerungsgruppen, so Tych, seien durch die Walze des Holocaust bedenklich deformiert worden und hätten niedrigste Instinkte freigesetzt, was Teile der Bevölkerung in der Überzeugung bestärkte, dass man Juden immer ungestraft ermorden könne. Diese Pogrome lösten Schock und Panik aus, so dass es zwischen 1945 und 1950 zu einem Exodus der meisten Juden aus Polen kam.

Über Jahrzehnte tabuisierte und beschwiegene Fragen, veranlassten den Historiker vor drei Jahren, im Jüdischen Institut Warschau ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zu beginnen. Dabei spricht er von Glück, wenn er aus der jungen polnischen Forschergeneration 28 Partner an fünf polnischen Universitäten gefunden hat, denn der Holocaust wurde in Europa fast ausschließlich als deutscher Völkermord wahrgenommen. Dies war nach seiner Meinung für eine Reihe von Ländern sehr bequem. Das Thema wurde freiwillig tabuisiert und marginalisiert. Erst in den 1990er Jahren sei dieser Unschuldsmythos zunehmend in Frage gestellt worden. Dennoch hätte auch weiterhin eine ganze Armee von Hofhistorikern zur Verteidigung der “nationalen Ehre“ bereitgestanden. Inzwischen sehen nach seiner Feststellung immer mehr Historiker in dem Beschweigen ein probates Mittel der Geschichtsfälschung, das mit dem Berufsethos unvereinbar ist. Er vermisst allerdings noch immer eine integrierte Sichtweise auf den Holocaust, die auch seine Nachkriegsfolgen mit einbezieht. In vielen Holocaust-Museen brechen die Ausstellungen mit Fotos von befreiten Lagern ab. Diesen Mangel sieht Tych auch in sehr vielen Schulbüchern.

Man darf gespannt sein, wie in Polen reagiert wird, wenn die Forschungsergebnisse über dieses dunkle Kapitel in diesem Jahr veröffentlicht werden. Wir erinnern uns daran, dass gegen den polnischen Publizisten Jan Grosz von der Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren nach Art. 133 Strafgesetzbuch (Beleidigung der polnischen Nation) im vergangenen Jahr eingeleitet wurde, weil er in einem Buch die Judenpogrome nach dem Krieg behandelte. Erheblichen Vorwürfen seitens der polnischen Regierung sah sich auch das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel“ ausgesetzt, als es die Verfolgung der Juden durch Polen schilderte.

Wir Vertriebene wissen, Polen bekennt sich nicht zu dem großen Vertreibungsverbrechen. Es schiebt die Verantwortung den Siegermächten zu, relativiert und beschönigt eigene Brutalitäten und den Massenmord an Deutschen. Der Holocaust wurde stets auch als politisches Kampfmittel gegen Deutschland instrumentalisiert. Als Ex-Kanzler Willy Brandt am Warschauer Ghetto-Denkmal, errichtet für die ermordeten Juden, niederkniete, nahm auch Warschau dies als Geste gegenüber Polen entgegen.

So fällt der Glaube daran schwer, Polen werde sich seiner Vergangenheit ohne Wenn und Aber stellen. Moralische Überlegenheit gegenüber Deutschland soll bleiben. Wenn Deutschland sich der Aufarbeitung seiner Geschichte gestellt und versucht hat, wieder gut zu machen, was noch gut zu machen war, so war dies Ausdruck des Anspruchs, den ein zivilisierter Staat an sich stellt. Wenn Polen und andere Staaten dies verweigern, ergeben sich Fragen an die Reife dieser Länder. Mit Bedauern musste leider festgestellt werden, dass die aufrichtigen Worte des Polen Tych im Bundestag in den Medien ohne Resonanz blieben. Ist man besorgt, deutsche Schuld könnte relativiert werden?

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