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Presseinformationen der Landsmannschaft Schlesien - Nieder- und Oberschlesien e.V.

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Nr. 26/2010                                                                                                                                                  17. Dezember 2010

Das Jahr 2011

- Bilanz und Aufruf -

Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Das Jahr 2010 hat gezeigt, dass die Vertreibung auch nach 65 Jahren ein Streitfall ist. Gestritten wird vor allem deshalb, weil die Vertreiberstaaten, namentlich Polen, sich nicht zu den von ihnen begangenen Verbrechen bekennen wollen. Allerdings haben Verdrängung und einseitige Vergangenheitsbewältigung auch bei uns dazu geführt, dass sich in der Politik und in den Medien eine breite Phalanx von Unterstützern herausgebildet hat. Als wir am 5. August an die Verkündung der Charta der Heimatvertriebenen vor 60 Jahren erinnerten, gab es deshalb nicht nur Anerkennung für das Schicksal der Vertriebenen oder für das einzigartige Dokument der Verständigungsbereitschaft, sondern auch Kritik. Man vermisse Hinweise auf die von den Nationalsozialisten begangenen Verbrechen und es wäre vermessen, auf Rache und Vergeltung zu verzichten, denn hierauf gäbe es kein Recht. Vorwürfe, die nicht nur aus der damaligen Situation unverständlich sind. Wer denkt als Opfer eines grauenhaften Verbrechens schon daran, dass Verbrechen gegeneinander aufgerechnet, folgende Taten also damit entschuldigt oder zumindest relativiert werden sollen. Richtig ist, jedes Verbrechen steht für sich; deshalb verbieten sich derartige Gedankenspiele. Da die Vertriebenen selbst Rache und Vergeltung erlebt hatten, war es schon ein wichtiges Zeichen, dass sie selbst diesen Kreislauf unterbrechen wollten.

Wie sehr allein die Erinnerung an die Vertreibung Erregung verursacht, erlebten wir bei einer neuerlichen Diskussion um die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“. Erst nahm man die BdV-Präsidentin Steinbach aufs Korn und überzog sie mit nicht nachvollziehbaren Vorwürfen aus ihrem politischen Verhalten. Eine unrühmliche Rolle spielte dabei der FDP-Vorsitzende Westerwelle, der letztlich verhinderte, dass Steinbach in den Beirat der Stiftung einziehen konnte. Es folgten Angriffe auf zwei stellvertretende Beiratsmitglieder sowie ein Antrag der Fraktion der Grünen, der Stiftung ein völlig anderes Gesicht zu geben. Es verwundert deshalb nicht, wenn inzwischen ein Eckpunktepapier für die Dauerausstellung vorgelegt wurde, das der Aufrechnung das Wort redet, ja eine einzige Anklage gegen Deutschland ist, auch für das Deutschland der Weimarer Republik. Einher gehen viele Geschichtsklitterungen, gespickt mit falschen Fakten und Relativierungen des Vertreibungsverbrechens. Das Wort Verbrechen taucht auch nur auf, wenn es um deutsche Taten, nicht aber wenn es um Taten an Deutschen geht. Sollte die Konzeption nicht grundlegend verändert werden, wäre es besser, auf das Projekt gänzlich zu verzichten. So würde man den Vertriebenen eine erneute Demütigung ersparen und die Würde der Opfer nicht weiter beschädigen.

Wenn die Kanzlerin immer wieder betont, man müsse sich zur Wahrheit bekennen, wird diese Forderung nun ad absurdum geführt. Wenn man weiß, welche Vorgaben die Politik für die Gestaltung der Stiftung gemacht hat, wundert man sich über das Papier nicht. Entsetzen löst lediglich aus, wie sehr Worte und Handeln auseinanderklaffen.

Während bei uns Geschichtslosigkeit dominiert, der Wert der eigenen Nation regelrecht missachtet wird, konnte die Welt soeben erleben, wie Polen und Russland mit Geschichte und Nation umgehen. Das Treffen der beiden Präsidenten Anfang Dezember, Medwedew und Komorowski, befasste sich schwerpunktmäßig mit dem Massaker von Katyn, zu dem die russische Staatsduma einige Tage zuvor auf polnisches Drängen eine Erklärung verabschiedet hatte. Das Thema hatte über Jahrzehnte wie ein Mühlstein auf den Beziehungen gelegen. Medwedew bewies seinerseits ebenfalls Geschichtsbewusstsein und erinnerte an den Tod tausender Russen in polnischer Gefangenschaft nach dem polnischen Überfall 1920 auf die Sowjetunion. Deutschland ist sicher gut beraten, wenn es  Belastendes ebenfalls nicht unter den Teppich kehrt und Geschichte nicht verfälscht.

Mit Empörung mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass die Bundesregierung bei der Frage der Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter inzwischen auf die Linie von Rot-Grün eingeschwenkt ist und selbst eine symbolische Entschädigung für die Opfer ablehnt, die für eine Anerkennung des Leids sowie für eine Rehabilitierung wichtig wäre. Rehabilitiert hat dagegen der Bundestag alle Wehrmachtsdeserteure, selbst die, die sich feige gedrückt haben, anstatt flüchtende Frauen und Kinder vor der Roten Armee zu schützen. Diese Politik liegt ganz auf der Linie, nicht an deutscher Alleinschuld zu kratzen, sondern ungestört  möglichst viel zu bekennen, ja einen Schuldstolz aufzubauen.

Zuversicht gibt uns die Entwicklung auf europäischer Ebene. Der Zusammenschluss von Vertriebenenverbänden aus acht Ländern hat Aufmerksamkeit erregt. Die Vereinigung wurde bei der EU akkreditiert und findet Unterstützer bei anderen Regierungen, während man sich in Deutschland weigert, bestehende offene Fragen überhaupt anzusprechen.

Schlesien war für das Patenland Niedersachsen im letzten Jahr ein besonderes Thema. Vor allem die dreitägige Veranstaltung zum 60-jährigen Bestehen der Patenschaft für die Landsmannschaft Schlesien zeigte die Wertschätzung gegenüber den Schlesiern. Im nächsten Jahr werden wir mit Unterstützung des Landes am 25./26. Juni das Deutschlandtreffen veranstalten. Ministerpräsident McAllister und Innenminister Schünemann werden auf den Veranstaltungen sprechen. Machen wir das Treffen wieder zu einem eindrucksvollen Heimatfest, ja auch zu einem Bekenntnis zu Schlesien.

Wir können stolz sein auf unsere Heimat, denn sie war ein reiches Kulturland, das Deutschland viel gegeben hat. Ohne den bedeutenden Beitrag Schlesiens wäre die deutsche Identität nicht die, die sie heute ist. Was wäre die deutsche Romantik ohne Joseph von Eichendorff? Was wäre der deutsche Naturalismus ohne Gerhart Hauptmann? Was wäre die deutsche Arbeiterbewegung ohne Ferdinand Lassalle, den Gründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, dem Vorläufer der SPD. Was wäre die Dichtung des Barock ohne die dominierenden schlesischen Dichter? Selbst das Brandenburger Tor sähe wohl anders aus, wenn es nicht vom schlesischen Baumeister Carl Gotthard Langhans erbaut worden wäre. Wie arm wäre Deutschland ohne die 13 schlesischen Nobelpreisträger?

Die Schlesier haben dieses kulturelle Erbe einzubringen und zu pflegen. Dies werden wir auch künftig mit aller Kraft tun. Die Landsmannschaft Schlesien wird auch unsere Landsleute in der Heimat dabei unterstützen, die kulturellen Traditionen Schlesiens zu bewahren. Es ist sicher für uns ein Lichtblick, wenn wir hören, dass auch junge Polen heute danach fragen, wer früher in Schlesien gelebt hat. Dies gibt Hoffnung, nachdem über lange Zeit versucht wurde, die deutsche Vergangenheit Schlesiens auszulöschen. Zwar finden wir andererseits noch viele Fälschungen der Geschichte, der Selbstfindungsprozess der Polen ist aber eingeleitet. Durch die kulturellen Verbrechen ist das Land ärmer geworden, stellte kürzlich der bekannte polnische Historiker Bogdan Musial fest. Er meinte damit die von Polen nach dem Krieg betriebene Auslöschung der deutschen Vergangenheit. Wir sollten aufpassen, das wir nicht alle ärmer werden, vor allem in Deutschland. Die Landsmannschaft Schlesien wird mit ganzer Kraft gegen diese Verarmung arbeiten, sie bleibt für Schlesien und die Schlesier in der Pflicht.

Ich wünsche Ihnen ein gutes und erfolgreiches Jahr 2011.

 

 

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