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Nr. 11/2010 17. Juni 2010
Das falsche Wort von der Befreiung
- Kanzlerin demütigt erneut deutsche Opfer -
Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien
Der 9. Mai ist für Russland ein einzigartiger Gedenktag. Nach der Unterzeichnung der Kapitulation durch die deutsche Wehrmacht gegenüber den Westmächten am 8. Mai 1945 wurde dieser Akt tags darauf in Karlshorst durch die deutschen Generäle Keitel, von Friedeburg und Stumpff gegenüber der Sowjetunion wiederholt. Für Moskau fortan ein „Tag des Sieges“, der die Russen eint und nicht verordneter Formalität entspricht. Nach der Wende nutzten alle Staatspräsidenten dies in ihrem Sinne, Putin sogar für eine schleichende Rehabilitierung Stalins. Es störte ihn dabei nicht, dass die Länder, die nach dem 2. Weltkrieg den stalinistischen Terror erdulden mussten, hierin eine besondere Form der Aggressivität sehen mussten. Die im Vorfeld des diesjährigen 9. Mai erfolgte Verurteilung des Stalinismus und der sowjetischen Diktatur durch den amtierenden Präsidenten Medwedjew, war ein neuer Akzent, der trotz der martialischen Militärparade auf dem Roten Platz als Entspannung des Verhältnisses zwischen Moskau und seinen Nachbarn gesehen wurde. Die erstmalige Teilnahme von Soldaten der ehemals verbündeten Westmächte aus Amerika, Großbritannien und Frankreich sowie aus Polen ergänzten diese Bemühung. Regierungs- und Staatschefs aus der Europäischen Union, u. a. Sarkozy, hatten ihre Teilnahme angekündigt, dann aber wegen der Eurokrise abgesagt. Nur Bundeskanzlerin Merkel hielt einen Besuch in Moskau für wichtiger, als ihre Anwesenheit bei den Verhandlungen über das 750-Milliarden-Unterstützungspaket.
Laut Pressemeldungen bezeichnete sie die Einladung zur Siegesfeier als große Ehre. Sie nutzte die Teilnahme auch dazu, die Sowjets als „Befreier“ vom Nationalsozialismus zu preisen. Fast zeitgleich publizierte die Boulevardzeitung „Bild“ Erlebnisberichte von deutschen Zeitzeugen, die grausame Verbrechen der Roten Armee erleiden mussten. Man fragt sich, ist der Kanzlerin nicht bekannt, dass die Sowjets während ihres Einmarsches in Deutschland gewaltige Kriegsverbrechen, vor allem an der deutschen Zivilbevölkerung begangen haben? Ist ihr nicht bekannt, dass dieser Terror während des Krieges und insbesondere danach Millionen Deutschen den Tod brachte, in der Kriegsgefangenschaft, in Zwangsarbeitslagern, bei der Vertreibung oder durch stalinistische Verfolgung? Ist ihr nicht bekannt, dass 15 Millionen Vertriebene entrechtet und 17 Millionen Deutsche in Mitteldeutschland in neue Unfreiheit kamen? Wie kann man darüber so kalt hinwegsehen und diese Verbrechen durch das Wort „Befreiung“ geradezu absegnen?
Vom 8. Mai als „Tag der Befreiung“ hatten auch Ex-Kanzler Kohl und Ex-Präsident von Weizsäcker in ihren Reden zum 40. Jahrestag des Kriegsendes gesprochen, beide allerdings mit verschämten Zusätzen zu deutschen Opfern. So fügte Kohl am 21. April im ehemaligen KZ Bergen-Belsen hinzu: „Nicht allen verhieß er, wie es sich rasch erwies, neue Freiheit“. Weizsäcker sagte am 8. Mai: „Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten“. Gewiss verschleiernde Formulierungen, bei denen jeder an den schwierigen Wiederaufbau denkt, aber nicht an die Millionen Toten und Entrechteten, vor allem, wenn man weiß, dass das Wissen hierüber kaum vorhanden ist, denn weder Schule noch Medien haben dieses Thema aufgearbeitet. Aber selbst ein solcher Hinweis fehlt bei Merkel. Mit der grob vereinfachenden Formel von der Befreiung demütigt die Kanzlerin erneut deutsche Opfer, insbesondere die Vertriebenen. Ihre ständigen Erklärungen zu den Gründen für die Vertreibung, die geradezu als eine Art Rechtfertigung für verbrecherisches Handeln empfunden werden müssen, sind schon seit langem unerträglich. Ihre immer wiederkehrenden Stereotypen wie „Am Ende schlug dieses nicht zu beschreibende Unrecht des Nationalsozialismus auf die Deutschen zurück, ursächlich für Flucht und Vertreibung der Deutschen war der durch Deutsche begonnene Weltkrieg oder die Deutschen verloren infolge des Krieges ihre Heimat“ sind historisch unhaltbar, denn es gibt kein Beispiel dafür, dass Aggressoren mit der Vertreibung eines großen Teils ihres Volkes bestraft wurden. Unhaltbar ist auch, dass eine deutsche Kanzlerin sich über das Völkerrecht hinwegsetzt, wenn es darum geht, deutschen Opfern gerecht zu werden. Wieso soll es eigentlich etwas mit Ursache und Wirkung und dem Zivilisationsbruch des Dritten Reiches zu tun haben, wenn Deutsche unterschiedslos und schuldlos entrechtet wurden, ja auch Überlebende des Holocaust genauso durch Polen oder Tschechen behandelt wurden, wie andere Deutsche?
Es ist schon ein merkwürdiges Geschichtsbild der Frau Merkel, das sie immer wieder offenbart. Bei einer Ehrung in Breslau am 25. September 2008 sprach sie von über sechs Millionen Polen, die durch Deutsche ihr Leben verloren haben. Obwohl Polen die Zahl selbst mit 5,7 Millionen angibt und man wissen sollte, dass hunderttausende Polen Opfer der Sowjets wurden. In der Rede des polnischen Historikers Tych am 27. Januar 2010 im Deutschen Bundestag wurde noch einmal bestätigt, dass die polnische Bevölkerung in vielen Fällen wichtige Zuarbeit bei der Ermordung polnischer Juden leistete, oder diese sogar selbst umbrachten (z. B. in Jedwabne). Mehr als die Hälfte der oben genannten Zahl waren im Übrigen polnische Juden. Auch diese Toten schreibt die Kanzlerin allein den Deutschen zu.
Am 13. Mai bezeichnete Merkel in ihrer Laudatio für ihren Duzfreund, Polens Ministerpräsident Tusk, anlässlich der Verleihung des Karlspreises der Stadt Aachen, Danzig als einen Schmelztiegel von Deutschen, Polen und Kaschuben. Wenn Danzig ein Schmelztiegel verschiedener Völker gewesen sein soll, so hätte diese Bezeichnung wohl auf die meisten deutschen Städte vor dem 2. Weltkrieg zugetroffen, denn in Danzig hatten 1923 nur 3,28 % eine polnische oder eine kaschubische und 0,72 % eine russische oder ukrainische Abstammung.
Wieso verdreht Merkel feststehende Fakten immer wieder und zwar zu Gunsten anderer Länder und zu Lasten Deutschlands? Ich bin sicher, es geschieht nicht aus Unkenntnis, sondern entspringt ihrer Gefühlswelt. Wiedergutmachung um jeden Preis -- und sei es auf Kosten der Wahrheit -- sind dafür sichtbarer Ausdruck. Man merkt, die Erziehung in der DDR hat auch bei denen Spuren hinterlassen, die nicht mit dem System einverstanden waren, ja es bekämpften. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ resümierte vor einigen Monaten: „Die Polen spüren, Merkel sei gefühlsmäßig bei ihnen.“ Es merken also auch andere, welche Prägung DDR-Erziehung hinterlassen hat.
Nicht vorstellbar ist, dass die Kanzlerin ihre permanenten Beteuerungen deutscher Schuld, bis hin zu verfälschenden Darstellungen, allein deshalb macht, um im Ausland das deutsche Ansehen zu mehren. Hierfür würden Gesten, wie die Anwesenheit oder das Erinnern an das Leiden beider Völker, allerdings ohne Relativierungen des Schicksals deutscher Opfer, genügen. Wer meint, er müsse sich ständig verbiegen, erntet oft keine Anerkennung, sondern eher das Gegenteil.
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