ps Pressedienst Schlesien
Presseinformationen
der Landsmannschaft Schlesien - Nieder- und Oberschlesien e.V.
Bundesgeschäftsführung:
Dollendorfer Str. 412, 53639 Königswinter, Tel.: (02244) 9259-0, Fax: (02244)
9259-290
Nr. 08/2012 18. April 2012
Unsere Aufgabe heißt Schlesien
- Kulturelle Traditionen müssen deutlicher werden -
Rudi Pawelka, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien
„Erbe erhalten - Zukunft gestalten“, lautet das diesjährige Leitwort zum Tag der Heimat. Bundeskanzlerin Angela Merkel nahm dieses Motto zum Ausgangspunkt ihrer Rede beim Jahresempfang des Bundes der Vertriebenen am 20. März im Kronprinzenpalais in Berlin. Offenbar noch unter dem Eindruck der vorher im Hause besichtigten Ausstellung „Heimatweh“, eine aus drei Einzelausstellungen bestehende Präsentation des „Zentrum gegen Vertreibungen“, die in den Jahren zuvor unter den Namen „Die Gerufenen“, „Erzwungene Wege“ und „Angekommen“, in verschiedenen Städten zu sehen waren, änderte die Kanzlerin kurzfristig ihren vorbereiteten Redetext. „Das reichhaltige Kulturerbe ist Teil unserer deutschen Identität, aus dem uns zugleich eine einzigartige Bindekraft in Europa erwächst. Dieses Erbe zu erforschen und auch jungen Menschen zu vermitteln ist, wie ich finde, eine sehr wichtige Aufgabe“, legte sie den Teilnehmern ans Herz. Unter Hinweis auf die Kulturförderung durch Bund und Länder würdigte die Regierungschefin insbesondere das Engagement der Vertriebenen und ihr Drängen darauf, dass ihre Herkunft, ihre Traditionen, ihre Bindungen auch heute in unserer Bundesrepublik Deutschland deutlich werden.
Anerkennung für ostdeutsche Kulturarbeit.
Es ist in der Tat das große Verdienst der Vertriebenen, die kulturellen Traditionen Ostdeutschlands bis zum heutigen Tage im Bewusstsein gehalten zu haben und nicht nur in der eigenen Erinnerung. Wir müssen erkennen, dass ohne eine lebendige ostdeutsche Komponente sich Deutschland verändern und die deutsche Kulturlandschaft damit auch ärmer würde. Wenn Frau Merkel in diesem Zusammenhang auf eine Anzahl kultureller Einrichtungen einging, die durch Bund und Länder im Rahmen der Kulturförderung nach § 96 BVFG geschaffen wurden, so können sich die Vertriebenenverbände auch hier auf die Fahnen schreiben, durch ihre Anstöße und ihr beharrliches Wirken Wesentliches dazu beigetragen haben, denn ohne sie wäre sicher vieles nicht geschaffen worden. Allerdings sind diese Zeugnisse der Kultur der Vertreibungsgebiete nur im Bewusstsein der Deutschen und der Welt gemäß dem gesetzlichen Auftrag zu halten, wenn hierfür größere Anstrengungen als bisher unternommen werden. Durch das zunehmende Abtreten der Erlebnisgeneration wird ein entscheidender Bruch erfolgen, denn viele Ehrenämtler werden nicht mehr zur Verfügung stehen. Deshalb heißt es, durch eine verstärkte staatliche Förderung gegenzusteuern. Vergleicht man heute die Aufwendungen der öffentlichen Hand für die ostdeutsche Kultur mit denen für Opernhäuser, Theater oder Museen der einheimischen Bevölkerung, so ist der Anteil für die ostdeutschen Einrichtungen verschwindend gering. Allein einzelne Theater oder Opernhäuser übertreffen den Gesamtbetrag der Förderung des Bundes oder einzelner Länder, die im Rahmen des § 96 BVFG geleistet wird.
Staatliche Förderung muss gesteigert werden.
Die Kultur allein in Museen zu verbannen, ist natürlich zu wenig. Wenn man das kulturelle Erbe stetig in unsere Bevölkerung tragen will, müssen auch anerkannte deutsche Kultureinrichtungen dies in ihr Programm aufnehmen. Ebenso stehen die Medien hier in der Pflicht. Beides ist leider nicht gelungen. Örtliche oder überregionale Aktivitäten unserer Verbände können die mangelhafte öffentliche Unterstützung nicht ausgleichen. Und so bleibt festzuhalten, dass die wohlmeinenden Worte der Kanzlerin uns zwar gut tun, aber eine gute Förderung wäre besser. Wenn man die vielen Projekte im In- und Ausland kennt, die von Deutschland mit hohen Summen finanziert werden, obwohl ihr Nutzen nicht selten angezweifelt werden muss, bleibt die stiefmütterliche Behandlung unseres Anliegens nicht verständlich. Es zeigt sich eben doch, dass eine Unterstützung immer abhängig ist von der politischen Wertigkeit die der Sache zugemessen wird.
Kultur für Deutsche in der Heimat lebenswichtig.
Es geht aber nicht nur um die Sichtbarmachung der ostdeutschen Kultur in der Bundesrepublik. Nach der Wende im Osten war es von Anbeginn unser Ziel, die Kultur dahin zu tragen, wo sie zu Hause ist, für uns also nach Schlesien. Insbesondere in den ersten Jahren wurde durch unsere Gruppen wichtige Grundlagenarbeit geleistet. Seminare für Trachtenschneiderei, Volkstanz und Kultur standen auf dem Programm. Sichtbare Pflöcke als Zeugnisse der deutschen Vergangenheit wurde gesetzt. Hilfen für die Renovierung von Kirchen, den Erhalt von Friedhöfen und Kulturdenkmälern aller Art zählen dazu. Mit der Belebung schlesischer Kulturtraditionen verbanden wir auch die Hoffnung, dadurch unsere deutsche Volksgruppe zu stärken und damit deutsches Leben in der Heimat. Wenn die letzte Volkszählung in Polen als Maßstab genommen wird, konnte dieses Ziel nicht erreicht werden. Uneingeschränkt zur deutschen Nation bekannten sich nur noch 49 000 Einwohner, weitere 60 000 gaben „deutsch“ nur an zweiter Stelle und „polnisch“ oder „schlesisch“ an erster Stelle an. Vor zehn Jahren bekannten sich noch 153 000 Menschen in erster Linie als „deutsch“. Die Zahl derer, die 2002 „schlesisch“ als nationale Zugehörigkeit angegeben hatten, betrug 190 000. Zehn Jahre später bekannten sich hierzu 809 000 Menschen. Sicher sind viele Deutsche aus Opportunitätsgründen ausgewichen in die Bezeichnung „schlesisch“, jedoch ist dies kein Beleg für das Aufblühen alter schlesischer Kultur. Einen deutschen Bezug kann man auch nicht in der neuen schlesischen Autonomiebewegung erkennen. Das verbindende Element muss vielmehr in dem schlonsakischen (wasserpolnischen) Dialekt gesehen werden, der auch vor 1945 in Teilen der deutschen und von der polnischen Bevölkerung in Oberschlesien gesprochen wurde.
Entscheidend für die Abnahme des deutschen Bekenntnisses dürfte das zunehmende Abtreten der älteren Generation sein, die die deutsche Sprache noch aus deutscher Zeit beherrscht. Fehlende deutsche Schulen und Kindergärten sind die Ursache dafür, dass das Deutschtum immer mehr verloren geht. Alle unsere Anstrengungen konnten dies nicht ausgleichen. Von polnischer Seite ist man nicht an dem Erhalt einer stärkeren deutschen Volksgruppe interessiert und verhindert entscheidende Unterstützungen. In Deutschland gilt das Prinzip Vorsicht, Polen soll nicht verärgert werden, und deshalb ist nicht damit zu rechnen, dass die deutsche Regierung sich für die Deutschen so engagieren wird, wie dies die polnische Regierung für die Auslandspolen immer wieder tut. Die deutsche Volksgruppe selbst hat die Kulturarbeit über lange Zeit nicht zum Schwerpunkt ihrer Arbeit gemacht. Dies hat sich mit der neu gewählten jungen Führung in Schlesien geändert, jedoch ist fraglich, ob die Defizite der vergangenen Jahre noch aufzuholen sind. Ob Polens Haltung sich gegenüber der deutschen Bevölkerung aufgrund der vor einigen Monaten erfolgten Rüge des Europarats wegen der Verletzung der Minderheitenrechte ändern wird und Deutschen ihre Rechte zuerkennt, bleibt zu bezweifeln. Schließlich ist Warschau bekannt, dass die deutsche Regierung nicht intervenieren wird, zumal das Thema in der deutschen Bevölkerung aufgrund von Unwissen wenig Interesse findet und die deutschen Medien dazu schweigen.
Deutsche Kulturpflege durch Polen.
Mit Interesse verfolgen wir, wie auch Polen sich um das kulturelle deutsche Erbe bemühen. Das renovierte Breslauer Königsschloss, an dessen authentischer Einrichtung es nur wenig zu beanstanden gibt, gehört dazu. Gravierende Geschichtsfälschungen an anderer Stelle begegnen uns jedoch auf Schritt und Tritt. Wenn auf einer Inschrift am Ohlauer Bahnhof steht, hier sei die erste Eisenbahn auf polnischem Boden nach Breslau gefahren, oder es in Stadtchroniken heißt, die Deutschen seien 1945/46 in ihr Heimatland zurückgekehrt, so schmerzt dies sehr. So sehr wir uns über die positiven Beispiele freuen: Der Existenz der deutschen Volksgruppe hilft das nicht.
Trotz allem können die Vertriebenen stolz darauf sein, was sie in den Heimatgebieten geleistet haben. Nur ihnen ist es zu verdanken, dass durch ihre Hilfen und ihre Zuwendung einige Leuchttürme entstanden sind und für die Deutschen in der Heimat die Verbindung zu den Landsleuten bei uns hergestellt werden konnte. Daran wollen wir auch künftig arbeiten, dies ist unsere Verpflichtung gegenüber unseren Vorfahren, die Schlesien zu einer Perle deutscher Kultur gemacht haben. Nur wer beharrlich ist, kann etwas erreichen.
Abdruck, auch auszugsweise, mit Quellenangabe gestattet.
Belegexemplar erbeten. Erscheint nach Bedarf.