ps Pressedienst Schlesien
Presseinformationen
der Landsmannschaft Schlesien - Nieder- und Oberschlesien e.V.
Bundesgeschäftsführung:
Dollendorfer Str. 412, 53639 Königswinter, Tel.: (02244) 9259-0, Fax: (02244)
9259-290
Nr. 10/2010 17. Juni 2010
Historische Wahrheit ist der Maßstab
- Vertreibung nicht beschönigen oder verfälschen -
Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien
Im Vorfeld der Einrichtung der Dauerausstellung der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ist eine Diskussion über die wahrheitsgemäße Darstellung der Geschichte und den korrekten Gebrauch von Begrifflichkeiten ganz entscheidend. Die Verfälschung der historischen Wahrheit hat auch in Deutschland Konjunktur, Beispiele dafür gibt es schließlich zuhauf, insbesondere wenn es um deutsche Opfer geht, speziell um Vertriebene. Was hier Methode hat, würde bei anderen Opfergruppen wütende Proteste, ja strafrechtliche Verfolgung nach sich ziehen.
Wie man Vertreibung verharmlost, Fakten falsch bewertet oder durch Leerstellen verzerrt, findet man auch bei Arno Herzig, einem Historiker, der für den schlesischen Kulturpreis des Landes Niedersachsen vorgesehen ist. In einer Schrift „Flucht und Vertreibung aus Schlesien“ bestätigt er die eingangs getroffene Feststellung in vielen Punkten.
Leerstellen, das Auslassen geschichtlicher Vorgänge, die zum Gesamtverständnis erforderlich sind, müssen als erstes angekreidet werden. So fehlt die Minderheitenpolitik in Polen zwischen den beiden Weltkriegen, die für das deutsch-polnische Verhältnis von entscheidender Bedeutung war. Von den 2,4 Mio. Deutschen, die in dem neuen polnischen Staat leben mussten, flüchteten immerhin eine Million aufgrund polnischer Übergriffe bis 1939. Viele von ihnen wurden von den Behörden auch ausgewiesen. Wichtig zum Verständnis der damaligen Stimmung in Deutschland wäre auch gewesen, auf die polnische Eroberungspolitik einzugehen. Der Überfall Polens auf die nach der Revolution noch nicht gefestigte Sowjetunion und auf Litauen im Mai 1920, der für Polen die Annexion des so genannten Ostpolens zum Ergebnis hatte, gehört ebenso dazu wie der Überfall 1921 auf das von deutschem Militär geräumte Oberschlesien und der Einmarsch polnischer Truppen in den tschechischen Teil des Teschener Gebiets 1938. Während diese Fakten fehlen, macht Herzig mit Hitlers Ostraumplänen Stimmung, eine Absicht, die nur zu einem kleinen Teil umgesetzt wurde. Von den 7,8 Mio., die nach seinen Angaben für eine Vertreibung vorgesehen waren, traf dieses Schicksal aber nur gut 0,6 Mio. im so genannten Korridor. Offenbar um Polen zu schonen, wird auch unterschlagen, dass die von den Alliierten am 02.08.1945 festgelegte Oder-Neiße-Linie nicht Stettin sowie das westliche Hinterland einschloss. Dieses Gebiet eignete sich Polen später zusätzlich an. So macht man es Polen leicht, sich darauf berufen zu können, man habe nur Anordnungen der Siegermächte ausgeführt.
Es fehlt dagegen nicht an dem bekannten Modell der Aufrechnung. Herzig erwähnt zwar Plünderungen, Vergewaltigungen, Morde und Brandstiftungen durch die sowjetischen Soldaten, meint aber, dies sei die Rache für die Gräuel der deutschen Besatzung gewesen. So, als ob jeder Rotarmist damit konfrontiert wurde. Einsatzgruppen der SS führten zwar Massenerschießungen von Juden oder von Politkommissaren durch, die Gräber in den Wäldern des weiten Landes bekam bei dem eiligen Vormarsch wohl kaum ein Soldat zu Gesicht. Dass der Aufruf des russischen Schriftstellers Ilja Ehrenburg zum Töten Deutscher und zum Vergewaltigen von Frauen - millionenfach in der Roten Armee verteilt - nicht erwähnt wird, ist bezeichnend. Wenn man aufrechnet und relativieren will, kann man den ausschlaggebenden Grund für die Verbrechen nicht nennen.
Die Berufung auf das Heimatrecht diffamiert der Autor als fragwürdig. Sind damit auch die Aussagen in CDU-Programmen fragwürdig, in denen es u. a. heißt: Das Heimatrecht gilt, verletzte Rechte müssen anerkannt werden? Da für Herzig das Heimatrecht nicht gilt, ist es für ihn auch konsequent, Wiedergutmachungsforderungen als unverantwortlich zu geißeln.
Leicht von der Hand gehen ihm Begriffe wie „frühere Schlesier“ und „Alt- und Neuschlesier“. Als Schlesier wird man aber nicht exkommuniziert, sondern man bleibt es sein Leben lang. Den Stamm der Schlesier kann man auch nicht als „Altschlesier“ bezeichnen, genauso wenig, wie die aus vielen Gegenden herbeigeholten Neusiedler „Neuschlesier“ sein können. Letztere wohnen zwar jetzt in Schlesien, haben aber keineswegs kulturelle Eigenarten entwickelt, die sie als einen Stamm der Schlesier kenntlich machen. Um die vertriebenen Schlesier weiter ins Abseits zu stellen, bezeichnet er die Pflege der heimatlichen Kultur als „folkloristische Subkultur“. Gleichermaßen eine Abwertung der gesellschaftlichen Stellung der Schlesier wie auch der von ihnen gestalteten Kulturarbeit.
Sprachliche Ausrutscher leistet sich der Historiker ebenso, wenn er von Vertriebenen-Funktionärskadern spricht, aber die ehrenamtlich tätigen Spitzenvertreter der Vertriebenen meint. Es ist wohl mehr als eine sprachliche Unschärfe, wenn Herzig von einem Potsdamer Abkommen oder Vertrag ausgeht. Man kann nur immer festhalten: Die Beschlüsse dreier Siegermächte am 02.08.1945 in Potsdam waren kein Abkommen und auch kein Vertrag, weil hierfür die grundlegenden Voraussetzungen fehlten. Es gab keinen betroffenen Vertragspartner - Deutschland war nicht vertreten -, in keinem Staat wurde das Protokoll mit den Absprachen zur vorläufigen Unterstellung der deutschen Ostgebiete unter polnische bzw. russische Verwaltung ratifiziert, weiterhin wären ein Vertrag oder ein Abkommen von vornherein nichtig gewesen, weil sie eklatant gegen Völkerrecht verstießen und auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit beinhalten.
Man fragt sich, wie ein Wissenschaftler zu derartigen Aussagen kommen kann. Man macht es sich zu leicht, wenn man meint, es handele sich doch um durchaus gängige Formulierungen und Stereotypen im Rahmen der Political Correctness. Schließlich wird auch in der Politik häufig so geredet, Politiker bemänteln die Vertreibung sogar mit Worten wie „Ursache und Wirkung, Kriegsfolge“ oder mit dem „Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus“. Für Politiker ein bequemer Weg, um unbequemen Fragen nach einer Bewertung der Vertreibungsverbrechen zu entgehen. Ein Wissenschaftler, der sich ähnlicher oder gleicher Aussagen bzw. Worthülsen bedient, bewegt sich allerdings außerhalb wissenschaftlicher Ansprüche. Es ist bedauerlich, dass Herzig seine Arbeit hierdurch selbst entwertet, denn er schildert auch mit durchaus drastischen Worten die Leiden, die Deutschen durch Rotarmisten und Polen zugefügt wurden.
Es steht leider zu befürchten, dass auch in der Dauerausstellung der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ die vorstehend aufgezeigten Mängel Eingang finden werden. Eine breite Diskussion über Unworte und Geschichtsklitterungen ist dringend geboten.
Abdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet.
Belegexemplar erbeten. Erscheint nach Bedarf.